ArchivDeutsches Ärzteblatt21/1997Geschichte der deutschen Ärzteschaft: Organisierte Berufs- und Gesundheitspolitik im 19. und 20. Jahrhundert Rückblick auf die eigene Vergangenheit Ärztliches Vereinswesen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts

THEMEN DER ZEIT: Das besondere Buch

Geschichte der deutschen Ärzteschaft: Organisierte Berufs- und Gesundheitspolitik im 19. und 20. Jahrhundert Rückblick auf die eigene Vergangenheit Ärztliches Vereinswesen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts

Jütte, Robert

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LNSLNS Die Anfänge ärztlichen Organisationswesens führen nicht selten zurück bis ins erste Drittel des 19. Jahrhunderts, als eine Vielzahl lokal oder regional begrenzter Ärztevereinigungen ins Leben gerufen wurde. Dienten diese bis in die 30er Jahre in erster Linie dem wissenschaftlichen Austausch der Ärzte untereinander, so trat seit den 40er Jahren eine allgemein gesundheitspolitische Zielsetzung mehr und mehr in den Vordergrund.
Vom 27. bis 31. Mai 1997 kommen in Eisenach die Delegierten der deutschen Lan­des­ärz­te­kam­mern zum 100. Deutschen Ärztetag zusammen - ein denkwürdiges Ereignis und Anlaß genug, sich mit der Geschichte der deutschen Ärzteschaft und ihrer Standesorganisationen auseinanderzusetzen. Dieser Ansicht war auch der Vorstand der Bundes­ärzte­kammer, als er frühzeitig beschloß, eine von unabhängigen Historikern verfaßte wissenschaftliche Darstellung in Auftrag zu geben. Diese eigenwillige Festschrift - denn wer läßt sich schon zu einem solchen Jubiläum gerne einen kritischen Spiegel vorhalten - wird pünktlich zum 100. Deutschen Ärztetag unter dem Titel "Geschichte der deutschen Ärzteschaft. Organisierte Berufs- und Gesundheitspolitik im 19. und 20. Jahrhundert" im Deutschen Ärzte-Verlag erscheinen (circa 320 Seiten, 68 DM) und in Eisenach der Öffentlichkeit präsentiert werden. Im folgenden werden ausgewählte Kapitel der von Prof. Dr. Robert Jütte herausgegebenen Buchpublikation vorgestellt.


Gelegentlich findet sich der Hinweis in der neueren medizinhistorischen Forschung, daß "Neid und Scheelsucht" zum relativ schlechten Ansehen der Ärzteschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts beigetragen haben. In der Tat: Selbst bei einem kursorischen Blick in die Vielzahl von medizinkritischen Publikationen aus der Feder von Ärzten und Laien, die gegen Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts sehr populär waren, begreift man, was ein angesehener Physiologe, Theodor Roose (1771-1803), meinte, als er sich in einem 1803 veröffentlichten Aufsatz zu der süffisanten Bemerkung hinreißen ließ, daß die ärztliche Kollegialität zweifellos dem damaligen "Grade des Wissens" entspreche. Und so sahen es gerade die ärztlichen Vereine, die im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts überall wie Pilze aus dem Boden schossen, als eine ihrer Hauptaufgaben an, was der bereits erwähnte Dresdner Arzt Bernhard Hirschel 1839 als "lebendiges, freundlich-collegiales Zusammenwirken verschiedener Kräfte" anmahnte. Bereits einige Jahrzehnte zuvor konnte man in einer medizinischen Fachzeitschrift lesen, daß Vereine zweifellos das geeignetste Mittel seien, um "die an vielen Orthen so sehr vermisste Collegialität unter den Ärzten zu befördern, und das durch ein tadelnswerthes gegenseitiges Benehmen der Ärzte so sehr gesunkene Ansehen der Heilkunst wieder in die Höhe zu bringen". Daß die Vereine diese Aufgabe ernst nahmen, zeigt beispielsweise die 1823 erfolgte Ergänzung der Statuten des Lübecker Ärztevereins um den Passus: "Sämtliche Mitglieder unseres Vereins geben sich das Wort, über das Heilverfahren ihrer hiesigen Kollegen nie ein tadelndes Wort gegen ihre Kranken, gegen andere Privatpersonen oder im Publikum zu äußern."


Frei von staatlicher Bevormundung
Neben diesen beiden genannten Zielen (Etablierung einer medizinischen Deutungsmacht und Normierung ärztlichen Verhaltens) stand in der "gelehrten Periode" (Hermann E. Richter) des ärztlichen Vereinswesens das Bemühen um eine berufliche Autonomie noch zurück. Gleichwohl waren auch die Vereine, die laut Statuten vorrangig der Förderung der Wissenschaft und Kollegialität und nicht in erster Linie der Wahrnehmung standespolitischer Interessen dienen sollten, schon in dieser Phase auf dem besten Weg, zu Transmissionsriemen zu werden, mit denen sich später Forderungen nach beruflicher Autonomie äußerst effizient propagieren und durchsetzen ließen. Bereits in dieser frühen Zeit legten die Gründer der Ärztevereine besonderen Wert darauf, daß es sich um Zusammenschlüsse auf privater Basis handelte, die man den Behörden zwar aufgrund der vor allem im Vormärz restriktiv gehandhabten Vereinsgesetzgebung anzeigen mußte, die aber möglichst frei von jeder staatlichen Oberaufsicht oder gar Einmischung bleiben sollten. Und so überrascht es nicht, daß viele dieser privaten Ärztevereine den Obrigkeiten anfangs verdächtig vorkamen. So scheiterte beispielsweise im Jahre 1804 die Initiative dreier Lübecker Ärzte, weil der Senat der Hansestadt befürchtete, daß "ein solcher Verein engverbundener, dem Volke zugänglicher und durch Kenntnisse hochgestellter Männer [. . .] am Ende die Obrigkeit selbst sich unterzuordnen streben und einen nicht zu berechnenden Einfluß gewinnen" würde.


Anfänge der Medizinalreform
Nach 1840 trat die Entwicklung des ärztlichen Vereinswesens in Deutschland in ein neues Stadium. Während es in den 20er und 30er Jahren des 19. Jahrhunderts vorwiegend wissenschaftliche Vereine und Lesezirkel waren, in denen sich Ärzte auf lokaler und regionaler Ebene regelmäßig zum Meinungsaustausch trafen, setzte fast gleichzeitig mit Erscheinen der vieldiskutierten Reformschrift Philipps von Walther ("Über das Verhältniss der Medizin zur Chirurgie und die Duplicität im ärztlichen Stand", 1841) eine neue Welle von Vereinsgründungen ein. Es war vor allem "das Gefühl der den unsäglichen Mühen, den geistigen und körperlichen Strapazen, den vielfältigen gemüthlichen Aufregungen und Niederbeugungen nicht entsprechenden Stellung der Aerzte im Staat und im Publicum", das nach Meinung rheinhessischer Ärzte, die sich 1844 zu einem Verein auf Landesebene zusammenschlossen, die "Idee der ärztlichen Association in vielen Gauen des deutschen Vaterlands hervorgerufen hat". Nicht nur in Rheinhessen, sondern auch in anderen deutschen Territorien entstanden somit in den 1840er Jahren ärztliche Vereine, die auf ihren Versammlungen und Kongressen nicht mehr vorrangig wissenschaftliche und therapeutisch-praktische Fragen erörterten, sondern zielstrebig auf eine umfassende Medizinalreform hinarbeiteten. Diese Zusammenschlüsse von standes- und gesundheitspolitisch interessierten Ärzten, wie es sie beispielsweise seit 1842 im Regierungsbezirk Merseburg und seit 1844 auch in Rheinhessen und im Raum Düsseldorf gab, öffneten die Spalten ihrer Vereinszeitschriften für Reformvorschläge und publizierten in nicht wenigen Fällen sogar eigene Denkschriften. So findet man in einer vom Kölner Ärzteverein 1842 herausgegebenen Reformschrift erstmals die Überlegung, daß die Einheit des Standes nur durch eine umfassende Reform der Medizinalverfassung zu erreichen sei.
Doch es sind nicht nur Vereine, die in den 1840er Jahren eine Fülle von Reformschriften veröffentlichten. Zahlreiche Einzelpersonen (meist dem ärztlichen Stand angehörend) beteiligten sich damals an dieser regen Diskussion. Angesichts der Flut von Publikationen ist der Stoßseufzer eines namentlich nicht genannten Zeitgenossen nur zu verständlich: "Bei der Masse derjenigen Schriften, welche in neuerer Zeit das Thema der Verbesserung des ärztlichen Stands behandelt haben, möchte es fast scheinen, als müsste man a priori jedes neue Buch, welches dieses so viel besprochene Thema wiederum behandelt, in die Classe der entbehrlichen und unnützen Erscheinungen rangiren. Doch würde ein derartiges Verdammungsurtheil nicht eben zu billigen sein, denn die Stimme der bei einer Umgestaltung des ärztlichen Standes Betheiligten hat sich in der letzten Zeit zu laut und zu dringend erhoben, als dass sie noch länger ungehört verhallen dürfte und nicht bei den Staatsregierungen Gehör finden müsste."

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