ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2009Psychotherapie: Grenzen und Möglichkeiten

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Psychotherapie: Grenzen und Möglichkeiten

PP 8, Ausgabe Mai 2009, Seite 226

Maier, Christian

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Publikationen über extremes menschliches Verhalten sind für jeden Psychotherapeuten deshalb von großem Interesse, weil sie unser Verständnis der menschlichen Psyche generell vertiefen und geeignet sind, weniger auffälliges Verhalten wie durch eine Lupe betrachtet uns vor Augen zu führen. Das Buch gehört zu diesen Werken. Dass jeder im weitesten Sinne mit der Forensik Befasste davon profitieren kann, erschließt sich bereits im Geleitwort von Otto F. Kernberg, der die Bedeutung dieser „zeitgemäßen Untersuchung und Darstellung der Behandlung der vielleicht schwierigsten Patientengruppe der Psychiatrie“ betont.

Zentrales Thema dieses Buches ist die Erfassung und Behandlung der psychopathischen Persönlichkeit, die nach der einprägsamen Definition von Meloy dadurch gekennzeichnet sei, dass geplante, also kalkulierte räuberische Aggression gegenüber impulsiver Gewaltbereitschaft vorherrsche. Grenzen, aber auch Möglichkeiten der Behandlung dieser besonders schwierigen Klientel mit der Methode der übertragungsfokussierten Psychotherapie werden anhand von einleuchtenden Fallbeispielen dargestellt, wobei gerade die Gegenübertragungskomplikationen überzeugend ins Bild gebracht werden. Dass eine dieser Komplikationen die Ausblendung von Realangst ist, das heißt die Verleugnung der von solchen Patienten ausgehenden Gefahr aufseiten des Behandlerteams, wird jeder bestätigen können, der irgendwann schon einmal mit Teams in der forensischen Psychiatrie zu tun hatte. Die weitaus subtilere Schwierigkeit, die sich für einen Therapeuten ergibt, nämlich nicht in die beiden obligatorischen Fallen einer Therapie mit psychopathischen Persönlichkeiten zu geraten, einerseits ein an Verblendung grenzendes „naives“ Vertrauen in den Patienten, andererseits ein untergründig stets vorhandenes, fast schon paranoid zu nennendes Misstrauen, diese Gratwanderung und den Umgang damit, findet man, neben vielen anderen interessanten Themen, in diesem gelungenen Buch in wünschenswerter Klarheit dargestellt.

Wie belastend diese therapeutische Arbeit sein muss, kann man während der Lektüre immer besser nachvollziehen, sodass man auch Verständnis dafür aufbringen kann, wenn sich die psychotherapeutische Haltung delinquenten Patienten gegenüber durch Wertorientierungen und Zielvorgaben von der durchschnittlich zu erwartenden Psychotherapie unterscheidet. Ob man allerdings eine in den Rahmen des Strafvollzugs eingebundene Psychotherapie generell als „wirksamen Container“ verstehen kann, bedürfte möglicherweise doch noch weiterer, auch vertiefter Diskussion. Christian Maier

Fritz Lackinger, Gerhard Dammann, Bernhard Wittmann (Hrsg.): Psychodynamische Psychotherapie bei Delinquenz. Praxis der Übertragungsfokussierten Psychotherapie. Schattauer, Stuttgart, New York 2008, 496 Seiten, gebunden, 89 Euro
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