ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2009HPV-Impfung: Was hinter den Zahlen steckt
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Die beiden Artikel unter gleichem Titel machen in überdeutlicher Weise klar, dass in Deutschland Mediziner nicht miteinander sprechen können, weil sie konzeptionell sich in den jeweils anderen nicht mehr hineindenken können – was in angelsächsischer Medizinkultur in dieser Weise überhaupt nicht mehr vorstellbar ist. Im ersten Artikel von Gerhardus et al. wird mit Selbstverständlichkeit davon ausgegangen, dass es unterschiedliche Betrachtungen von Wirksamkeit, oder, was eigentlich ausgedrückt werden soll, von Nutzen gibt. In einer hervorragenden Tabellenzusammenstellung zur HPV-Impfung wird deutlich gemacht, dass der Nutzen der HPV-Impfung irgendwo zwischen knapp zehn Prozent und 20 Prozent liegt, das heißt, bei 100-prozentiger Impfung würde längerfristig das „Problem Zervixkarzinom“ um zehn bis 20 Prozent zurückdrängbar sein – einmal komplizierende andere Faktoren nicht betrachtet. Im Entgegnungsartikel gehen Löwer und Stöcker aber von einer fast 100-prozentigen (95 bis 98 Prozent) Wirksamkeit aus. Das Geheimnis dieser so unterschiedlichen Zahlen wird von den jeweiligen Autoren nicht gelüftet – weil sie ganz offensichtlich gar nicht verstehen, was der andere wirklich meint: Die einen – Gerhardus et al. – sprechen auf Basis eines bevölkerungsbezogenen Ansatzes vom Nutzen in Bezug auf das „Gesundheitsproblem Zervixkarzinom“. Allerdings beantworten sie damit auch die Frage eines einzelnen, zur Impfung aufgerufenen Menschen: Welchen Nutzen habe ich von der Impfung in Bezug auf dieses Gesundheitsproblem – statistisch – zu erwarten? Die anderen – Löwer/ Stöcker – sprechen in einer fast irritierenden Weise medizinzentriert von der klassischen Wirksamkeit, die sie aber klinische Wirksamkeit nennen. Wirksamkeit ist zwar immer Voraussetzung für einen Nutzen einer Behandlung oder einer Impfung, nur reicht diese in Bezug auf klinische und bevölkerungsbezogene Relevanz eben nicht aus, wie am Beispiel der Impfung deutlich wird. Der Impfstoff ist überzeugend wirksam bei a) Kindern und jungen Frauen, die bisher keinen HPV-Kontakt hatten, und er bezieht sich b) nur auf die beiden HPV-Typen 16 und 18. Wirksamkeit kann man nur in Bezug auf diese Konditionen testen. Was ist also die „richtige“ Antwort auf die Frage der Artikelüberschrift? Interessiert man sich für die Wirksamkeit einer Substanz, eines Impfstoffes, so hat die Darstellung von Löwer/Stöcker die richtige Antwort. Man fragt sich nur, wer sich bei einer Impfung hierfür interessiert, handelt es sich doch um eine absolut handlungsferne Frage. Interessiert man sich aber für das „Gesundheitsproblem Zervixkarzinom“, also auch für die Frage, was hat ein junges Mädchen davon, wenn es sich impfen lässt, so ist die richtige Antwort aus dem Artikel von Gerhardus zu entnehmen: Der Nutzen liegt zwischen zehn und 20 Prozent. Würde man nur sehr junge Kinder impfen, wäre der Anteil auf bis auf 40 Prozent zu heben. Auch dies ließe die Notwendigkeit weiterer Früherkennung auf das Karzinom unverändert wichtig sein.

Prof. Dr. Heinz-Harald Abholz, Leiter der Abteilung für Allgemeinmedizin, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Moorenstraße 5, 40225 Düsseldorf
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