ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2009Versorgungsmanagement: Abwarten statt abschließen

POLITIK

Versorgungsmanagement: Abwarten statt abschließen

Rieser, Sabine

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LNSLNS Wenn es erst angemessenere Zuweisungen für kranke Versicherte gibt, werden die Kassen bessere Versorgungsverträge aushandeln – hoffte mancher. Doch nun lähmen Geldsorgen und Unsicherheit.

Die Bayern sind momentan alles andere als zufrieden mit der bundesweiten Gesundheitspolitik. Die jüngste Kritik aus dem Süden kam Ende April von den dortigen Betriebskrankenkassen: Sieben von ihnen klagen gegen den morbiditätsorientierten Risiko­struk­tur­aus­gleich (Morbi-RSA). Anlass dazu sind ihrer Meinung nach zu geringe Ausgleichsbeträge, die sie für ihre Krankengeldleistungen aus dem Gesundheitsfonds erhalten.

Mit ihrer Kritik am Fonds stehen sie nicht allein. Seit er zum 1. Januar 2009 in Kraft getreten ist und auf der Basis des neuen Morbi-RSA die Ausgleichszahlungen zwischen den Krankenkassen verfeinert hat, wird gegen den Fonds gewettert. Bei einer Veranstaltung des Bundesverbands Medizintechnologie warnten Fachleute nun vor negativen Folgen für das Versorgungsmanagement. Die Krankenkassen, so ihre Befürchtung, werden auch in den nächsten Monaten eher abwarten, statt sich einfallsreich um gutes Versorgungsmanagement zu kümmern, sprich: Verträge abzuschließen, damit ihre Versicherten entweder kostengünstiger oder besser versorgt werden, im Idealfall beides.

Prof. Dr. Norbert Klusen, Vorstandsvorsitzender der Techniker- Krankenkasse, verwies darauf, dass gute Versorgungsangebote und ein guter Service Geld kosteten. Seiner Ansicht nach schrecken Krankenkassen aber davor zurück, eine Zusatzprämie zu fordern und sich offensiv als „Premiumkasse“ mit bestimmten Versorgungsangeboten zu platzieren. Denn die Politik habe die Zusatzprämie diffamiert durch die Behauptung, nur schlecht wirtschaftende Kassen müssten sie erheben.

Ingo Kailuweit, Vorstandsvorsitzender der KKH-Allianz, begründete die zögerliche Haltung vieler Kassen mit finanziellen Unsicherheiten: Zwar hat die Bundesregierung zugesichert, Einnahmeausfälle der Kassen infolge der Wirtschaftskrise durch Steuerzuschüsse an den Fonds auszugleichen, doch diese müssen zurückgezahlt werden – wobei Boris Velter, Referatsleiter im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG), anmerkte, man werde die Rückzahlungen wohl kaum so zeitnah wie vorgesehen von den Krankenkassen fordern, falls die Wirtschaftskrise anhalte.

Solche Steuerzuschüsse sind nach Ansicht von Daniel Bahr (FDP) kein Schutzschirm für die Beitragszahler, sondern ein Schutzschirm für die Regierung im Wahljahr. „Man will über den Herbst kommen“, kritisierte der Gesundheitspolitiker. Dass das BMG jahrelang löblicherweise auf Schuldenabbau der Kassen gedrängt habe und nun Schulden wieder zulassen wolle, sei fatal, befand der Liberale.

Von einem gelungenen Wettbewerb um gute Verträge kann man seiner Meinung nach auch nicht sprechen. Vielmehr werde politischer Druck ausgeübt, damit überhaupt Verträge zustande kämen, die die Bundesregierung für sinnvoll halte. Als Beispiel verwies Bahr auf die Debatten um die Hausarztverträge. Und darauf, dass nun im Rahmen der geplanten Novellierung des Arzneimittelgesetzes der Abschluss von Sozialpsychiatrie-Vereinbarungen in den Ländern erzwungen werden soll.

Differenziert äußerte sich Prof. Dr. Jürgen Wasem zu der Frage, ob Fonds und Morbi-RSA ein gutes Versorgungsmanagement befördern oder verhindern. „Die Behauptung, wegen des Morbi-RSA würden sich für die Kassen nur noch Kranke lohnen, ist entweder dumm oder böswillig“, sagte Wasem. Mit den Zuweisungen sei auszukommen, mehr aber auch nicht. Wenn sich innerhalb eines Jahres der Gesundheitszustand eines Versicherten verbessere, ändere das zwar erst einmal nichts an der Zuweisung für ihn aus dem Fonds. Deshalb profitiere möglicherweise die Kasse, die dann geringere Kosten habe. Im nächsten Jahr könne das anders aussehen, falls derselbe Versicherte zum Beispiel als besser eingestellter Diabetiker anders eingestuft würde als zuvor und die Kasse deshalb eine geringere Zuweisung erhalte. „Nur“, betonte Wasem, „dann bekomme ich als Kasse zwar weniger Geld, habe aber auch weniger Ausgaben.“ Dass sich gutes Versorgungsmanagement generell nicht lohne, sei auf jeden Fall falsch.

Dennoch: Viele Krankenkassen halten sich zurück. Diesen Eindruck hat auch Gerd Gottschalk von der Firma Medtronic GmbH. Er präsentierte ein Projekt zur Versorgung von herzinsuffizienten Patienten, das Medtronic mit der Gmünder Ersatzkasse auf den Weg gebracht hatte. Dabei sanken die Kosten bei besserer Versorgung der Patienten. Dennoch zögerten andere Krankenkassen, ebenfalls einzusteigen.

Gottschalk führte diese Haltung darauf zurück, dass manche Kassen gar nicht wissen, wie sie geeignete Patienten für ein Projekt identifizieren und ansprechen können. Abwarten statt Verträge abschließen ist aber langfristig keine Lösung, findet er: „Die Kosten laufen sonst einfach weiter wie bisher.“
Sabine Rieser

so funktioniert der Fonds
- Seit 1. Januar 2009 gilt für alle Mitglieder einer gesetzlichen Krankenkasse ein einheitlicher Beitragssatz: Arbeitgeber und Arbeitnehmer zahlen jeweils 7,3 Prozent, Arbeitnehmer zusätzlich 0,9 Prozent.
- Im Gesundheitsfonds werden die Beiträge und der Steuerzuschuss gesammelt.
- Aus dem Fonds erhält jede Krankenkasse eine pauschale Zuweisung je Versicherten, wobei es je nach Alter, Geschlecht und Krankheit Zu- oder Abschläge gibt.
- Kern des neuen morbiditätsorientierten Risiko­struk­tur­aus­gleichs sind die durchschnittlichen Versorgungskosten für 80 sehr teure oder chronische Krankheiten.
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