ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSPRAXiS 2/2009Standardisierte Datenkommunikation: Notwendige Voraussetzung für eine moderne Medizin

Supplement: PRAXiS

Standardisierte Datenkommunikation: Notwendige Voraussetzung für eine moderne Medizin

Dtsch Arztebl 2009; 106(18): [22]

Imhoff-Hasse, Susanne

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Streifzug durch wichtige Terminologien, Klassifikationen und Kommunikationsstandards

Elektronische Arztbriefe und die Gesundheitskarte, Qualitätssicherung und Krebsregister, Online-Abrechnungen mit der Kassenärztlichen Vereinigung, Infektionsschutzmeldungen, klinische Studien – für jeden Bereich gibt es unterschiedliche Vorgaben für die Dokumentation. Damit die elektronische Kommunikation im Gesundheitswesen erfolgreich verläuft, müssen Daten strukturiert erhoben werden und elektronisch austauschbar sein. Der standardisierte Datenaustausch in der Medizin nimmt mit eindeutigen internationalen Vorgaben für Strukturelemente und Terminologien Formen an. Diese Arbeiten laufen auf Hochtouren oder sind bereits abgeschlossen, um Diagnosen und Todesursachen, Laborwerte, Operationen sowie klinische Untersuchungen einfach, strukturiert und international kompatibel abzubilden.

Handlungsbedarf
Allerdings würden diese Arbeiten innerhalb der deutschen Tele­ma­tik­infra­struk­tur und bei Entscheidungsträgern noch nicht ausreichend wahrgenommen, meinen Standardisierungsexperten. Ihrer Ansicht nach verhindere die freitextliche und teilweise noch handschriftliche Dokumentation in der Medizin häufig die effiziente Weiterverarbeitung der Daten. Ärzte verbringen zu viel Zeit mit der Dokumentation unstrukturierter Daten. Optimal wäre es, wenn die Dokumentation internationalen Standards folgte.

Die standardisierte Datenkommunikation soll, so das Ziel, ein Weg sein, die ärztliche Dokumentation zu entbürokratisieren, denn das kommt letztlich dem Patienten zugute.

Hierfür müssen Strukturelemente, Abläufe (sogenannte Use Cases) und medizinischer Fachwortschatz international einheitlich abgebildet werden. Standards für Terminologien, wie Snomed CT, Strukturelemente und Prozesse werden von Standardisierungsorganisationen wie ISO und Health Level Seven (HL7), Industrieverbänden und Behörden, wie etwa der Europäischen Arzneimittelbehörde, vorangebracht.

Der Fachwortschatz in der Medizin beruht auf spezifischem Wissen, welches für eine einheitliche Sprache, die mit der Informationstechnik kompatibel ist, aufbereitet werden muss. Grundlagen sind dabei möglichst weltweite medizinische Terminologien für die eindeutige Bestimmung von Begriffen (gemeinsame Semantik) innerhalb eines definierten Satzbaus (Syntax). Ziel sei die bedeutungserhaltende (semantische) Interoperabilität; Inhalte der Medizin sollten für die Verbesserung der Patientenbehandlung und Arzneimittelsicher-heit maschinell kommunizierbar sein, erklärte Dr. med. Sylvia Thun, Standardisierungsexpertin beim Deutschen Institut für medizinische Dokumentation und Information in Köln (DIMDI), gegenüber PRAXiS. Nur so könnten beispielsweise Arzt und Apotheker bei der Erkennung von Interaktionen, wie etwa Allergien gegen Arzneimittelgruppen, unterstützt werden.

Den Angaben der Ärztin zufolge dient zum Beispiel die Nomenklatur LOINC (Logical Observation Identifiers Names and Codes) der eindeutigen Verschlüsselung von Untersuchungen etwa im Laborbereich und damit dem Datenaustausch zwischen EDV-Systemen in Klinik, Arztpraxis und Labor. Das DIMDI betreut die Sammlung von inzwischen 53 350 allgemeingültigen Bezeichnungen für Untersuchungs- und Testergebnisse mithilfe der internationalen LOINC-Datenbank. Liefern Laboratorien zum Beispiel verschlüsselte Laborergebnisse an das Krankenhausinformationssystem (KIS) einer Klinik, muss dies in der Regel die unterschiedlichen Codes zusammenführen und mit dem eigenen Schlüssel verknüpfen. Die LOINC-Codes lösen das Problem, indem sie weltweit eindeutige Identifikatoren für Laboruntersuchungen und andere klinische Befunde lieferten, so Thun. Ein Beispiel: „14761“ entspricht dem „Glukosewert zwei Stunden nach einer Mahlzeit“. Diese Nomenklatur, die auch das Deutsche Institut für Normung anerkannt habe, werde zum Beispiel im VHitG-Arztbrief des Verbands der Hersteller von IT-Lösungen im Gesundheitswesen für die Laborwert-Darstellung eingesetzt.

Alpha-ID-Nummern
Weitere Basiskomponenten für den standardisierten Datenaustausch sind Alpha-Identifikationsnummern (ID). Diese stellen Diagnosen präzise und maschinenverwertbar dar und verfeinern Klassifikationen wie die deutsche Modifikation der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD-10-GM), indem sie dem alphabetischen Verzeichnis eine fortlaufende Nummer mit Detailinformationen zuordnet. So enthält die Alpha-ID-Version 2008 dem aktuellen DIMDI-Jahresbericht zufolge zum Beispiel neue Begriffe zu Arzneimittelallergien, mit denen genau codiert werden kann und die unter Ärzten ausgetauscht sowie mit international statistischen Daten verglichen werden können.

Kommunizieren mit HL7
Die Nomenklatur LOINC wird auch in medizinischen Standards wie beispielsweise HL7 verwendet. Das ist der speziell für das Gesundheitswesen entwickelte Kommunikationsstandard. Er ermöglicht die Verständigung zwischen fast allen Gesundheitseinrichtungen. Im Kern gehe es hierbei auch um die Frage, ob Mediziner einerseits und die Angestellten bei Softwareherstellern andererseits, die die Anwendungen für die Praxis schreiben, unter Begriffen wie „Befund“ oder „Fall“ dasselbe verstünden, sagte der Vize-Vorsitzende der HL7-Benutzergruppe, Dr. Kai U. Heitmann. In Deutschland koordiniert die HL7-Benutzergruppe ein Netzwerk von Experten (www.HL7.de). Derzeit steht mit der HL7-Version 3 ein noch junges Format für die standardisierte Kommunikation in der Medizin zur Verfügung, das vor allem die Kommunikation zwischen den einzelnen Sektoren unterstützt.

Deutschland könne nicht auf Standards verzichten, die international von Experten gemeinsam entwickelt werden, meinte Heitmann. Die HL7-Experten stimmten die Inhalte für die Nutzung in der Informationstechnik ab. Einige Länder wie beispielsweise Finnland oder die Niederlande seien aufgeschlossener als Deutschland, was den Einbau solcher Standards in die nationale ärztliche Versorgung angehe. Auch die Europäische Union schafft mit dem Innovations- und Wettbewerbsprogramm den Rahmen für den europaweiten Einsatz internationaler Standards in der medizinischen Informatik. HL7 stellt unter anderem einen Standard zur Strukturierung, zum Inhalt und Austausch medizinischer Dokumente bereit.

Seit 2006 gibt es darüber hinaus den Leitfaden zum elektronischen Arztbrief der VHitG-Initiative „Intersektorale Kommunikation“, der wichtige Anwendungen beschreibt und Bedingungen für elektronische Arztbrief-Dokumente definiert, wie zum Beispiel Arztbriefe von niedergelassenen Fachärzten an Vertragsärzte. Die HL7-Version 3 basiert auf der Auszeichnungssprache XML (Extensible Markup Language) für den Datenaustausch zwischen Computersystemen.

HL7 ist im Übrigen nicht der einzige in der Medizin gebräuchliche Standard. DICOM in Verbindung mit IHE gilt als der sehr erfolgreich umgesetzte Standard für die elektronische Bildkommunikation. Die Abkürzungen stehen für Digital Imaging and Communications in Medicine sowie Integrating the Healthcare Enterprise und sind als offene Kommunikationsplattformen für medizinische Bilder, Prozesse und bildbezogene Informationen geschaffen worden.

DICOM ist als formaler Standard inzwischen weltweit akzeptiert, wohingegen „xDT“ ein nationaler Standard ist, der von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung für Praxiscomputersysteme vor allem zum Austausch von Abrechnungsdaten (ADT), Behandlungsdaten (BDT) und Labordaten (LDT) entwickelt wurde.
Susanne Imhoff-Hasse
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