ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSSUPPLEMENT: PRAXiS 2/2009Börsebius rund ums Geld: Posttraumatische Belastungsstörungen

SUPPLEMENT: PRAXiS

Börsebius rund ums Geld: Posttraumatische Belastungsstörungen

Rombach, Reinhold

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LNSLNS Krise – welche Krise? Ginge es nach den letzten drei Wochen, haben die Anleger entweder ein kurzes Gedächtnis oder ein gutes Gespür: Der Deutsche Aktienindex DAX legte um gut 1 000 Punkte zu. Ob das nun der Auftakt einer neuen Börsenhausse ist oder nur ein Zwischenhoch auf dem Weg in die tiefe Depression, versucht unser Kolumnist Börsebius einzuordnen.

Fotos: dpa
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Mausetot. Die Banken weltweit sind praktisch am Ende und können nur mit staatlicher Hilfe überleben. Mit windigen Bilanzkonstruktionen und wertlosen Kreditpyramiden haben sich die Geldinstitute nicht nur in den eigenen Sumpf versenkt, aus dem sie sich wie weiland Münchhausen eben nicht am eigenen Schopfe herausziehen können, sondern die mächtigen Finanzchefs rissen in ihrer maßlosen Gier zudem auch noch die Weltwirtschaft in den Abgrund. Der riesige Giftmüllhaufen toxischer Wertpapiere kann, so der Konsensus der Verantwortlichen aus Wirtschaft und Politik, nur über eine wie auch immer geartete Bad Bank entsorgt und entschärft werden. Bezahlen muss dies alles der Staat und damit der Bürger, der wohl Bürger heißt, weil er für die Maßlosigkeit anderer gleichwohl zu bürgen hat, als hätte er nicht schon genügend Geld verloren angesichts hoher zweistelliger Verluste mit ehemals als sicher propagierten Papieren.

Halt, Stopp, Klappe! Wie in einem abrupten Filmriss scheint sich das Szenario urplötzlich geändert zu haben. Ist ja alles gar nicht so schlimm mit den Banken. Weltweit melden die Kreditinstitute schwarze Quartalszahlen – welche Überraschung.

Bei der Citigroup, unlängst noch als kaum überlebensfähig taxiert, hätte der Staat nicht 45 Milliarden US-Dollar frisches Geld in die marode Bank gepumpt, ist für die ersten drei Monate des Geschäftsjahres ein Gewinn von 1,6 Milliarden US-Dollar angefallen. Goldman Sachs schaffte einen Gewinn von 1,8 Milliarden US-Dollar und Wells Fargo verdoppelt diese Summe fast mühelos. Von der Deutschen Bank sind ebenfalls gute Zahlen zu hören. Erste Meldungen machen bereits die Runde, dass einige dieser Banken die staatliche Stütze zurückzahlen wollen, um das Joch zu vieler Aufpasser und Kontrolleure wieder abschütteln zu können.

Wird denn auch genau hingesehen, hat die jüngst erlebte Börsenhausse genau die Erholung der Bankengewinne als Ursache. Das ist natürlich ziemlich verblüffend, galten gerade Bankaktien aus Expertensicht auf Jahre hinaus als faule Eier. Aber es kam wieder einmal anders, als die Auguren es sehen wollten, Finanzwerte reüssierten als Erste und zogen dann den Gesamtmarkt mit nach oben. Die traumatisierten Börsianer jubelten entsprechend und vergaßen gern und schnell die Vorgeschichte.

Alle Anleger, die bei den ersten tausend Indexpunkten im DAX nicht dabei waren, und ich glaube, das waren die meisten, schicken sich an, das Pulver, so sie noch welches haben, wieder in die Aktienmärkte zu investieren. Aus purer Angst, mal wieder auf dem falschen Fuß erwischt zu werden und auf Gewinne verzichten zu müssen, die andere schon gemacht haben und noch machen könnten.

An der Stelle ist es sicher interessant darüber nachzudenken, was Geld eigentlich im Gehirn anrichtet, was in den Köpfen vor sich geht, wird Geld angelegt, wird Geld gewonnen oder eben auch verloren. Erst seit ein paar Jahren ergründen Psychologen, Ökonomen und Neurowissenschaftler das Phänomen, warum unser Verstand bei finanziellen Fragen oft aussetzt, verbunden mit der Erkenntnis, dass es den Homo Oeconomicus aus den wirtschaftswissenschaftlichen Lehrbüchern schlicht nicht gibt, zumindest nicht in Börsendingen. Das lässt sich auch ganz gut erklären. Sobald der schnöde Mammon ins Spiel kommt, übernehmen Hirnregionen das Kommando, die eben nicht fürs Rationale zuständig sind, sondern für die Bereiche, die etwa für Triebbefriedigung und Emotionen verantwortlich sind.

Ein kurzes Gedächtnis oder ein gutes Gespür der Anleger: Der Deutsche Aktienindex DAX legte in den vergangenen Wochen wieder deutlich zu.
Ein kurzes Gedächtnis oder ein gutes Gespür der Anleger: Der Deutsche Aktienindex DAX legte in den vergangenen Wochen wieder deutlich zu.
Peter Bossaerts, Neuroökonom an der polytechnischen Universität Lausanne, glaubt, dass Menschen, die Börsen und Anlagemöglichkeiten durchforsten, dieselbe neuronale Maschinerie einsetzen, die sie früher benutzt haben, um in der Steppe nach Nahrung zu suchen. Der Forscher bezweifelt denn auch zu Recht, ob sich dieses entwicklungsgeschichtlich uralte System für finanzielle Entscheidungen eignet.

Spannend finde ich auch die Versuche von Brian Knutson – wenn sie auch zumindest am Anfang recht makaber sind. Er wollte rauskriegen, was intensivste Emotionen unter der Schädeldecke bewirken. Der Hirnforscher von der Stanford University schob hierfür Freiwillige in den Magnetresonanztomografen und zeigte den Probanden Fotos von Nackten und – Verzeihung – von geköpften Leichen. Große Überraschung: Die Reaktionen auf die grausamen Exponate verblassten im Vergleich zu der Reaktion, als er denselben Versuchspersonen Bargeld unter die Nase hielt. Jetzt feuerten die Neuronen im Nucleus accumbens wie wild. Diese Region gilt als neuronales Belohnungsnetzwerk, das es zur Aufgabe hat, unsere Grundbedürfnisse zu befriedigen. Elementare Dinge wie Essen, Trinken, Sex und offenbar eben auch Geld führen zur Freisetzung des Botenstoffs Dopamin, der uns Glücksgefühle beschert. Kurios: Stecken die Scheine tatsächlich erst mal im eigenen Geldbeutel, übernimmt der präfrontale Kortex das Kommando, der bekanntlich als Sitz der Vernunft gilt. Deshalb sind vielleicht manche Millionäre auch so knickrig und haben einen Igel in der Tasche. Anscheinend ist also die Gier auf das Geld stärker einprogrammiert als der Besitz des Geldes selbst.

Ähnlich funktioniert es mit der Angst. Während Angst in der Tat kein schlechter Ratgeber war, wenn früher die Steppen und Savannen durchstreift wurden, so erweist sich die Tatsache, dass Emotionen die Risikoabschätzung (falsch) beeinflussen, an den Finanzmärkten als fatal. Eben dieser Angstreflex erklärt auch, warum Anleger auf Verluste überreagieren, statt das Risiko vernunftgerecht abzuwägen, und daher rühren auch die Verläufe und die Ausmaße von Panikverkäufen.

Doch zurück zu den guten gemeldeten Quartalszahlen der Finanzinstitute und der damit verbundenen Erholung der Bankaktien als Vorreiter der jüngsten Börsenhausse. Ich bin wirklich verblüfft, wie kritiklos viele Medien und Berichterstatter einfach die guten Zahlen hinnehmen, hinausposaunen, damit die Kurse mit anfeuern, ohne die gelieferten Daten und Fakten genauer zu hinterfragen. Es ist aber hier dringend vonnöten, hinter die Fassade zu schauen und in die Detailprüfung einzusteigen.

Der genaue Blick entblößt nämlich die guten Quartalszahlen als pure Kulissenschieberei. Bei Goldman Sachs half ein ganz simpler Trick: Das Geschäftsjahr (der Bilanzierung) wurde einfach umgestellt, sodass der miese Dezember aus dem Berichtszeitraum herausfiel. Einen ähnlich kreativen Ansatz wählte Wells Fargo, indem die US-Bank in großzügigster Weise von den neuen US-Bilanzierungsregeln Gebrauch machte, die den Banken ziemlich großen Spielraum einräumt, faule Aktiva so zu bewerten, wie es ihnen in den Kram passt.

Den Vogel im munteren Window Dressing schoss dabei die Citigroup ab, die ihren Gewinn um fette 2,5 Milliarden US-Dollar durch eine vor eineinhalb Jahren eingeführte Regel aufblähte. Diese Vorschrift erlaubt es den US-amerikanischen Banken, Kursverluste bei den von ihnen selbst ausgegebenen Anleihen als nicht realisierte Gewinne auszuweisen. Obacht! Dahinter verbirgt sich die – abstruse – Logik, dass eine Bank, wenn sie wollte, ihre eigenen Anleihen verbilligt zurückkaufen könnte und daraus ein Gewinn resultiere. Übrigens dürfen auch europäische Banken diese Regel anwenden, was sie bisher – möglicherweise aus Scham oder wegen der Einhaltung einer angemessenen Schamfrist – noch nicht getan haben. Da kann ja noch einiges auf uns zukommen.

Also: Die angeblich so guten Quartalszahlen der Banken taugen keinen Deut als Indikator, ob die Finanzkrise zu Ende ist oder nicht. Gleichwohl bin ich der Meinung, dass die Börsen sich mittelfristig auf einem guten Weg nach oben befinden. Allerdings dürfte das unter ziemlich großen Schwankungen ablaufen.

Die weltweit geschnürten Konjunkturpakete werden ihre Wirkung spätestens im nächsten Jahr positiv entfalten, die regulatorische Einbindung der Finanzmärkte wird sich genauso segensreich auswirken wie auch die staatliche Kandare der Hedgefonds das ungezügelte Schnüren von Risikopaketen verhindern wird. Hoffnungsfroh stimmen auch zaghaft zulegende Stimmungsindikatoren (Ifo-Index, Baltic Dry Index).

Nicht zuletzt werden die immer weiter sinkenden Zinsen für Festgelder dazu führen, dass sich die Anleger verstärkt den Aktien zuwenden. Bei Aktien gilt es aber, nur auf erste Wahl zu setzen, vor allem dividendenstarke Titel zu bevorzugen. Wer dagegen mit festverzinslichen Wertpapieren liebäugelt, wählt besser kurze Laufzeiten, weil spätestens in zwei Jahren die Zinsen deutlich anziehen werden. Wer mag, nutzt jetzt die goldenen Zeiten für Häuslebauer und erfüllt sich mit historisch niedrigen Kreditraten den Traum von den eigenen vier Wänden oder den Kauf einer Immobilie zur Alterssicherung.

Ob die Banker jemals für ihre krassen Fehler und ihren harschen Umgang mit den Kunden nebst kaputten Depots zur Verantwortung gezogen werden, steht freilich in den Sternen. Der ob seiner herben Verluste traumatisierte Investor greift zur Selbsttherapie mit einem erhöhten Maß an gesundem Misstrauen. Der Rest folgt von alleine. Reinhold Rombach


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