ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2009Legasthenie: Langsam – richtig – sicher

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Legasthenie: Langsam – richtig – sicher

PP 8, Ausgabe Mai 2009, Seite 215

Hempel, Ulrike

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Foto: Susanne Hartung
Foto: Susanne Hartung
Kinder mit einer Lese- und Rechtschreibstörung sollten eine individuelle Förderung erhalten. Häufig fehlt an den Schulen die Zeit: Das Ambulanzzentrum für Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten in Berlin-Pankow setzt sich für betroffene Schüler ein.

Liebe Frau Wulf, vielen Dank für Ihre Hilfe. Ich mache jetzt viel weniger Rechtschreibfehler.“ Neben dem kurzen Brief klebt an der Pinnwand das Foto eines Jungen, der verschmitzt in die Kamera lächelt. Auch andere Schüler haben Marion Wulf, Fachkraft der Bornholmer Grundschule für Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten, Karten geschrieben, die die Lehrerin liebevoll an die Wand des Klassenraums gehängt hat. Die Ausstrahlung der zierlichen Frau ist gelassen, aber sehr freundlich bestimmt. Wem sie sich zuwendet, dem widmet sie ihre ungeteilte Aufmerksamkeit. Vermutlich ist es vor allem das, was die Kinder neben ihren klaren Arbeitsanweisungen und ihren geduldigen fachlichen Ausführungen an ihr so mögen. „Sie wird nie laut und macht mir immer Mut“, sagt Béla-Maximilian aus der fünften Klasse. Die meisten Schüler kommen geknickt und psychisch angegriffen zu ihr in die Kurse, manche treten aggressiv auf, andere introvertiert. Jedes Kind hat seine individuellen Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten und eigene Strategien, damit umzugehen. Legasthenie gehört zu den häufigsten Entwicklungsstörungen, fünf Prozent der Schulkinder sind nach Auskunft vom Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie (BVL) von einer Lese-Rechtschreib-Störung (LRS), wie sie in der ICD-10 der Weltgesundsheitsorganisation beschrieben wird, betroffen.

Eins jedoch ist allen Kindern gemeinsam, die in Wulfs Klassenraum kommen, sie haben schmerzliche Lernerfahrungen gemacht: Trotz fleißigen Übens und Unterstützung der Eltern erlernen sie die genannten Fähigkeiten nicht oder nicht so gut und schnell wie ihre Mitschüler. Sie machen unter anderem viele Fehler in Diktaten, haben Schwierigkeiten, Buchstaben richtig zu benennen, das Alphabet aufzusagen, Texte von der Tafel abzuschreiben, ersetzen Wörter durch in der Bedeutung ähnliche Wörter. Die Probleme beim Lesen zeigen sich im Auslassen, Ersetzen oder Hinzufügen von Wörtern oder Wortteilen, einer geringen Lesegeschwindigkeit, im häufigen Verrutschen in der Textzeile und mangelndem Leseverständnis mit der Folge, den Sinn des Gelesenen nicht zu erfassen. Die Betroffenen sind frustriert, fühlen sich dumm, ausgegrenzt, als Versager. Erst recht, wenn sich Mitschüler lustig machen oder Lehrer sich völlig unangemessen verhalten.

„Hier erholen sie sich schnell, die Augen glänzen wieder“, berichtet Wulf über die Kinder, die entweder im wöchentlichen Förderunterricht oder in den dreimal pro Jahr stattfindenden Intensivkursen gefördert werden. Methodische Grundlagen für Wulfs Arbeit sind der „Kieler Leseaufbau“ und der „Kieler Rechtschreibaufbau“. Sie nimmt nach dem Motto „Langsam – richtig – sicher“ das hohe Tempo aus dem Lernprozess und zerlegt das Gesamtsystem Sprache sinnvoll in die Einzelteile Buchstabe, Silbe, Wort und Satz. Vor allem überschaubare Stoff- und Zeiteinheiten sowie die entspannte Lernsituation in der Kleingruppe sind wichtig. Aber neben dem Erarbeiten geeigneter Lernstrategien und dem Aufzeigen strukturierter Arbeitsmethoden geht es aus ihrer Sicht vor allem auch darum, die Kinder für ihre Erfolge zu loben, ihnen Mut zu machen und ihr Selbstvertrauen zu stärken. „In manchen Situationen genügt es, dem Kind vertrauensvoll eine Hand auf die Schulter zu legen“, erzählt Wulf.

„Der Schule kommen zentrale Aufgaben zu“, sagt Prof. Dr. med. Gerd Schulte-Körne, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Ludwig-Maximilians-Universität München. Die Vermittlung der Schriftsprache liegt bei der Schule, das bedeutet, dass vor allem Lehrer das Auftreten von Schwierigkeiten im Lesen und/oder der Rechtschreibung bemerken, erkennen, beschreiben und die entsprechende Förderung des Kindes bewirken sollten. Eine Legasthenie beeinflusst die schulische, psychische und soziale Entwicklung der betroffenen Kinder nachhaltig, zumal der Verlauf dieser Entwicklungsstörung oft chronisch ist. In jedem Bundesland ist der Anspruch hinsichtlich Diagnostik und Förderung von Kindern mit Legasthenie anders geregelt. Detaillierte Auskünfte darüber und über den gegebenenfalls geltenden Notenschutz für das legasthenische Kind geben die Kultusministerien.

Wulf, Grundschullehrerin für Deutsch, Mathematik und Sport, verfügte schon über zwölfjährige Erfahrungen mit Entwicklungsverzögerungen im Lesen, Schreiben und Rechtschreiben, als sie 2003 Ambulanzlehrerin-LRS im Netzwerkprojekt des Bezirks Pankow wurde. Vor allem die Schulrätin Gabriele Münzberg hat maßgeblich an der Umsetzung dieses Projekts mitgewirkt. An vier Pankower Grundschulen gibt es jeweils ein LRS-Ambulanzzentrum, das mit sieben bis acht weiteren Grundschulen aus dem Bezirk zusammenarbeitet. An den jeweiligen Schulen sind speziell ausgebildete LRS-Lehrkräfte tätig, die entweder für die zweite bis vierte oder für die fünfte und sechste Jahrgangsstufe zuständig sind. Sie fördern die Kinder mit Auffälligkeiten im Lesen und/oder Rechtschreiben, diagnostizieren gemeinsam mit den Ambulanzlehrerinnen-LRS den Förderbedarf, stellen die individuellen Förderpläne auf und führen Elternberatungen durch. Für einen Teil der Kinder wird die Möglichkeit zum Besuch der Intensivkurse eröffnet, die in den Ambulanzzentren parallel dreimal pro Schuljahr etwa zwölf Wochen lang in großen Räumen mit bester Computer- und Materialausstattung stattfinden. Die Gruppen bestehen aus zehn bis zwölf Kindern. Münzberg verfolgt gemeinsam mit den Lehrern und Schulpsychologinnen das Ziel, möglichst früh eine positive Einflussnahme auf Kinder mit Auffälligkeiten beim Lesen- und Schreibenlernen zu nehmen. Sie will die Kompetenzen der Kinder stärken, Störungen im Sozialverhalten verhindern, Schulangst vermeiden, die Klassenlehrerinnen entlasten, die in einer großen Lerngruppe diese Fördermöglichkeiten nicht haben.

„Der Förderunterricht für unser Kind in der Bornholmer Grundschule ist ein Sechser im Lotto“, sagt die Mutter eines Elfjährigen. „Wir könnten ihm das aus finanziellen Gründen nicht ermöglichen.“ Etwa 140 Kinder mit Lese-Rechtschreib-Störungen bekommen im Bezirk Pankow pro Schuljahr die Möglichkeit, an dem LRS-Förderprogramm teilzunehmen.
Ulrike Hempel
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