ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2009Triest: „Abstellkammer der Zeit“

KULTUR

Triest: „Abstellkammer der Zeit“

Dtsch Arztebl 2009; 106(17): A-831 / B-709 / C-691

Goddemeier, Christof

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Canal Grande: ein Beispiel für gelungene klassizistische Stadtplanung Foto: picture-alliance/akg
Canal Grande: ein Beispiel für gelungene klassizistische Stadtplanung Foto: picture-alliance/akg
Eine literarische Hauptstadt in Europa

Du weißt, dass ich Slawe, Deutscher, Italiener bin“, schreibt der triestinische Schriftsteller Scipio Slataper (1888 bis 1915). Triest ist eine Stadt im „Grenzgebiet der Kulturen“ – so drückt es sein Kollege Claudio Magris aus, der seit Langem hier lebt. Friaul-Julisch Venetien heißt die Region, deren Hauptstadt Triest ist. Dabei gehört der größte Teil des Gebietes, das man einmal Venezia Giulia nannte, heute zu Slowenien und Kroatien.

Ursprünglich ist Triest italienisch, obwohl es geografisch nicht zur Apennin-, sondern zur Balkanhalbinsel gehört. Nach zermürbenden Kämpfen mit Venedig stellt die Stadt sich 1382 unter die Herrschaft der Habsburger. Da zählt sie 5 000 Einwohner. Mithilfe des österreichischen Kaiserhauses entwickelt der Ort sich im 18. und 19. Jahrhundert zur Handels- und Finanzmetropole. Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs gewinnt Italien einen Hafen, den es nicht braucht, und Österreich verliert seinen Zugang zum Meer. 1945 beanspruchen Titos Partisanen die Stadt, und eine jahrzehntelange Ungewissheit beginnt. Erst 1975 wird die italienisch-jugoslawische Grenze festgelegt – seitdem gehört Triest endgültig zu Italien.

Venezianische Tradition: Die Ursprünge der zahlreichen Kaffeehäuser gehen auf das 18. Jahrhundert zurück, als nach dem Beispiel Venedigs die ersten „botteghe da caffee“ eröffneten. Foto: Visum
Venezianische Tradition: Die Ursprünge der zahlreichen Kaffeehäuser gehen auf das 18. Jahrhundert zurück, als nach dem Beispiel Venedigs die ersten „botteghe da caffee“ eröffneten. Foto: Visum
Heute zählt die Stadt gut 200 000 Einwohner und verfügt über eine lebendige Universität. Die mächtigen Paläste an der zum Meer offenen, weitläufigen Piazza dell’Unità d’Italia erinnern eher an Österreichs Hauptstadt als an einen Ort in Italien. Mediterranes Flair erwartet man hier vergebens. Lediglich der Palazzo Pitteri stammt aus dem späten 18. Jahrhundert, alle anderen den Platz umrahmenden Gebäude sind jünger.

Wie Venedig hat auch Triest einen Canal Grande. Doch fahren auf ihm keine Gondeln. Im 18. Jahrhundert bildete er den Mittelpunkt des von Maria Theresia geplanten Borgo (= Vorstadt) Teresiano; heute liegen an seinen Ufern Fischerboote. Vom Meer kommend, ist er genauso breit wie die Kirche Sant’Antonio, an deren Stufen er ursprünglich endete – ein schönes Beispiel für gelungene klassizistische Stadtplanung. Keine hundert Meter entfernt, vermittelt die serbisch-orthodoxe Kirche San Spiridione einen Hauch von Orient.

Triest – das ist auch eine Hauptstadt europäischer Literatur. Der Kaufmann Ettore Schmitz alias Italo Svevo schreibt hier unerkannt seine ersten beiden Romane „Una Vita“ und „Senilità“. Erst James Joyce macht den Zweifelnden auf sein Talent aufmerksam. Von 1905 bis 1915 lebt der Ire in Triest und ist eng mit Svevo befreundet. Immer wieder stößt der Besucher auf Bronzefiguren der bedeutenden Triester Dichter.

Das Psychiatrische Krankenhaus von Triest liegt etwas außerhalb am Berg. Als San Giovanni 1908 eröffnet wird, ist Triest gerade dabei, Sigmund Freud zu entdecken. Mit Freuds Schüler Edoardo Weiss erlebt die Psychoanalyse eine Blütezeit. Anfang der 70er-Jahre ist der Arzt Franco Basaglia Vorreiter einer tief greifenden Psychiatriereform, 1971 übernimmt er die Leitung von San Giovanni. Heute haben die Pavillons der Klinik neue Bewohner: Studenten, einige Institute der Triester Universität, Beratungsstellen für Suchtkranke. „La libertà è terapeutica“ steht an einer Mauer und erinnert an den Aufbruch vor gut 30 Jahren.
Christof Goddemeier

Buchtipps:
1. K. Zimmermanns, A.C. Thiel: Friaul und Triest. Köln 1994.
2. S. Schaber: Logenplätze in Friaul und Triest. Wien 2008.
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