ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2009Genforschung: Einseitige Schilderung
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Joachim Bauer: Das kooperative Gen. Abschied vom Darwinismus. Hoffmann und Campe, Hamburg 2008, 223 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 19,95 Euro
Joachim Bauer: Das kooperative Gen. Abschied vom Darwinismus. Hoffmann und Campe, Hamburg 2008, 223 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 19,95 Euro
Der Titel ist offensichtlich eine Entgegnung auf Richard Dawkins’ „Das egoistische Gen“ aus dem Jahr 1976. Damit ist das Buch vor allem eine Kampfansage an eine evolutionäre Biologie, die der Notwendigkeit im Reich des Lebendigen höchste Priorität einräumt: Demnach sind Gene die wahren Spieler der Evolution und unsere Körper lediglich von ihnen gebaute, vergängliche Vehikel, mit deren Hilfe sie ihr Fortbestehen sichern. Natürliche Auslese berücksichtigt in dieser Perspektive ausschließlich das Interesse der Gene. Dass Organismen oder gar deren Sozialverbände eigene Interessen verfolgen könnten, wird kaum gesehen. Die Einseitigkeit einer solchen Position zu kritisieren, ist legitim.

Anschaulich schildert Bauer die Ergebnisse der Genforschung in den letzten 50 Jahren. Doch er schildert sie durch eine ähnlich einseitige Brille wie Dawkins. Dessen Anpassungsfundamentalismus pariert Bauer mit den Begriffen „Kooperation, Kommunikation und Kreativität“. Ähnlich wie Dawkins macht er Gene zu Subjekten der Evolution – hier sind sie selbstsüchtig, dort das Gegenteil: kommunikativ und kreativ. Zwar redet er nicht einem Kreationismus das Wort – Evolution ist für ihn nicht determiniert. Aber er hält sie für „gebahnt“ und damit nicht für zufällig. Dabei scheint er unter Zufall blindes, regelloses Chaos zu verstehen. Zufall bezeichnet in der Biologie jedoch nicht determinierte Ereignisse, die mithilfe der Wahrscheinlichkeitsgesetze beschreibbar sind.

Stephen J. Goulds Annahme eines Wechsels zwischen kurzen Perioden intensiven Wandels und langen Zeiträumen ohne größere Veränderungen führt Bauer als Beleg gegen das „zentrale darwinistische Dogma“ eines gleichmäßigen und kontinuierlichen Verlaufs der Evolution ins Feld. Dabei stellt Goulds Modell die von Darwin postulierten Mechanismen der Evolution gerade nicht infrage, sondern zeichnet allenfalls ein anderes Bild der Evolutionsgeschwindigkeit. Der Streit zwischen „Gradualisten“ und „Punktualisten“ wird zusätzlich dadurch entschärft, dass die beiden Disziplinen ein je unterschiedliches Zeitverständnis haben. So kann für den Paläoontologen ein Punkt in der Evolution 50 Millionen Jahre umfassen; für den Genetiker ist das ein langer Zeitraum.

Fazit: Bauer liefert einen verständlich und flüssig geschriebenen Text über die Ergebnisse neuerer Genforschung. Doch statt einer Erklärung, warum die von ihm präsentierten Daten einen Abschied vom Darwinismus nahelegen sollen, polemisiert er. Wenn er Darwin in einer Fußnote „entgegen einer weithin vertretenen Auffassung“ leichthin als „Sozialdarwinisten“ bezeichnet, weil er sich kritisch zum Sozialstaat geäußert habe, wird er dem großen Naturforscher nicht gerecht. Christof Goddemeier
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