ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2009Drogenpolitik: Streit um Heroin auf Rezept

POLITIK

Drogenpolitik: Streit um Heroin auf Rezept

PP 8, Ausgabe Mai 2009, Seite 206

Richter-Kuhlmann, Eva

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Von durchweg guten Erfahrungen mit einer strengen Vergabe von Diamorphin an Schwerstabhänigige berichteten Vertreter der Modellstädte. Foto: ddp [m]
Von durchweg guten Erfahrungen mit einer strengen Vergabe von Diamorphin an Schwerstabhänigige berichteten Vertreter der Modellstädte. Foto: ddp [m]
Nicht nur die Große Koalition ist sich uneins, ob Schwerstdrogenkranke mit Diamorphin auf Kassenkosten behandelt werden sollten. Auch innerhalb der Ärzteschaft gehen die Meinungen darüber auseinander.

Gegen Ende der Legislaturperiode wird der Ton innerhalb der Großen Koalition merklich rauer. Neuer Streitpunkt ist die diamorphingestützte Substitutionsbehandlung. Schwerstdrogenabhängige sollen künftig mit synthetisch hergestelltem Heroin (Diamorphin) auf Kosten der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) behandelt werden. Das wollen zumindest der Bundesrat sowie Abgeordnete der SPD, der FDP, der Linken und von Bündnis 90/Die Grünen. Mit ihren fast gleichlautenden Entwürfen zu einem „Gesetz über die diamorphingestützte Substitutionsbehandlung“ stoßen sie jedoch auf „erhebliche Bedenken“ vonseiten der Union. Für eine Übernahme der Diamorphin-Behandlung in die GKV-Regelversorgung reiche derzeit der Kenntnisstand nicht aus, monieren Abgeordnete der CDU/CSU-Fraktion in einem eigenem Antrag und fordern, das mittlerweile abgeschlossene Modellprojekt zur kontrollierten Heroinabgabe an Schwerstabhängige fortzuführen.

2002 startete das vom Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung der Universität Hamburg wissenschaftlich begleitete Bundesmodellprojekt. An sieben Standorten (Bonn, Frankfurt/Main, Hamburg, Hannover, Karlsruhe, Köln, München) erhielten mehr als 1 000 Schwerstopiatabhängige randomisiert entweder eine Methadon- oder eine Heroin-Substitutionstherapie. Der 2006 veröffentliche Forschungsbericht zeigte gesundheitliche Verbesserungen bei den Behandelten beider Studienarme. Für die eng begrenzte Gruppe von Drogenabhängigen war die Diamorphinbehandlung der Methadonbehandlung jedoch hinsichtlich der gesundheitlichen Situation als auch der Verringerung des illegalen Beikonsums signifikant überlegen. Es sank die Beschaffungskriminalität; teilweise gelang den Betroffenen der Wiedereinstieg in das Arbeitsleben.

Einwände von KBV und Krankenkassen
Bei einer Sachverständigenanhörung des Gesundheitsausschusses am 23. März in Berlin bestätigten dies die Vertreter der Modellstädte. Sie berichteten von durchweg guten Erfahrungen: Viele Schwerstabhängige konnten stabilisiert und entkriminalisiert werden, einige erreichten sogar die Abstinenz. Auch die Befürchtung, dass zu viele Patienten kommen würden, sei durch die engen Zugangsvoraussetzungen nicht eingetroffen, berichtet Marlis Bredehorst von der Stadt Köln. Es gebe sogar noch freie Therapieplätze.

Ebenso wie die Städte befürworten auch die Bundes­ärzte­kammer und die Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft eine strenge Vergabe von Diamorphin an einen begrenzten Kreis schwerstkranker Opiatabhängiger. Die mit dem Modellprojekt verbundene Studie weise nach, dass die Diamorphin-Behandlung für eine bestimmte Patientengruppe alternativlos sei, sagte Dr. med. Christoph von Ascheraden bei der Anhörung. Es gehe in erster Linie darum, Leben zu retten. „Nur wer überlebt, kann eine abstinenzorientierte Therapie anfangen“, betonte von Ascheraden. Von einer reinen Fortsetzung des Modellprojekts, wie sie die Union vorschlägt, sind nach Ansicht der Bundes­ärzte­kammer dagegen keine neuen Beurteilungskriterien zu gewinnen.

Nach den Gesetzentwürfen von Bundesrat und der interfraktionellen Abgeordnetengruppe soll eine solche Behandlung nur in Betracht kommen, wenn die Betroffenen mindestens 23 Jahre alt und seit fünf oder mehr Jahren abhängig sind und zudem bereits zwei erfolglose Therapien absolviert haben. Kritik an diesen Kriterien äußerte die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV). Sie seien „prototypisch für Heroinabhängige“ und deshalb ungeeignet, um Schwerstabhängige abzugrenzen, gab Dr. med. Paul Rheinberger zu bedenken. Wendete man sie an, käme für die Heroinabgabe die Mehrheit der etwa 140 000 Opiatabhängigen infrage. Eine flächendeckende Sicherstellung der Heroinvergabe durch Vertragsärzte sei einer Umfrage unter den Kassenärztlichen Vereinigungen aus dem Jahr 2007 zufolge nicht gewährleistet.

Ähnliche Einwände führte der GKV-Spitzenverband an. Nach seinen Schätzungen erfüllen etwa 70 000 Abhängige die Kriterien der Heroinvergabe. Damit summierten sich die Kosten der Diamorphin-Therapie auf 0,7 bis eine Milliarde Euro, rechnete Axel Meeßen vor. Ein großes Manko ist für Dr. med. Bernhard Egger vom AOK-Bundesverband zudem die Qualität der psychosozialen Betreuung, die nicht flächendeckend sichergestellt werden könne. Ohne sie nutze Diamorphin auf Rezept jedoch nur wenig.
Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann
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