ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2009Nationalsymbole: „Flagge zeigen?“

KULTUR

Nationalsymbole: „Flagge zeigen?“

Traub, Ulrich

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„Macht das Tor auf“: Sammelbüchse des „Kuratoriums Unteilbares Deutschland“, das sich 1954 in der Bundesrepublik Deutschland als „Volksbewegung für die Wiedervereinigung Deutschlands“ gründet. Foto: © Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Michael Jensch, Axel Thünker
„Macht das Tor auf“: Sammelbüchse des „Kuratoriums Unteilbares Deutschland“, das sich 1954 in der Bundesrepublik Deutschland als „Volksbewegung für die Wiedervereinigung Deutschlands“ gründet. Foto: © Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Michael Jensch, Axel Thünker
Diese Ausstellung war überfällig. Spätestens seit der Fußballweltmeisterschaft 2006, die auch eine des Fahnenschwenkens war, geht man davon aus, dass die Deutschen mit ihren Nationalsymbolen Frieden geschlossen haben. Ob dies auch etwas über das Bewusstsein für die historischen Wurzeln von Flagge, Hymne und Adler aussagt, darf bezweifelt werden.

Mit der Ausstellung „Flagge zeigen? Die Deutschen und ihre Nationalsymbole“ versuchte das Haus der Geschichte in Bonn, Nachhilfearbeit zu leisten. Die Nationalsymbole haben ihre Ursprünge nicht, wie man annehmen könnte, in der Gründungsphase der Bundesrepublik und auch nicht in der Zeit der Wiedervereinigung. Flagge, Hymne und Wappen sind älter. Einer tatsächlichen Neuschöpfung, wie sie durchaus einige Male diskutiert wurde, stand die Mehrheit der Entscheidungsträger immer ablehnend gegenüber. Dass das Hauptgewicht der Ausstellung auf der Trikolore der Deutschen liegt, erklärt sich vor allem dadurch, dass Schwarz-Rot-Gold nach dem Ende der Nazidiktatur das einzige unbelastete Symbol war. Die Farben fanden sich in den Uniformen des lützowschen Freikorps wieder, das gegen die napoleonischen Invasoren kämpfte, und symbolisierten kurze Zeit später als Fahne der deutschen Burschenschaften Freiheit und Einheit, die es in den damaligen deutschen Ländern nicht gab.

Das Hambacher Fest (1832), die erste Großdemonstration, auf der nationale Einheit, Grundrechte und Pressefreiheit gefordert wurden, die Märzrevolution (1848) und die Paulskirche in Frankfurt am Main, wo das erste frei gewählte Parlament 1848 zusammentrat, waren die nächsten erfolgreichen Stationen von Schwarz-Rot-Gold. Das Deutsche Reich schmückte sich ab 1871 dagegen lieber mit Schwarz-Weiß-Rot, Farben, die in der Weimarer Republik nur gegen den massiven Widerstand rechter Kreise und der Kommunisten durch Schwarz-Rot-Gold ersetzt werden konnten. Dass die rund 600 Exponate der Ausstellung, die zurzeit in Leipzig zu sehen ist, davon wenig erzählen, weil sie erst die Zeitspanne mit Beginn der NS-Gewaltherrschaft thematisieren, muss verwundern. Der Blick für die historischen Entwicklungen wird so jedenfalls nicht geschärft. Stärker als die Fahne polarisierte das Deutschlandlied die Politiker der jungen Bundesrepublik. In der Bevölkerung aber fand die Hymne, die ab 1922 in der Weimarer Republik und – erweitert um das Horst-Wessel-Lied – auch von den Nazis gesungen worden war, breite Zustimmung, sodass der damalige Bundespräsident Theodor Heuss sein Vorhaben einer neuen Hymne aufgeben musste. 1952 wurde das „Lied der Deutschen“, das Hoffmann von Fallersleben 1841 gedichtet hat und in der Mitte des 19. Jahrhunderts inhaltlich einen gänzlich anderen Klang hatte, zur Nationalhymne – mit allen drei Strophen. Bei „staatlichen Veranstaltungen“ solle aber nur die dritte Strophe des Liedes gesungen werden, verfügte das Bundespräsidialamt.

In der DDR durfte Johannes R. Bechers „Auferstanden aus Ruinen“ nur bis 1972 angestimmt werden. Weil es darin auch heißt „Deutschland, einig Vaterland“, was in der Honecker-Ära nicht mehr Ziel der SED-Politik war, erklang fortan nur noch Hanns Eislers Musik. Der letzte DDR-Ministerpräsident, Lothar de Maizière, wagte sich mit dem Vorschlag, „Einigkeit und Recht und Freiheit“ mit dem Becher-Text und Haydns Musik zu kombinieren, an die Öffentlichkeit. Eine Idee, die bei Helmut Kohl auf helle Em-pörung stieß. Auch der Bundesadler sträubte sich erfolgreich gegen Neuinterpretationen. Anknüpfend an demokratische Traditionen wurde das Wappentier der Weimarer Republik, das auch im weit weniger demokratischen Deutschen Reich seinen Dienst verrichtet hatte, wiederbelebt und zierte in üppiger Form die Bonner Plenarsäle. Frühe Vorschläge, den Vogel mit den Wappen der Bundesländer zu verbinden, wurden ebenso abgelehnt wie das Vorhaben des Architekten des Reichstagsumbaus, Norman Foster. Der Engländer wollte den Adler schlanker und geschmeidiger darstellen – ohne Chance. Immerhin schaut der Raubvogel jetzt ein wenig freundlicher auf das parlamentarische Treiben.
Ulrich Traub

Die Ausstellung, die zunächst im Haus der Geschichte in Bonn gezeigt wurde, ist vom 26. Mai bis 11. Oktober im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig zu sehen. Informationen im Internet unter: www.hdg.de.
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