ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2009Welt­gesund­heits­organi­sation: Armut ist eine politische Entscheidung

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Welt­gesund­heits­organi­sation: Armut ist eine politische Entscheidung

PP 8, Ausgabe Mai 2009, Seite 211

Dragano, Nico

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Foto: dpa
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Die Weltkarte der Gesundheit deckt sich weitgehend mit der des Wohlstands. So lautet das Fazit eines Reports zu den sozialen Ursachen von Erkrankungen.

Die gegenwärtige Finanzkrise zeigt nicht nur, wie fragil die globale Wirtschaftsordnung ist, sondern auch, wie ungleich Gewinne und Verluste zwischen Staaten und innerhalb von Gesellschaften verteilt sind. Was soziale und wirtschaftliche Ungleichheit für die Gesundheit breiter Bevölkerungsschichten weltweit bedeutet, verdeutlicht der aktuelle Report einer von der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) eingesetzten Kommission zu den sozialen Ursachen von Gesundheit und Krankheit (1). Der Report fasst das Ergebnis einer globalen Bestandsaufnahme zum Ausmaß sozial ungleicher Krankheits- und Sterblichkeitsrisiken zusammen. Das erwartbare Fazit ist, dass sich die Weltkarte der Gesundheit weitgehend mit der des Wohlstands deckt. Je ärmer ein Land ist und je geringer sein politischer Einfluss, desto geringer sind die Chancen seiner Einwohner auf ein gesundes und langes Leben. Solche Grenzen verlaufen nicht nur zwischen, sondern auch innerhalb von Staaten, in denen ein höherer Wohlstand in der Regel mit einer besseren Gesundheit einhergeht. Deutschland bildet da keine Ausnahme. So zeigen neuere Daten, dass die Lebenserwartung in den höchsten Einkommensgruppen um bis zu zehn Jahre über der in den niedrigsten Einkommensgruppen liegt (2). Vergleichbare Befunde liegen für viele Erkrankungen und Gesundheitsstörungen vom Kindes- bis ins hohe Lebensalter vor (3).

Es ist nicht naturgegeben, dass Menschen in manchen Regionen der Welt durchschnittlich 30 Jahre früher sterben als in anderen, sondern das Produkt „einer toxischen Mischung aus ungenügender sozialer Sicherung, unfairen wirtschaftlichen Verhältnissen und schlechter Politik“, so die Kommission in ihrem Report. Die toxische Wirkung entfaltet sich über die aus der Benachteiligung resultierenden schlechten Lebensbedingungen. Hier identifiziert der Report verschiedene Bereiche, in denen soziale Benachteiligung zu gesundheitlicher Benachteiligung führt. Am Anfang steht die Versorgung von Kindern und ihren Müttern, deren Gesundheit besonders anfällig ist. Nach Schätzungen der WHO sterben jedes Jahr zehn Millionen Kinder, bevor sie das erste Lebensjahr erreichen. Ein Großteil von ihnen stirbt in armen Ländern oder in der armen Bevölkerung reicherer Länder. Als weitere Bereiche zählt der Bericht die Wohn- und Arbeitsbedingungen der Menschen, die sozialen Sicherungssysteme und schließlich das medizinische Versorgungssystem auf.

Da die Kommission ein sehr vielfältiges Geschehen erklären will, bleibt der Bericht notgedrungen im Detail vage. Die sozialen Hintergründe ungleicher Lebensverhältnisse sind von Land zu Land, von Entwicklungsstand zu Entwicklungsstand verschieden und Faktoren, die in den Subsaharastaaten die Gesundheit der Bevölkerung massiv beeinträchtigen, spielen in Europa kaum eine Rolle und umgekehrt.

Wichtiger als eine erschöpfende Darstellung wissenschaftlicher Evidenz ist der Kommission daher der politische Appell. Es werden zu allen Bereichen Handlungsempfehlungen gegeben, und durch eine Vielzahl von Beispielen aus aller Welt wird belegt, dass es möglich ist, soziale Ungleichheit abzubauen und dadurch gesundheitliche Verbesserungen für breite Bevölkerungsgruppen zu erreichen.

Als übergreifendes Konzept wird ein integrierter Politikansatz gefordert, bei dem die sozialen Hinter-gründe der Gesundheit in allen Politikfeldern berücksichtigt werden. Das bedeutet zunächst die Einsicht, dass auch Entscheidungen in der Bildungs- und Wirtschaftspolitik gesundheitliche Folgen haben. Mikrokredite in Indien, städtebauliche Eingriffe in Slums in Südamerika oder nationale konzentrierte Programme zur Bekämpfung der Kinderarmut in Irland werden neben vielen anderen Initiativen als Zeugen für die Wirksamkeit integrierter Programme aufgeführt. Wenn der politische Wille da ist, können einschneidende Verbesserungen erzielt werden, das ist die Hauptbotschaft des Reports. Und dass der Wille in manchen Staaten bereits da ist, sollte andere Staaten motivieren, sozial ungleiche Gesundheitschancen ebenfalls auf die politische Agenda zu setzen.

An Ressourcen fehle es jedenfalls nicht, meint der Vorsitzende der Kommission, Sir Michael Marmot. Der Wissenschaftler rechnet vor, dass mit einem Bruchteil der Gelder, die von den Regierungen der Industrienationen für die angeschlagene Bankenbranche bereitgestellt werden, alle Slumbewohner der Welt mit sauberem Wasser versorgt werden könnten. „Armut ist eine politische Entscheidung“, sagt Marmot.

Dass solche Sätze nicht völlig ohne Wirkung bleiben, zeigt eine breite Beteiligung nationaler Regierungen und internationaler Institutionen bei der Vorstellung des Reports in London. Eröffnet wurde die Konferenz vom britischen Premierminister Gordon Brown, der ankündigte, soziale Ungleichheit und ihre gesundheitlichen Folgen sowohl global als auch national verstärkt zu bekämpfen. Unter anderem beauftragte er Vertreter der WHO damit, nach dem Vorbild des globalen Berichts einen nationalen Bericht zum Ausmaß und zu den Ursachen gesundheitlicher Ungleichheit in Großbritannien zu erstellen. Dass dringender Handlungsbedarf besteht, illustrierte Brown mit Daten zur Lebenserwartung aus London: Auf der U-Bahn-Strecke vom Regierungsbezirk in Westminster in Richtung der ärmeren Vorstädte sinke die mittlere Lebenserwartung mit jeder Station um ein Jahr.

Wie groß der Wille für Veränderungen angesichts der andauernden wirtschaftlichen Krise tatsächlich sein wird, bleibt abzuwarten. Ein Erfolg ist aber bereits, dass der starke Einfluss politischer, wirtschaftlicher und sozialer Faktoren auf die Gesundheit zunehmend zur Kenntnis genommen wird. Angesprochen sind aber auch Ärztinnen und Ärzte, denn im Konzept der WHO kommt dem Gesundheitswesen eine wichtige Rolle bei der Reduktion gesundheitlicher Ungleichheit zu – und dies nicht nur als Reparaturbetrieb, der die gesundheitlichen Folgen gesellschaftlicher Missstände beseitigen soll. Ebenso wichtig ist die Möglichkeit, als Experten im Gesundheitswesen Projekte anzustoßen und den Einfluss zu nutzen, sozial ungleiche Gesundheitschancen zu einem breiten politischen Thema zu machen. Denn nur im Gesundheitssystem ist der Kampf gegen soziale Ungleichheit nicht zu gewinnen, wie der Report zeigt. Soziale Gerechtigkeit ist eine Aufgabe der gesamten Gesellschaft, und wie hoch der Preis sozialer Ungerechtigkeit ist, kann im WHO-Report nachgelesen werden.
Dr. phil. Nico Dragano
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1.
Commission on Social Determinants of Health: Closing the Gap in a Generation: health equity through action on the social determinants of health. Final Report of the Commission on Social Determinants of Health. Geneva: World Health Organization, 2008.
2.
Lampert T, Kroll L, Dunkelberg A: Soziale Ungleichheit und Lebenserwartung in Deutschland. Aus Politik und Zeitgeschichte 2007, 42: 11–8.
3.
Mielck A: Soziale Ungleichheit und Gesundheit. Bern: Verlag Hans Huber, 2000.
1. Commission on Social Determinants of Health: Closing the Gap in a Generation: health equity through action on the social determinants of health. Final Report of the Commission on Social Determinants of Health. Geneva: World Health Organization, 2008.
2. Lampert T, Kroll L, Dunkelberg A: Soziale Ungleichheit und Lebenserwartung in Deutschland. Aus Politik und Zeitgeschichte 2007, 42: 11–8.
3. Mielck A: Soziale Ungleichheit und Gesundheit. Bern: Verlag Hans Huber, 2000.

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