ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2009Ärztlicher Stellenmarkt: Die Nachfrage stagniert auf sehr hohem Niveau

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Ärztlicher Stellenmarkt: Die Nachfrage stagniert auf sehr hohem Niveau

Dtsch Arztebl 2009; 106(18): A-897 / B-769 / C-745

Martin, Wolfgang

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In den Krankenhäusern können derzeit nach Angaben der Deutschen Krankenhausgesellschaft rund 10 000 Stellen nicht besetzt werden. Welche ärztlichen Fachgruppen besonders rar sind, zeigt die Analyse des Stellenmarkts im Deutschen Ärzteblatt.

Das neue Jahr hat so begonnen, wie das alte aufgehört hat: Die Zahl an Stellenausschreibungen für Fachärztinnen und Fachärzte im Deutschen Ärzteblatt ist in den ersten drei Monaten 2009 kaum merklich um rund zwei Prozent gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres zurückgegangen. Allein die Einrichtungen des öffentlichen Gesundheitswesens und der Medizinischen Versorgungszentren schalteten nochmals mehr Stellenanzeigen als im Vorjahr. Damit kann weiterhin von einer stagnierenden Nachfrage nach Ärztinnen und Ärzten gesprochen werden, die allerdings auf sehr hohem Niveau liegt.

Einen Vergleich der Nachfragesituation in den verschiedenen Fachgebieten ermöglicht der von Mainmedico jedes Jahr ermittelte Facharztindex. Für diesen wird die Zahl der in einem Fachgebiet veröffentlichten Stellenanzeigen im Deutschen Ärzteblatt ins Verhältnis gesetzt zur Zahl der in diesem Fachgebiet angestellt tätigen Ärztinnen und Ärzte. So erhält man einen spezifischen Indexwert. Dieser gibt an, wie viele Fachärztinnen und Fachärzte rein rechnerisch auf eine Stellenausschreibung entfallen. Je niedriger der Indexwert, desto geringer ist für Fachärztinnen und Fachärzte die Zahl potenzieller Mitbewerber beziehungsweise desto weniger Bewerbungen werden aller Voraussicht nach bei den ausschreibenden Krankenhäusern eingehen. Bei einem Indexwert unter zehn kann man davon ausgehen, dass die Bewerberdecke dünn beziehungsweise sehr dünn ist.

Der Facharztindex gibt an, wie viele Fachärzte rein rechnerisch auf ein Stellenangebot entfallen. Je geringer der Wert, desto geringer die Zahl potenzieller Mitbewerber auf eine Stelle.
Der Facharztindex gibt an, wie viele Fachärzte rein rechnerisch auf ein Stellenangebot entfallen. Je geringer der Wert, desto geringer die Zahl potenzieller Mitbewerber auf eine Stelle.
Die Liste der ersten Zehn gibt an, in welchen Fachgebieten Stellenbesetzungen im ärztlichen Bereich besonders schwierig sind; für die Fachgebiete auf den folgenden Plätzen bedeutet dies aber keinesfalls, dass hier die Bewerbersituation noch als entspannt zu bezeichnen ist. Im Gegenteil: In den letzten Jahren hat sich die Nachfragesituation über alle Fachgebiete hinweg dramatisch verändert. Kamen 2004 im Durchschnitt 24,3 Fachärztinnen und Fachärzte auf eine Stellenausschreibung im Deutschen Ärzteblatt, waren es vier Jahre später nahezu nur noch halb so viele. Dies bedeutet, dass Bewerber mittlerweile in allen Fachgebieten eher knapp geworden sind.

Den größten Sprung nach vorn im Nachfrageindex machte 2008 die Gefäßchirurgie: von Platz sechs im Vorjahr (Indexwert 8,3) auf den Spitzenplatz. Wie prekär hier die Lage inzwischen ist, macht ein Blick auf die Oberarztebene deutlich. Im vergangenen Jahr wurden in diesem Schwerpunkt insgesamt 133 Oberarztpositionen ausgeschrieben, die in erster Linie für „frisch gebackene“ Gefäßchirurginnen und Gefäßchirurgen infrage kamen. Im gesamten Jahr davor haben aber nur 107 Ärztinnen und Ärzte ihre Weiterbildung in diesem Schwerpunkt abgeschlossen beziehungsweise die neue Facharztbezeichnung Gefäßchirurgie erworben. Damit kam rein rechnerisch noch nicht einmal ein potenzieller Bewerber auf eine Stellenausschreibung. Besonders problematisch ist dies für Abteilungen für Allgemein-, Viszeral- und Gefäßchirurgie mit einem bereichsübergreifenden Bereitschaftsdienst: Da es kaum noch Gefäßchirurginnen und Gefäßchirurgen gibt, die auch allgemeinchirurgisch tätig sein wollen oder können, haben diese Abteilungen kaum noch Chancen, ihre gefäßchirurgischen Oberarztpositionen zu besetzen.

In den Fachgebieten Gastroenterologie, Viszeralchirurgie, Pneumologie und Kardiologie sieht es kaum besser aus. Hier kommen nach eigener Berechnung noch nicht einmal zwei potenzielle Bewerber auf eine Oberarztausschreibung. Da sich die zunehmende Spezialisierung der Abteilungen in den Akutkrankenhäusern personell vor allem auf der Oberarztebene vollzieht, wird deutlich, dass der Nachwuchsmangel – auch und gerade in den großen Fachgebieten – bereits jetzt ganz entscheidend die Profilierung des Leistungsspektrums in den Krankenhäusern behindert.

Besonders angespannt bleibt die Lage in den Fachgebieten Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie Psychosomatische Medizin. Auch hier reicht die Zahl der nachrückenden Fachärztinnen und Fachärzte nicht aus, um den steigenden Bedarf in den Krankenhäusern und Einrichtungen des öffentlichen Gesundheitswesens zu decken. So wurden im vergangenen Jahr von Krankenhäusern, Medizinischen Versorgungszentren und Gesundheitsämtern insgesamt 106 Positionen ausgeschrieben, die für nachrückende Kinder- und Jugendpsychiater(innen) geeignet waren. Im gesamten Jahr 2007 haben aber nur 102 Ärztinnen und Ärzte die entsprechende Facharztanerkennung erworben. In der Psychosomatischen Medizin sieht es kaum besser aus. Hier kamen auf 111 Stellenausschreibungen rein rechnerisch 135 frisch beurkundete Fachärztinnen und Fachärzte für Psychosomatische Medizin.

Im Fachgebiet Frauenheilkunde und Geburtshilfe bietet sich das gleiche Bild wie in den letzten Jahren. Auch 2008 hat wieder jede dritte Abteilung Gynäkologie/Geburtshilfe eine Oberarztposition ausgeschrieben. Hier wird das allgemeine Problem des Nachwuchsmangels dadurch verschärft, dass die überwiegende Zahl an Gynäkologinnen anscheinend die Übernahme von Führungsverantwortung im tradierten hierarchischen System ablehnt – sei es aus grundsätzlichen Erwägungen oder weil die Arbeitsbedingungen keine verlässliche Vereinbarung von Familie und Beruf ermöglichen. Damit fehlen sie natürlich als potenzielle Bewerberinnen. Und auch auf der Chefarztebene werden die Bewerber(innen) inzwischen knapp. Dies bekommen besonders die Krankenhäuser außerhalb der Ballungsräume zu spüren; aber selbst ein attraktiver Standort ist längst kein Garant mehr für eine reibungslose Stellenbesetzung.
Dr. Wolfgang Martin
E-Mail: mainmedico@t-online.de
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Der Facharztindex gibt an, wie viele Fachärzte rein rechnerisch auf ein Stellenangebot entfallen. Je geringer der Wert, desto geringer die Zahl potenzieller Mitbewerber auf eine Stelle.
Der Facharztindex gibt an, wie viele Fachärzte rein rechnerisch auf ein Stellenangebot entfallen. Je geringer der Wert, desto geringer die Zahl potenzieller Mitbewerber auf eine Stelle.
Facharztindex
Der Facharztindex gibt an, wie viele Fachärzte rein rechnerisch auf ein Stellenangebot entfallen. Je geringer der Wert, desto geringer die Zahl potenzieller Mitbewerber auf eine Stelle.

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