ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2009Schweinegrippe: Neuer Erreger hat das Potenzial zu einer Pandemie

MEDIZINREPORT

Schweinegrippe: Neuer Erreger hat das Potenzial zu einer Pandemie

Dtsch Arztebl 2009; 106(18): A-866 / B-740 / C-720

Zylka-Menhorn, Vera

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LNSLNS Nach dem Ausbruch der Schweinegrippe unter Menschen in Mexiko und Erkrankungsfällen in den USA hat die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) vor einer weltweiten Epidemie gewarnt. Der neu identifizierte Influenza-Erreger habe das „Potenzial zu einer Pandemie“, sagte WHO-Generalsekretärin Margaret Chan. Sie ermahnte alle bisher noch nicht betroffenen Länder zu „erhöhter Wachsamkeit“. Die Behörde sei „sehr besorgt“, das Wissen über die Eigenschaften des neuen Grippevirus und die Art seiner Ausbreitung aber noch zu lückenhaft, um weitere Maßnahmen zu empfehlen.

Der sechsstufige Grippepandemie-Alarmplan der WHO steht derzeit auf Stufe drei. Diese Warnstufe gilt zudem immer noch für die Vogelgrippe.

Amerikanische Forscher haben den Erreger der spanischen Grippe vor vier Jahren in einem Hochsicherheitslabor rekonstruiert. Ein exakter Vergleich mit dem jetzt isolierten Schweinevirus ist noch nicht durchgeführt worden. Foto: CDC
Amerikanische Forscher haben den Erreger der spanischen Grippe vor vier Jahren in einem Hochsicherheitslabor rekonstruiert. Ein exakter Vergleich mit dem jetzt isolierten Schweinevirus ist noch nicht durchgeführt worden. Foto: CDC
Nach Angaben der WHO handelt es sich um eine neu entstandene Variante des Influenzavirustyps H1N1 (A/California/04/2009 A). Die US-amerikanische Seuchenbehörde Centers of Disease Control (CDC) fand in Patientenproben Gensegmente, die aus nordamerikanischen Schweinen, aus Schweinen euro-asiatischer Herkunft, aus nordamerikanischen Vögeln und vom Menschen stammen. Nach Angeben des Berliner Robert-Koch-Instituts (RKI) ist eine Reassortante dieser Form „noch nicht beobachtet worden“.

Wissenschaftler haben seit Jahren vor der Möglichkeit einer globalen Ausbreitung eines neuen Erregers gewarnt, der genetisches Material von Mensch und Tier vermischt. Das Schwein wird unter Wissenschaftlern als „Mischgefäß für Influenzaviren“ betrachtet, da in seinem Körper bevorzugt verschiedene Virustypen zu einem neuen Erreger mutieren. Dieses aus der Evolution bekannte Wechselspiel von Mutation und Selektion erzeugt gelegentlich Erreger, der die Speziesgrenze überwinden kann und zu schweren Erkrankungen führt.

Da die in Mexiko und den USA erkrankten Personen keinen bekannten Kontakt mit Schweinen hatten, ist davon auszugehen, dass das Virus in der Lage ist, sich von Mensch zu Mensch zu übertragen. Bisher ist das Überspringen eines Schweinegrippevirus auf den Menschen nur gelegentlich beobachtet worden: 1976 kam es jedoch in Fort Dix im US-Bundesstaat New Jersey zur Übertragung zwischen fünf Soldaten, einer davon starb an den Folgen einer Pneumonie.

Die Symptome der neuartigen Krankheit ähneln der einer gewöhnlichen Grippe – Fieber, Husten und Halsschmerzen. Einige der in den USA infizierten Menschen klagten auch über Brechreiz und Durchfall.

Experten zeigen sich vor allem beunruhigt, weil nicht wie bei einer normalen Grippe in erster Linie schwache und ältere Menschen betroffen sind, sondern junge und gesunde Menschen – ähnlich wie bei der Grippepandemie in den Jahren 1918 und 1919.

Obwohl bis zum 27. April in der Europäischen Union nur in Spanien Erkrankungen bestätigt wurden, wird das Virus nach Ansicht von Experten nicht vor Deutschland haltmachen. „Wir können davon ausgehen, dass wir das Virus auch bald bei uns sehen werden“, sagte der Virologe Dr. med. Michael Pfleiderer vom Paul-Ehrlich-Institut. Der Präsident des Robert-Koch-Instituts, Prof. Dr. med. Jörg Hacker, warnte allerdings davor, „in Panik zu verfallen. Wir sind mit dem Nationalen Pandemieplan von Bund und Ländern gut vorbereitet, um angemessen auf ein Übergreifen der Schweinegrippe auf Deutschland reagieren zu können.“ (siehe nachfolgenden Artikel).

Im Folgenden werden die Kerninformationen zu Epidemiologie, Diagnostik und Therapie der Schweinegrippe dargestellt:

Was ist Schweineinfluenza?
Die Schweineinfluenza ist eine durch Influenzaviren des Typs A verursachte respiratorische Erkrankung von Schweinen. Das Virus zirkuliert während des gesamten Jahres, die meisten Ausbrüche finden aber im Herbst und Winter statt, ähnlich der humanen Influenza.

Untersuchungen in den USA haben gezeigt, dass dort 30 bis 50 Prozent aller Tiere von kommerziellen Schweinefarmen eine Infektion durchgemacht haben. Die Erkrankungsrate bei Schweinen ist zwar hoch, die Letalitätsrate jedoch niedrig. In Deutschland ist die Schweinegrippe deshalb nicht meldepflichtig. Die klassischen Schweineinfluenzaviren (Influenzasubtyp A/ H1N1) wurden erstmalig im Jahr 1930 isoliert.

Wie viele verschiedene Subtypen des Schweineinfluenzavirus gibt es?
Wie alle Influenzaviren unterliegt das Schweineinfluenzavirus ständigen Veränderungen. Die vier Subtypen H1N1, H1N2, H3N2 und H3N1 sind infektiologisch von Bedeutung.

Wie häufig tritt Schweineinfluenza beim Menschen auf?
In der Vergangenheit waren es in den USA eher sporadische Fälle, die der amerikanischen Seuchenschutzbehörde (CDC) gemeldet wurden. Seit dem Jahr 2005 wird am CDC ein Anstieg an Schweineinfluenza-Erkrankungen beim Menschen registriert.

Welche Symptome treten beim Menschen auf?
Die Symptome der Schweineinfluenza sind ähnlich den Symptomen der saisonalen humanen Influenza: Fieber, Müdigkeit, Appetitlosigkeit sowie Husten. Einige Menschen, die mit Schweineinfluenza-viren infiziert waren, berichteten über Schnupfen, Halsschmerzen, Übelkeit, Erbrechen und Durchfall.

Kann man durch den Verzehr von Schweinefleisch erkranken?
Die amerikanische Seuchenschutzbehörde CDC geht davon aus, dass Schweineinfluenzaviren nicht durch Nahrungsmittel übertragen werden, und weist darauf hin, dass ein Erhitzen von Schweinefleisch auf 72 Grad Celsius (Kerntemperatur) das Schweineinfluenzavirus sicher abtötet.

Wie wird Schweineinfluenza verbreitet?
Schweineinfluenzaviren können direkt von Schwein zu Mensch (aber auch von Mensch zu Schwein) übertragen werden. Bisher sind Infektionen beim Menschen in erster Linie durch direkten Kontakt zu Schweinen erfolgt. Eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung erfolgt vorwiegend durch Tröpfcheninfektion.

Wie kann eine Schweineinfluenza Erkrankung diagnostiziert werden?
Das Virus, das aktuell zu Erkrankungen in Mexiko sowie in Texas und Kalifornien geführt hat, konnte in den USA nicht mit Standard-Diagnoseverfahren (saisonale H1N1-Tests) nachgewiesen werden.

Das Nationale Referenzzentrum (NRZ) für Influenza am Robert-Koch-Institut kann diesen Virustyp aber diagnostizieren. Zur Diagnose sollte ein Rachenabstrich, Nasenabstrich oder gegebenenfalls bronchoalveoläre Lavage möglichst rasch nach Beginn der Erkrankung in Abstimmung mit dem lokalen Gesundheitsamt an das NRZ für Influenza eingesandt werden.

Für die Diagnose der Schweine-influenzavirus-A/H1N1-Reassortante muss mindestens eine der drei folgenden Methoden einen positiven Befund ergeben:
- Nukleinsäurenachweis (zum Beispiel spezifische PCR durch NRZ)
- Virusisolierung und spezifischer Nachweis von A/H1N1-Reassortante
- vierfacher Titeranstieg A/H1N1-Reassortante-spezifischer Antikörper.
Ein negatives labordiagnostisches Untersuchungsergebnis, insbesondere eines Schnelltests, sollte bei Fortbestehen des klinischen Verdachts (zum Beispiel ungewöhnlich schwere klinische Symptomatik bei einem jungen Patienten oder intensive Exposition) kurzfristig mit einer sensitiveren Methode mit Material möglichst aus den tieferen Atemwegen wiederholt werden.

Befunde von Influenzaschnelltests sind für die Einordnung eines Falls nach Falldefinition ohne Belang, beeinflussen aber das Patientenmanagement bis zum Vorliegen weiterer Laborbefunde.

Welche Medikamente stehen zur Verfügung?
Es gibt verschiedene antivirale Medikamente, die infrage kommen würden: Amantadin, Rimantidin und die neueren Neuraminidasehemmer (Oseltamivir und Zanamivir). Amantidin und Rimantadin sind bei einigen der aktuell Erkrankten resistent getestet worden, sodass diese Medikamente nicht zur Therapie herangezogen werden sollten. Darüber hinaus ist Rimantadin in Deutschland nicht zugelassen. Wirksamkeitsprüfungen der US-amerikanischen Infektionsschutzbehörde CDC geben erste Hinweise darauf, dass die Neuraminidasehemmer Oseltamivir und Zanamivir derzeit bei dem Schweinevirus wirksam sind.

Gibt es eine Impfung?
Eine Impfung gegen die klassische Schweinegrippe gibt es zwar für Schweine, aber noch nicht für Menschen, dazu ist der jetzige Erreger zu neu. Ein Impfstoff steht frühestens in einigen Monaten zur Verfügung, da er eigens gegen das veränderte H1N1-Influenzavirus in Speziallabors gezüchtet werden muss.

Sollte man jetzt noch mit dem Influenzaimpfstoff 2008/2009 impfen?
Nach derzeitigem Kenntnisstand bietet die konventionelle Grippeimpfung keinen zusätzlichen Schutz vor der Schweinegrippe.
Im Zusammenhang mit der Vogelgrippe wurde die Grippeimpfung empfohlen, um zu verhindern, dass sich aus dem Erregerreservoir von Tier und Mensch neue „Superviren“ bilden.

Was tun bei Verdachtsfällen?
Bei importierten Fällen gelten die Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts für die Meldung und das Management (Präventiv- und Bekämpfungsmaßnahmen) von Personen mit Schweineinfluenza (www. rki.de).

Wie sollte sich das Medizinpersonal schützen?
Auch bezüglich des Schutzes des Medizinpersonals greifen die bestehenden Empfehlungen des RobertKoch-Instituts und der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention sowie die seit Längerem vom Ausschuss für biologische Arbeitsstoffe (BAuA) bekannt gegebenen Vorgaben.
Dr. med. Vera Zylka-Menhorn

RKI: Management bei Verdachtsfällen von Schweineinfluenza
www.aerzteblatt.de/09866
Amerikanische Forscher haben den Erreger der spanischen Grippe vor vier Jahren in einem Hochsicherheitslabor rekonstruiert. Ein exakter Vergleich mit dem jetzt isolierten Schweinevirus ist noch nicht durchgeführt worden. Foto: CDC
SCHWEINEGRIPPE
Amerikanische Forscher haben den Erreger der spanischen Grippe vor vier Jahren in einem Hochsicherheitslabor rekonstruiert. Ein exakter Vergleich mit dem jetzt isolierten Schweinevirus ist noch nicht durchgeführt worden. Foto: CDC

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