ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2009Von schräg unten: Morbidität

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Morbidität

Dtsch Arztebl 2009; 106(19): [92]

Böhmeke, Thomas

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Die Osterglocken bimmeln, der Himmel reißt auf, die strahlende Sonne lässt das erste Grün sprießen und hellt die Stimmung der Menschen auf. Ein paar freie Tage zu Ostern, das heißt für mich nicht, die Zeit in Feld, Wald und Flur zu verplempern, sondern Literaturstudium. Also die Auseinandersetzung mit neuen Krankheiten; Osterfortbildung statt Osterfeiertage, sozusagen. Man muss ja auf dem Laufenden bleiben, ständig den Transformationen von Viren, Bakterien und anderen Plagen der Menschheit nachforschen, um sie zum Wohl unserer Patienten rechtzeitig und wirkungsvoll in Schach zu halten.

Heute ist der Morbi-RSA dran, unsere neue Bürokratie aus dem Haus Ulla Schmidt. Das Studium dieses Krankheitsbildes verlangt volle Konzentration, lässt meine Synapsen dampfen. Ich lerne: Neubildungen unklarer Dignität war gestern, heute heißt es HMG014 und DXG073. Und, bitte: niemals M2Q aus den Augen verlieren. Ich bekenne hiermit öffentlich, dass meine Affinität zu bürokratischen Neuerungen und deren obligatorischen Kürzelitis ungefähr derjenigen eines gramnegativen Keims zu Gyrasehemmern entspricht. Meine Empathie für Bürokratie ist nun mal stark eingeschränkt, also unter HMG066 zu gruppieren. Aber mein Aufmerksamkeitsdefizit hilft mir nichts, ich muss da durch. Die Pathophysiologie dieser neuen Morbidität lässt mich verzweifeln. Je länger ich sie studiere, desto mehr fühle ich mich wie Feinstaub im Filter, wie die Dose im Angesicht der Pfandparagrafen. Mein mühselig erlerntes Wissen über Krankheiten und deren Bekämpfung scheint ins Nichts degradiert zu werden, zu kryptischen kostenpflichtigen Kürzeln zu schrumpfen. Meine Patienten sollen keine durch Gefäßprobleme geschundenen Menschen mehr sein, sondern DXG363. Mit Arzneimittelvalidierung für Zuschlagsauslösung bitteschön. Keine atemlos Leidenden, durch Herzschwäche ihrer Kraft beraubt, sondern DXG358. Ausschließlich mit stationärer Zuschlagsauslösung, nicht zu vergessen. Mein Blutdruck steigt, die Stresshormone geraten außer Kontrolle, mein Puls beschleunigt sich und holpert heftig. Das ist HMG092 beziehungsweise DXG391, mit DXG388. Es schlägt mir enorm auf meine Stimmung, genauer: DXG267 und DXG269. Da kann auch die Ostersonne nicht mehr helfen. Die hat ja keine Ahnung von Risiko­struk­tur­aus­gleich und hierarchisierten Morbiditätsgruppen, die Glückliche.

Aber bevor ich mich in DXG257 flüchte, also Trost bei einem Glas Rotwein suche, kommt mir die Idee, alle meine eben erstellten Diagnosen meiner Krankenkasse zu übermitteln. Das nutzt mir zwar nichts, weil freiberuflich tätig und somit auch in schlechtem Allgemeinzustand arbeitend, aber: Ich habe immerhin das Gefühl, für meine Krankenkasse ungeheuer wertvoll sein. So ein Gefühl gibt mir das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium schon lange nicht mehr.

Dr. med. Thomas Böhmeke ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.
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