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Rentenmarkt: Zinsjagd mit Risiko

Jobst, Peter

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Geldanleger haben es derzeit nicht leicht: Die Banken bieten nur Magerkost bei den Zinsen, Aktien und Aktienfonds unterliegen hektischen Kursausschlägen, und festverzinsliche Wertpapiere weisen enorme Zinsdifferenzen auf.

Als die durchschnittliche Umlaufrendite im Jahr 2005 die Marke von drei Prozent unterschritten hatte, waren sich Experten sicher: Die Niedrigzinsphase werde nicht von langer Dauer sein. Und in der Tat kam es in den folgenden Jahren zu deutlichen Zinssteigerungen, die im Sommer 2008 bei einem Wert von rund 4,75 Prozent einen – vorläufigen – Abschluss fanden. Doch dann kam die Wirtschaftskrise: Die Aktienmärkte brachen ein, auch mit Rohstoffen war kein Geld mehr zu verdienen. Entsprechend schichteten viele Anleger ihr Geld in den „sicheren Hafen“ der Rentenwerte um. Hinzu kamen die massiven Liquiditätsmaßnahmen der Regierungen, die letztlich den Kapitalmarkt überschwemmten. Die Folge: Die Zinsen gaben massiv nach, Mitte Februar 2009 erreichte die Umlaufrendite mit 2,75 Prozent einen historischen Tiefststand.

Allerdings hat sich der Markt gespalten wie selten zuvor: Eine große Nachfrage und die daraus resultierenden niedrigen Renditen gibt es lediglich für Papiere, die als absolut sicher gelten. Dies sind Bundeswertpapiere, aber auch Anleihen von Schuldnern mit erstklassiger Bonität. Hier bringen Papiere mit fünf Jahren Restlaufzeit oftmals weniger als 2,2 Prozent, in manchen Fällen wird sogar die 2-Prozent-Marke nach unten durchbrochen. Schon der kleinste Hauch von Unsicherheiten führt jedoch dazu, dass die Rendite deutlich höher liegt. Dies beginnt bereits bei Anleihen anderer EU-Staaten wie etwa Griechenland, die mit Renditeaufschlägen von oftmals mehr als einem Prozentpunkt gehandelt werden, und reicht über Unternehmensanleihen renommierter Konzerne mit bis zu drei Prozentpunkten Zinszuschlag bis hin zu Papieren, deren Sicherheit nicht vollständig gewährleistet ist und die oftmals mit mehr als zehn Prozent verzinst werden. Titel wie die Anleihe des Reiseveranstalters TUI mit Laufzeit bis 2012 bringen sogar mehr als 20 Prozent Jahresertrag – vorausgesetzt, Zins und Tilgung werden termingerecht bezahlt.

Ebenfalls extrem hochverzinst sind die vor einigen Jahren beliebt gewordenen nachrangigen Anleihen sowie Genussscheine. Hier sehen die Emissionsbedingungen vor, dass der Käufer des Papiers an einem eventuellen Verlust des Unternehmens beteiligt wird, etwa in Form eines Zinsausfalls, einer Kapitalherabsetzung oder – im ungünstigsten Fall – sogar mit dem vollständigen Ausfall von Zins- und Tilgungszahlungen. Nachdem bereits die ersten namhaften deutschen Institute erklärt haben, angesichts ihrer Milliardenverluste von dieser Regelung Gebrauch machen zu wollen, ist eine Handelbarkeit derartiger Papiere zu fairen Kursen praktisch nicht mehr möglich.

Diese extreme Entwicklung des als „sicherer Hafen“ geschätzten Anleihemarktes macht es für Anleger nicht leicht, Kapital zu investieren. Einerseits bringen die Staatsanleihen einen derart niedrigen Zins, dass damit nach Abzug der Abschlagsteuer kaum die Inflationsrate erwirtschaftet werden kann. Andererseits kann heute niemand sagen, wie lange die Wirtschaftskrise noch dauern wird und welche Unternehmen ihr zum Opfer fallen werden. Ein Investment in hochverzinste Unternehmensanleihen ist damit zu einem Vabanquespiel geworden, das kein vorsichtiger Anleger in nennenswertem Umfang eingehen sollte.

Aktuell ist daher das „Abwarten“ die beste Lösung. Alternativ zu Käufen am Renditenmarkt bieten sich nach wie vor Tages- und Festgelder an, selbst wenn hier die Renditen in den vergangenen Monaten deutlich zurückgegangen sind. Im Fall eines Direktinvestments sollten die Schwerpunkte im kürzeren Laufzeitbereich – also auf drei bis fünf Jahre – gelegt und die Risiken damit begrenzt werden. Hingegen besteht bei Papieren mit längeren Restlaufzeiten die Gefahr, dass die Kurse im Fall eines Zinsanstiegs massiv einbrechen. Die heute damit erzielbare Rendite von durchschnittlich 4,2 Prozent steht jedoch in keinem angemessenen Verhältnis zu den bestehenden Risiken.

Bei der Titelauswahl sollte eine solide Mischung aus Sicherheit und Rendite gefunden werden. Der Schwerpunkt eines Anleihenportfolios sollte aus sicheren Papieren bestehen, also etwa Bundesanleihen und Schuldverschreibungen vom Emittenten mit untadliger Bonität. Überlegenswert kann es aber auch sein, den einen oder anderen Titel aus der zweiten oder gar dritten Reihe zuzumischen. Viele Experten gehen davon aus, dass die heutige Risikobewertung deutlich übertrieben ist und die Ausfälle weitaus seltener sein sollten, als dies die aktuellen Kurse signalisieren. Dennoch sollten sich Anleger nach Möglichkeit selbst über den Emittenten informieren, die Ratingbewertungen abfragen und nicht zuletzt eingegangene Engagements laufend beobachten. Zeichnen sich erhöhte Risiken ab, ist oft der schnelle Ausstieg die beste Lösung. Alternativ bieten sich hier Fondslösungen an, die zwar mit vergleichsweise hohen Gebühren belastet sind, andererseits aber breitere Streuungsmöglichkeiten bieten als Direktinvestments.

Eine Alternative ist auch ein moderates Engagement in Fremdwährungen, unter denen der amerikanische und kanadische Dollar, aber auch der Schweizer Franken, der Japanische Yen und nicht zuletzt die Norwegische Krone eine Rolle spielen. Die Renditen liegen zwar in den meisten Fällen kaum höher als bei Euro-Papieren, jedoch bedeutet diese Diversifizierung auch ein höheres Maß an Sicherheit. Denn die Befürchtungen eines sprunghaften Anstiegs der Inflationsrate in der Eurozone sind angesichts der massiven Hilfspakete durchaus ernst zu nehmen. Kommt die Inflationsspirale in Gang, dürfte dies auch den Eurokurs belasten. Peter Jobst
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