ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2009Krieg und Medizin: Der Arzt als Reparateur, Helfer und Gehilfe

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Krieg und Medizin: Der Arzt als Reparateur, Helfer und Gehilfe

Jachertz, Norbert

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Lazarettzug – Die Rettungskette vom Verbandsplatz bis zum Lazarett in der Heimat wurde stetig verbessert. Der Mediziner Walter von Oettingen leitete im russisch-japanischen Krieg und im Ersten Weltkrieg (Foto) einen Lazarettzug des Roten Kreuzes. Foto: Begleitbuch, Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf
Lazarettzug – Die Rettungskette vom Verbandsplatz bis zum Lazarett in der Heimat wurde stetig verbessert. Der Mediziner Walter von Oettingen leitete im russisch-japanischen Krieg und im Ersten Weltkrieg (Foto) einen Lazarettzug des Roten Kreuzes. Foto: Begleitbuch, Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf
Die Rolle der Medizin in den Kriegen der Moderne veranschaulicht eine Ausstellung im Dresdener Hygiene-Museum. Zugleich wurde ein Rotkreuzbericht bekannt, der nachweist, dass Mediziner an der Folterung von Guantanamo-Häftlingen beteiligt waren.

Der Prospekt des Deutschen Hygiene-Museums enthält den ungewöhnlichen Hinweis: „Die Ausstellung ist für Kinder und Jugendliche unter 14 Jahren nicht geeignet.“ Gezeigt wird in Dresden unter dem Titel „Krieg und Medizin“ anhand von 480 Exponaten – Artefakten, Fotos, Kurzfilmen, Dokumenten, Kunstwerken – die Grausamkeit des Krieges, abseits des nationalen Pathos, und was die Medizin unternimmt, um die Wunden an Körper und Seele zu heilen. Mehr oder weniger notdürftig.

Mag sein, dass manche, nicht nur Jugendliche, überfordert sind, obwohl sie von der „Tagesschau“ und aus dem Internet Schlimmes gewohnt sind. Doch es ist schon etwas anderes, still vor einem gnadenlos scharfen Großfoto zu stehen, das einen jungen Mann mit Bein- und Armprothesen zeigt, oder die Maske vor sich zu haben, mit der das halbe Gesicht kaschiert wird, oder in einem Film Kriegszitterern des Ersten Weltkrieges zu begegnen.

Das Hygiene-Museum hat sich mit der Wellcome Collection in London zusammengetan, um die Ausstellung realisieren zu können. Deren Kurator, James Peto, entwickelte zusammen mit den Dresdenern das Konzept. Man wolle die Janusköpfigkeit des Menschen zeigen: Einerseits sei er in der Lage, Gewalt gegen seine Mitgeschöpfe anzuwenden, andererseits riskiere er sein Leben, um anderen zu helfen und sie zu heilen. Beim Gang durch die Ausstellung wird freilich klar, wie begrenzt „heilen“ im Krieg ist. Der Arzt mutet eher als Reparateur denn als Heiler an.

Die Dresdener Ausstellung behandelt die modernen, konventionellen Kriege, einsetzend mit dem Krimkrieg (1853 bis 1856), endend mit Vietnam, dem Irak, Afghanistan, und konzentriert sich auf die eindrucksvolle Rettungsmaschinerie des Sanitätswesens und somit auf die Rettung von Soldaten. Den zivilen Opfern, deren Zahl in den jüngsten Kriegen die der Militärs weit übersteigt, wird immerhin gedacht. Aktuelle Konflikte, etwa der zwischen Israel und Hamas oder Operationen gegen den Terror bleiben weitgehend außen vor.

Damit vermeiden es die Austellungsmacher, politisch Stellung nehmen zu müssen. Man wolle die Frage, welche der zahllosen militärischen Einsätze unserer Tage politisch legitim sind, weder stellen noch beantworten. Die Ausstellung sei „weder bellizistisch noch pazifistisch“, versicherte der Direktor des Hygiene-Museums, Prof. Klaus Vogel. Mit einer israelischen Gruppe habe man bei der Planung Kontakt aufgenommen, ergänzte gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt Stephanie Neuner, eine der wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen der Ausstellung, nach Aufflammen des letzten Konflikts um den Gazastreifen sei der Kontakt aber unvermittelt abgerissen.

Doch das, was in Dresden vermittelt wird, ist eindrucksvoll genug, und das betrifft nicht nur die Organisation der Rettungskette vom Verbandsplatz bis zum Lazarett im Hinterland oder die Leistungen der Chirurgen. Haften bleiben die Geschichten der Opfer, ziviler wie militärischer. Sie handeln nicht allein von körperlichen Verwundungen und deren lebenslangen Folgen. Die seelischen Traumata sitzen tief und treten oft langsam und verkappt zutage. Im Ersten Weltkrieg wurden sie noch als Problem, das man mit Willenskraft bewältigen könnte, behandelt. Erst allmählich setzte sich die Erkenntnis durch, dass sie als psychische Erkrankungen zu werten sind. 1980 wurde die posttraumatische Belastungsstörung schließlich als Diagnose anerkannt. Sie ist bis heute nicht unumstritten, wie ein kritischer Beitrag im Begleitbuch zur Ausstellung belegt. Dieses Begleitbuch hat es ohnehin in sich, es enthält wissenschaftliche Beiträge wie Erlebnisberichte. Etwa den einer Krankenschwester der US-Navy, die im Irakkrieg 2003 einen tödlich Verwundeten lange beatmet und abschließend die Anweisung bekommt, ihn mit zehn Milligramm Morphium zu töten. Den Totenschein muss sie selbst ausstellen, weil die Ärzte keine Zeit haben.

Konflikte zwischen medizinischer Ethik und militärischer Pflicht behandelt ein Aufsatz der Medizinhistoriker Andreas Frewer und Florian Bruns am Beispiel der Menschenexperimente im Dienste des NS-Staats. Die Ausstellung präsentiert parallel dazu Fotos – in den Kriegen der Neuzeit wird viel fotografiert und gefilmt, selbst das Grausigste!– aus dem KZ Dachau. Dort hielten die Ärzte zum Beispiel fest, wie sich Probanden eines Höhenexperiments krümmten, als sie eine Luftembolie im Gehirn erlitten.

Jüngere Konflikte zwischen ärztlicher Ethik und militärischer Pflicht betreffen die Mitwirkung von Medizinern an sogenannten verschärften Verhören mittels Folter, ein Thema, das in Dresden nicht vorgeführt wird; ein Ausstellungsmacher, darauf angesprochen, bezweifelte, ob dieser Aspekt überhaupt in eine solche Ausstellung gehöre. Immerhin wird im – auch hier wieder vorbildlichen – Begleitbuch darauf hingewiesen.

Kriegsopfer – Nicht nur Soldaten (Foto), sondern mehr und mehr Zivilisten sind die Opfer der modernen Kriege. Minenopfer etwa verlieren Arme und Beine. Prothesen bleiben, trotz aller Perfektion, ein Notbehelf. Foto: Begleitbuch, Christopher Griffith
Kriegsopfer – Nicht nur Soldaten (Foto), sondern mehr und mehr Zivilisten sind die Opfer der modernen Kriege. Minenopfer etwa verlieren Arme und Beine. Prothesen bleiben, trotz aller Perfektion, ein Notbehelf. Foto: Begleitbuch, Christopher Griffith
Zufällig wurde genau mit dem Ausstellungsbeginn ein Bericht des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) bekannt, der die Mitwirkung von Medizinern bei der Folter von 14 Guantanamo-Häftlingen dokumentiert. Der nach den Regeln des IKRK „streng vertrauliche“ Bericht stammt aus dem Jahr 2007 und wurde der „New York Review on Books“ zugespielt, offenbar um die von Expräsident George W. Bush und seinem Vize Dick Cheney zugelassenen Verhörmethoden bloßzustellen. Der Rotkreuzbericht zeichnet ein grausames Bild. Detailliert, geradezu sachlich werden die Foltermethoden beschrieben, angefangen vom vorgetäuschten Ertränken über das wochenlange Nackt-liegen-Lassen bis zum variantenreichen Prügeln. Stets war medizinisches Personal daran beteiligt, gewöhnlich nicht beim direkten Prügeln, aber mit Rat für die Folterer und dem Präparieren der Gefangenen. Im Bericht bleibt offen, ob es sich stets um Ärzte oder auch um Psychologen oder Gehilfen handelte. Die Herren blieben anonym. Den Umständen nach muss es sich aber, so der Bericht, zumindest zum Teil um Ärzte gehandelt haben.

Ihr Verhalten verstößt klar gegen die ärztliche Berufsethik, etwa gegen die Konvention von Tokio des Weltärztebundes aus dem Jahr1975. Die Mitwirkung an Folter ist keine neue Erscheinung, damals dachte man eher an „Rotchina“ oder den „Ostblock“ – oder den Code of Medical Ethics der American Medical Association (AMA), um nur diese zu nennen.

Ob die Verstöße gegen die ärztliche Ethik je geahndet werden? Wahrscheinlich nicht. Einmal wegen der Anonymität der ärztlichen Helfershelfer. Dann aber auch, weil ihre Mithilfe als im nationalen Interesse gewertet werden könnte oder man ihnen zubilligt, auf höheren Befehl gehandelt zu haben. Das lassen Äußerungen von Präsident Barack Obama bei einem CIA-Besuch am 15. April vermuten. Er billigte CIA-Folterern zu, in gutem Glauben gehandelt zu haben. Denn das US-Justizministerium hatte zwischen 2002 und 2005 gleich viermal jene Folterpraktiken, deren Ergebnisse das Rote Kreuz 2007 dann begutachten konnte, für zulässig erklärt.

Ärzte mögen sich auch auf die AMA berufen. Die hatte ihre zuvor strenge Haltung 2006 zugunsten einer „neuen Politik“ modifiziert, basierend auf Empfehlungen ihres Council on Ethical and Judicial Affairs. Diese sind auf den ersten Blick zwar strikt gegen eine Beteiligung an Folter, lassen aber derart viele Hintertüren offen, dass sich der Generalarzt der Air Force, George P. Taylor, bei einem AMA-Meeting 2006 sehr zufrieden mit des Councils „genuine desire to understand our current policies“ zeigte.

Vielleicht wird auch diese Gratwanderung von Ärzten zwischen Ethik und militärischer Verpflichtung einmal in einer Ausstellung thematisiert – nachdem die im nationalen Auftrag tätigen Täter ungeschoren davongekommen sind.
Norbert Jachertz

Ausstellung und Rotkreuzbericht
Die Ausstellung „Krieg und Medizin“ im Deutschen Hygiene-Museum (Lingernplatz 1, 01069 Dresden, www.dhmd.de) ist bis 9. August 2009 zu sehen. Parallel wird – in Zusammenarbeit auch mit der Sächsischen Lan­des­ärz­te­kam­mer – ein Begleitprogramm (Vorträge, Diskussionen, Führungen) angeboten.
Das Begleitbuch „Krieg und Medizin“, herausgegeben von Melissa Larner, James Peto und Colleen M. Schmitz, ist auch im Buchhandel erhältlich (272 Seiten, 206 Abbildungen, Wallstein-Verlag, Göttingen 2009, 24,90 Euro).

Der Rotkreuzbericht im Internet:
www.aerzteblatt.de/09872
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