THEMEN DER ZEIT: Das besondere Buch

Ärzte im NS-Staat

Rüther, Martin

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LNSLNS Hinlänglich bekannt ist inzwischen, daß gegen Ende der NS-Zeit mindestens 45 Prozent der deutschen Ärzte in der NSDAP waren. Damit stellten die Ärzte die Berufsgruppe mit dem weitaus höchsten Anteil an Parteimitgliedern. Weniger bekannt hingegen ist, daß bereits bis zu dem 1934 verhängten Aufnahmestopp über 30 Prozent der Ärzte den Weg in die NS-Partei gefunden hatten. Das scheint eine deutliche Sprache zu sprechen, doch verdeckt diese ernüchternde Tatsache allein ein wenig den Blick auf die zum Teil eher opportunistischen und sich an materiellen Aspekten orientierenden Erwartungen, die sich mit der NS-Mitgliedschaft verbanden.


Es fällt auf, daß die Anziehungskraft der NS-Organisationen auf die Ärzte offenbar von dem Zeitpunkt an nachließ, als einerseits die zentralen Standesforderungen mit Errichtung von Reichsärztekammer und Kassenärztlicher Vereinigung Deutschlands (KVD) erfüllt waren, andererseits aber die verschiedenen Vereinnahmungsversuche an Intensität zunahmen. Trifft diese Beobachtung zu, dann wäre zumindest ein Teil der regimekonformen Parolen von Ärztevertretern eher mit nüchternen Erwägungen bezüglich Status und wirtschaftlicher Vorteile in Zusammenhang zu bringen und nicht in erster Linie als Beweis einer tiefgehenden ideologischen Nazifizierung der Ärzteschaft zu deuten. Bestätigung erfährt diese Hypothese durch den sicher nicht ärztekritisch eingestellten Paul Sperling, Referent in der Münchener Reichsärztekammer. Die Gleichschaltung ihrer Standesorganisationen, so erinnert er sich, habe die Ärzteschaft relativ wenig tangiert. Statt dessen habe sie "nach wie vor an ihre wirtschaftlichen und berufsständischen Interessen, also neben Honorar und Kassenzulassung an Facharztfragen, Krankenhausprobleme und berufsgerichtliche Erfordernisse" gedacht. Gegenüber dem KVD-Verantwortlichen Heinrich Grote beklagte Sperling im Mai 1935, es sei bislang nicht gelungen, das "Verständnis der großen Masse der Ärzte für unser ehrliches und gutes Wollen zu finden". "Das Schwergewicht aller Klagen" richte sich "natürlich (und das war immer so, wird wohl auch stets so bleiben) gegen das kassenärztliche Honorar." Auch der Zwang zur Fortbildung - erinnert sei hier nur an die am 1. Juni 1935 eingeweihte "Führerschule der Deutschen Ärzteschaft" im mecklenburgischen Alt-Rehse - und die damit verbundenen wirtschaftlichen Einbußen würden den Unmut mehren, so daß "viele Kollegen nicht mehr aus innerer Überzeugung" mitgehen würden, sondern nur, "weil sie sich fürchten".


Einkommensverluste durch Parteiarbeit
Zum zunehmenden Unmut trug wesentlich die 1936 öffentlich im Deutschen Ärzteblatt beklagte Tatsache bei, daß "die mehr oder weniger unentgeltliche Tätigkeit des Arztes im Gesundheitsdienst für Partei und Staat [. . .] für viele besonders dazu Berufene schon einen kaum mehr erträglichen Umfang angenommen hat". Auch das Amt für Volksgesundheit des Gaus Westfalen-Nord urteilte im November 1936, "dass viele Ärzte deshalb ihre Kräfte der Bewegung nicht gern voll und ganz zur Verfügung stellen, weil sie nicht mit Unrecht befürchten müssen, dass durch ihre Mitarbeit für die Partei ihr Einkommen aus Privat- und Kassenpraxis sich verringert". Hinzu käme gerade in "einer solch schwarzen Gegend wie Münster", daß viele Patienten erkennbar nationalsozialistische Ärzte meiden würden. Um solchen Erscheinungen entgegenzuwirken, wurde allen Ernstes vorgeschlagen, "den für die nationalsozialistische Bewegung tätigen Ärzten, soweit dieselben Mitglieder der KVD sind, das Durchschnittseinkommen der Ärzte der jeweiligen Bezirksstelle" auszuzahlen. Hierdurch würden jenen "die wirtschaftlichen Sorgen genommen" und gleichzeitig dem "Nachwuchs eine sichere Existenz gewährleistet".
Auch der Sicherheitsdienst der SS berichtete 1938, es würde darüber geklagt, "daß die Aktivität der Ärzteschaft im Hinblick auf die Mitarbeit in der Partei und ihren Gliederungen immer mehr nachläßt". Das sei einerseits durch die "sehr starke Überorganisation", "zum anderen aber auch durch die nach wie vor materialistische Einstellung einer Reihe von Ärzten" bedingt, was sich unter anderem an der unzureichenden Besetzung von ländlichen Arztstellen zeige.
Als die Mitgliedersperre der NSDAP im Sommer 1939 wieder einmal aufgehoben war, nahmen - ver-glichen mit anderen Berufsgruppen - nur relativ wenig Mediziner die Möglichkeit zum Beitritt wahr, da, so der Befund von Michael Kater, das Ansehen der Partei durch Mobilisierung, drohenden Krieg und die Auswirkungen der Planwirtschaft erheblich angeschlagen gewesen sei.
Mit Kriegsbeginn und der damit verbundenen Niederlassungssperre sowie der Neuregelung der Honorarverteilung wurde die Haltung der Ärzte gegenüber dem Regime allem Anschein nach noch distanzierter. Der führende rheinische NS-Ärztefunktionär Rudolf Hartung (1891-1957) stellte der Ärzteschaft Ende Oktober 1939 in seinem Tagebuch ein wenig schmeichelndes Zeugnis aus, als er deren Reaktion auf die kriegsbedingten Einschränkungen so zusammenfaßte: "einmal, der Besitz macht charakterschwach, und ferner: das Denken sonst intelligenter Menschen und ihr Fühlen wird primitiv". In ähnliche Richtung gingen auch Einschätzungen des Sicherheitsdiensts der SS. Der Honorarverteilungsplan der KVD, so hieß es im März 1940, lasse aufgrund des erheblichen Rückgangs der ärztlichen Privateinnahmen nur die Auszahlung eines unzureichenden Pauschbetrages zu. Beobachtungen hätten ergeben, "daß sich die gleiche Honorierung bei verschiedener Leistung auf längere Sicht nachteilig auf die Schaffensfreudigkeit des Arztes und damit die Volksgesundheit auswirken müssen". Reichsgesundheitsführer Conti sah sich Anfang Dezember 1939 gar veranlaßt, mit einer Bekanntmachung im Deutschen Ärzteblatt der Befürchtung entgegenzutreten, "daß die für die Dauer des Krieges getroffenen Maßnahmen zu einer weitgehenden Sozialisierung des Ärztestandes nach Beendigung des Krieges führen könnten".


"Gesundheitswerk des Deutschen Volkes"
Diese Zusicherung zur Besitzstandswahrung wurde aber bald von anderer Seite in Frage gestellt, was die Attraktivität des NS-Regimes unter den Ärzten wohl nicht unerheblich beeinträchtigt haben dürfte. Die Pläne der von Robert Ley (1890-1945) geführten Deutschen Arbeitsfront (DAF) für ein "Gesundheitswerk des Deutschen Volkes" bedrohten seit Herbst 1940 die noch jungen Errungenschaften des Ärztestandes. Hiernach wäre der im Rahmen der "Leistungsmedizin" immer stärker in den Mittelpunkt gerückte Betriebsarzt mit dem niedergelassenen Arzt als Träger der medizinischen Primärversorgung gleichberechtigt auf eine Stufe gestellt worden. Statt freier Arztwahl und der Vergütung von Einzelleistungen wäre bei Realisierung des Vorhabens ein System getreten, bei dem der Arzt, unabhängig vom Arbeitsaufwand, pauschal für die Betreuung einer Anzahl ihm zugeteilter Familien entlohnt worden wäre. Außerdem hatte Ley die Absicht,
das durch die Standesorganisationen kontrollierte Niederlassungsprinzip durch staatlich konzessionierte Arztstellen zu ersetzen.
Angesichts solcher Pläne verwundert es nicht, wenn Paul Sperling im Juli 1941 beobachtete, daß die Ärzteschaft von "Unruhe" erfaßt sei, wobei zwei Aspekte im Mittelpunkt des Interesses standen: "1. die Höhe des kassenärztlichen Honorars und 2. die Form der Zulassung". Für beide Bereiche beanspruchte Ley und damit der NS-Staat das Zugriffsrecht, was Sperling zu der Bemerkung veranlaßte, mit der beabsichtigten "allzu weit gehenden Schematisierung" seiner beruflichen Tätigkeit würde der Ärztestand "natürlich den letzten Rest von Freiheit" zu Grabe tragen, "ohne dafür etwas Besseres einzutauschen". Hätte sich die DAF durchgesetzt, so wären die Ärzte in ihrer Führungsrolle im Gesundheitswesen durch (Sozial-)Politiker abgelöst worden. Daher wird man wohl mit Erleichterung registriert haben, daß sich Hitler 1942 weigerte, für die Dauer des Krieges dieses Thema weiter zu diskutieren.
Aber auch so gab es genügend Konfliktstoff. Durch die kriegsbedingte Arbeitsüberlastung ohnehin schon gereizt, bestimmten nicht nur nach Bekunden Paul Sperlings Zulassungs- und insbesondere Honorarfragen die Interessen der "Basis". Anfang 1942 wurde im Ärzteblatt angesichts einer zunehmenden Unart eine deutliche Warnung ausgesprochen. Es solle immer noch vorkommen, daß Kassenärzte mit der Begründung zu schlechter Bezahlung die Behandlung von Patienten rundweg ablehnen würden. Zukünftig würde gegen solche Berufskollegen vorgegangen, da deren Argumente nicht nur falsch seien, sondern hinreichend erläutert worden sei, daß "nicht das gesamte von den Kassen gezahlte Geld allein den Heimatärzten" zugute kommen könne.


Zurückgehendes Interesse für NS-Gesundheitspolitik
Das Interesse an der NS-Gesundheitsführung jedenfalls war, sofern zuvor überhaupt vorhanden, bis Herbst 1942 offenbar auf den Nullpunkt gesunken. Ein Teil der deutschen Ärzteschaft, so ein Mitarbeiter Contis, stehe deren Aufgabe "teilnahmelos gegenüber". Für sie seien die Begriffe Reichsgesundheitsführung und Gebührenordnung "eine Gedankenassoziation, bei der die Höhe der gezahlten Honorare direkt proportional der Güte der Reichsgesundheitsführung ist".
Auch bei vorsichtiger Bewertung der angeführten Belege drängt sich die Vermutung auf, daß der hohe Organisationsgrad weniger auf politische Überzeugungen als eher auf materielle Erwägungen zurückzuführen ist.

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