ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2009Reihe: Psychotherapie mit Älteren – Klassische psychologische Theorien des Alterns

WISSENSCHAFT

Reihe: Psychotherapie mit Älteren – Klassische psychologische Theorien des Alterns

PP 8, Ausgabe Mai 2009, Seite 222

Sonnenmoser, Marion

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Zahlreiche Modelle prägen das Bild vom „älteren Menschen“. Viele zeigen jedoch eine einseitige Betrachtungsweise. Altersforscher entwickeln nun komplexere Konzepte.

Erste Theorien zum menschlichen Alterungsprozess entstanden bereits in der Antike. Sie spielen heute allerdings kaum noch eine Rolle. Die heutigen Vorstellungen sind vielmehr von Theorien und Modellen geprägt, die seit den 30er- Jahren des 20. Jahrhunderts entwickelt wurden. Sie können anhand von Schwerpunkten geordnet werden wie zum Beispiel Defizite, Lebenslauf oder Gestaltung der sozialen Umwelt.

Die sogenannten Defizitmodelle, die zu den ersten psychologischen Theorien zum Altern zählen, beschäftigen sich vor allem mit negativen Veränderungen von Intelligenz, Reaktionsfähigkeit und Gedächtnis im Alter. Sie behaupten beispielsweise, dass verschiedene intellektuelle Fähigkeiten ab dem 20. Lebensjahr kontinuierlich nachlassen. Zudem propagieren sie den unaufhaltsamen körperlichen und geistigen Abbau. Die Annahmen aus Defizitmodellen sind nicht gänzlich falsch. Allerdings werden sie inzwischen nicht mehr verallgemeinert, sondern differenziert betrachtet. Aus heutiger Sicht gilt die These vom „ständigen Nachlassen“ als überholt. Trotzdem ist sie immer noch fest in vielen Köpfen verankert und prägt das Bild von älteren Menschen und vom Altern in unserer Gesellschaft.

Einige Ansätze orientieren sich am Lebenslauf
Ein weiterer Schwerpunkt ist der Lebenslauf. Ansätze, die sich am Lebenslauf orientieren, beschäftigen sich mit den entwicklungspsychologischen Kennzeichen verschiedener Altersstufen. Sie propagieren beispielsweise, dass der Mensch sich im Laufe seines Lebens immer wieder neu orientieren, anpassen und weiterentwickeln muss. Er muss lernen, Verantwortung zu übernehmen, seine Integrität zu finden und seine Fähigkeiten in verschiedenen Bereichen zu erweitern. Dadurch soll er psychisch reifen, seine Persönlichkeit weiterentwickeln und den Rollen, Aufgaben und Herausforderungen der jeweiligen Lebensphase gerecht werden.

Andere Theorien legen wiederum den Schwerpunkt auf die Gestaltung der sozialen Umwelt. Nach der sogenannten Aktivitätstheorie besteht die Hauptaufgabe des Alterns darin, möglichst lange einen aktiven Lebensstil beizubehalten, soziale Kontakte zu pflegen und von den Mitmenschen gebraucht zu werden. Die „Disengagementtheorie“ geht hingegen davon aus, dass ältere Menschen das Bedürfnis haben, ihre sozialen Interaktionen und Kontakte zu reduzieren, was für sie Freiheit und Entlastung bedeutet. Nach der sogenannten Kontinuitätstheorie gelingt der Alterungsprozess vor allem dann, wenn der bisherige Lebensstil kontinuierlich beibehalten wird, auch im Hinblick auf soziale Kontakte.

Die genannten Theorien enthalten stimmige Ideen und Beobachtungen, sind aber einseitig und können nicht verallgemeinert werden. Zudem entsprechen sie nicht dem aktuellen Stand der Erkenntnis.

Inzwischen gibt es zahlreiche Fachgesellschaften
Die Alternsforschung war lange Zeit ein vernachlässigtes, ja unattraktives Forschungsgebiet und wurde erst zu Beginn der 90er-Jahre vorangetrieben, als sich immer deutlicher abzeichnete, dass in der deutschen Gesellschaft künftig sehr viele ältere Menschen leben werden. Dieser Altersgruppe wurde aber bis dahin von den soziologischen und psychologischen Disziplinen nur relativ wenig Beachtung geschenkt. Das hat sich mittlerweile geändert. Heute gibt es zahlreiche Fachgesellschaften und Disziplinen, die sich ausschließlich mit dem Alterungsprozess befassen.

Entsprechend den ständig zunehmenden Erkenntnissen entwickelten Altersforscher in den letzten beiden Jahrzehnten komplexere Theorien über „erfolgreiches Altern“, von denen das sogenannte Modell der selektiven Optimierung und Kompensation eines der bekanntesten ist. Es rückt von bisherigen Vorstellungen ab, indem es versucht, der Vielfalt menschlicher Alterungsprozesse gerecht zu werden. Es konzipiert Entwicklung als lebenslangen Prozess, der individuell unterschiedlich verläuft. Und es betont Potenziale und Ressourcen, Möglichkeiten und Grenzen sowie Einflüsse, die ältere Menschen auf ihre Entwicklung nehmen können.

Dieses und nachfolgende Modelle haben dazu beigetragen, dass sich in der Gesellschaft mittlerweile eine etwas positivere und differenziertere Sicht des Alterns etabliert hat als noch vor wenigen Jahrzehnten. Dazu haben aber die Senioren auch selbst beigetragen. Sie sind heute zunehmend weniger bereit, sich passiv in den Ruhestand zurückzuziehen, um auf den Tod zu warten. Stattdessen wollen sie ein erfülltes Leben führen und begreifen ihre aktuelle Lebensphase als Entwicklungschance, die es zu nutzen gilt. Sie werden dabei unterstützt durch verbesserte materielle Ressourcen, eine länger erhaltene Gesundheit, zunehmende Kompetenzen und einen wachsenden Markt an spezialisierten Angeboten und Serviceleistungen.

In Theorien zum Altern fließen nicht nur wissenschaftliche Erkenntnisse, sondern immer auch die Sicht einer Gesellschaft oder Kultur und das jeweilige Zeitgeschehen mit ein. Darüber hinaus prägen manche Theorien die Vorstellungen der Gesellschaft in erheblichem Maß und über lange Zeiträume hinweg. Sie setzen außerdem Normen, indem sie direkt oder indirekt vermitteln, was im Hinblick auf das Altern „richtig oder falsch“ beziehungsweise „erfolgreich“ ist. Gerade mit dem Ausdruck „erfolgreiches Altern“ wird im Grunde eine Leistungsnorm festgelegt, die ältere Menschen zu „Gewinnern“ oder „Verlierern“ macht. Theorien und Modelle zum Altern dürfen daher nicht unreflektiert übernommen werden. Psychotherapeuten, Psychologen und Ärzte, die ältere Menschen behandeln, sollten die gängigen Theorien und Modelle zwar kennen und sich grob an ihnen orientieren, sie sollten sich aber auch von Normen und Vorgaben lösen können. Letztlich sollte der einzelne Patient mit seinen ganz individuellen Zielsetzungen und Bedürfnissen im Vordergrund stehen.
Dr. phil. Marion Sonnenmoser

Literatur
1. Lehr U: Psychologie des Alterns. Weinheim: Beltz 2007.
2 Rabaioli-Fischer B: Ambulante Psychotherapie mit Älteren. Lengerich: Papst Science Publishers 2008.
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