ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2009Neurodegeneration: Alzheimer-Demenz in Forschung und Realität

PHARMA

Neurodegeneration: Alzheimer-Demenz in Forschung und Realität

Leinmüller, Renate

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LNSLNS Trotz großen Wissenszuwachses bleibt eine kausale Therapie der Erkrankung Wunschdenken.

Demenzen nehmen nicht nur in Industrienationen, sondern auch in China, Afrika und
Indien zu. Weltweit leiden schätzungsweise 25 Millionen Menschen an einer Alzheimer-Demenz – und die Zuwachsraten sind höher als beim Mammakarzinom. Die Ursachen der Erkrankung sind ungeklärt, obwohl die Erkenntnisse über molekulare Vorgänge massiv zugenommen haben. Ob und wann es überhaupt „das“ Alzheimer-Medikament geben wird, ist unklar. Trotzdem zeigte sich Prof. Dr. med. Harald Hampel (Dublin und München) verhalten optimistisch hinsichtlich einer sekundär-präventiven Therapie.

Weltweit laufen 123 Studien
Herbe Rückschläge für die Alzheimer-Therapie bedeuten drei große klinische Studien, die trotz unterschiedlicher „Strategien“ – entsprechend der verschiedenen Hypothesen zur Pathophysiologie – nicht den erhofften Erfolg gezeigt hatten, zum Teil jedoch schwere Nebenwirkungen. Weltweit laufen derzeit 123 klinische Studien, die ersten präventivmedizinischen sind in Phase II und III. Im Pipeline-Status waren im Juli 2008 noch
- 27 Substanzen in Phase I
- 25 in Phase II und
- 10 in Phase III
Inzwischen habe sich die Zahl etwa verdoppelt, so Prof. Dr. med. Peter Riederer (Würzburg). Die Strategien bleiben unterschiedlich, und die Substanzen zielen neben der Amyloid-Kaskade auf die verschiedensten Systeme (glutamaterges, cholinerges, histaminerges, serotonerges, Cannabiod- und Entzündungssystem) ab.

Die Pharmaindustrie setzt parallel auf verschiedene Strategien:
Nikotin-Acetylcholin-Rezeptor-Agonisten, Acetylcholinesterasehemmer, Gamma- und b-Sekretase, b-Amyloid-Impfung und Protein-Depositionshemmer.

Auch die frühe Störung des Glucosestoffwechsels, die Prof. Dr. Siegfried Hoyer (Heidelberg) als langjähriger Vorstandsvorsitzender der Hirnliga favorisiert, rückt wieder in den Fokus. Gegen die veränderte zentrale Glucoseverwertung mit nachgeschalteter gestörter neuronaler Insulintransduktion gehen Glykogen-Synthetase-Kinase-3-Hemmer ins Rennen; mit PPAR*-Gamma-Agonisten bietet sich ein Ansatz direkt am Insulinrezeptor an.

Andererseits könnten die Mitochondrien eine zentrale frühe Endstrecke verschiedener Prozesse sein, die im Zusammenwirken die Funktion dieser Energiekraftwerke – ATP-Lieferung und Apoptose – störten, sagte Prof. Dr. med. Walter Müller (Frankfurt/Main). Nach einer Publikation in „The Lancet“ soll ein „uraltes“ Antihistaminikum aus Russland einen mitochondrialen Angriffspunkt und nach den veröffentlichten Daten spektakuläre Erfolge haben – entgegen allen gängigen Hypothesen. Die Substanz ist nach Angaben von Müller allerdings derzeit nicht verfügbar.

Der Eingriff in einer relativ späten Phase der Erkrankung mit fortgeschrittener Neurodegeneration ist wahrscheinlich nicht der ideale Startpunkt für eine Therapie. Für einen Studienbeginn in der präklinischen Phase müssten allerdings anstelle der klinischen Diagnose nach ICD-10 spezifische und valide Biomarker als Parameter entwickelt werden. Hampel zufolge scheinen sie für die Amyloid-Kaskade bereits gefunden zu sein. Beim Neuroimaging gehe die Entwicklung bei PET in Richtung Hochfeld, womit bereits kleine Läsionen sichtbar werden.

Hausarzt ist Weichensteller
Die Prävalenz von Alzheimer-Kranken in Altersheimen steigt indessen kontinuierlich: in 13 Mannheimer Heimen von 55 Prozent im Jahr 1995 auf 65 Prozent im Jahr 2003. Von den rund zwei Millionen pflegebedürftigen Alzheimer-Patienten wird jedoch nur ein Drittel im Heim betreut, zwei Drittel werden zu Hause versorgt. Eine Therapie der kognitiven Störungen erfolgt laut Dr. Martin Haupt (Düsseldorf) im Heim nur selten – und wenn, dann mit Trizyklika und konventionellen Neuroleptika.

Bei der Diagnosestellung ist der Hausarzt der wichtigste Weichensteller, und er bleibt die „Drehscheibe“ bei der Koordination der Dienstleister. „Aber er ist nicht derjenige, der für alles zuständig ist und nicht der dauernde Ansprechpartner“, präzisierte Haupt. Er setzte sich engagiert dafür ein, dem Patienten die Diagnose mitzuteilen und sie nicht zu bagatellisieren. Durch eine Therapie ist die stabile Phase zu verlängern – was Patienten und Angehörigen die Chance gibt, sich auf die schlechteren Zeiten vorzubereiten und die weiteren Optionen gemeinsam zu besprechen.
Dr. rer. nat. Renate Leinmüller
*PPAR = Peroxisome Proliferator Activated Receptor

Symposium der Hirnliga e.V. „Alzheimer-Forschung und -Behandlung – Ausblick und Realität“ in Frankfurt am Main

Vision
Mit einer frühzeitigen und umfassenden Behandlung mit Medikamenten und nicht medikamentösen Verfahren ist die Entwicklung der Alzheimer-Krankheit um ein bis zwei Jahre zu verlangsamen. Eine Verzögerung um nur fünf Jahre würde die Zahl der Alzheimer-Patienten um 50 Prozent senken. Bei einer Verschiebung um zehn Jahre wäre die Erkrankung so gut wie verschwunden.

Hirnliga e.V.: Die Alzheimer-Krankheit
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