ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2009Amoklauf in Winnenden: Im Kreuzfeuer der Medien

THEMEN DER ZEIT

Amoklauf in Winnenden: Im Kreuzfeuer der Medien

Dtsch Arztebl 2009; 106(20): A-974 / B-832 / C-807

Neuner, Tanja; Hübner-Liebermann, Bettina; Hausner, Helmut

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Foto: ddp
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Sensationsgier prägt häufig die Berichterstattung der Medien über Amokläufe. Gerade dies kann aber andere Menschen dazu animieren, die Taten nachzuahmen.

D ie psychiatrische Forschung definiert den Begriff „Amok“ als „nicht materiell-kriminell motivierte, tateinheitliche, mindestens in selbstmörderischer Absicht durchgeführte, auf den unfreiwilligen Tod mehrerer Menschen zielende plötzliche Angriffe“. Ein Amoklauf ist in das Spektrum homizidal-suizidaler Handlungen einzuordnen (1).

Am Vormittag des 11. März 2009 ereignete sich in Winnenden, einem Dorf 20 Kilometer nordöstlich von Stuttgart, an einer Realschule ein Amoklauf: Er endete mit 15 Toten und dem Suizid des 17-jährigen Täters. Die dabei den Amokläufen und -läufern zukommende Aufmerksamkeit der Medien ist beispiellos. Ein Amoklauf hat umso eher Nachrichtenwert, je gefährlicher er ist (2).

Das geplante Fernsehprogramm in den Medien wurde zugunsten einer Liveberichterstattung unterbrochen. Zeitgleich begann nach dem Amoklauf in Winnenden der Wettkampf um die sensationellsten Bilder, die waghalsigsten Spekulationen über Ursache und Motiv und die ersten Interviews. Da vom Amoklauf selbst keine Bilder existieren, wurde hier nachgeholfen. Die Boulevardpresse stellte mithilfe eines Zeichners eine Fotomontage des Amoklaufs in einem der Klassenzimmer nach (3). Nach knapp zwei Wochen waren auf „YouTube“ – einem Internetportal zum kostenlosen Ansehen und Hochladen von Videoclips – unter den Stichworten „Amoklauf Winnenden“ mehr als 1 000 Videoclips abrufbar.

Im Laufe des anhaltenden Medi-eninteresses wurden dann Stimmen laut, die die unseriöse Berichterstattung monierten und mit erhobenem Zeigefinger auf die Gefahr der Nachahmung hinwiesen. Und dies nicht zu Unrecht: In der wissenschaftlichen Aggressions- und Suizidforschung zeigt die Mehrzahl der Studien, dass entsprechendes Verhalten durch Imitation gelernt werden kann; in der Diskussion steht hierbei auch der Einfluss von Massenmedien (4). In der Suizidforschung wird auf durch Medien getriggerte Nachahmungstaten unter dem Schlagwort „Werther-Effekt“, das heißt der Anstieg der Suizidraten nach ausführlicher Berichterstattung über Suizide, bereits seit Langem hingewiesen: Schmidtke und Häfner (1988) konnten nach Ausstrahlung der sechsteiligen Fernsehserie „Tod eines Schülers“ im ZDF einen Anstieg der Eisenbahnsuizide von 15- bis 19-jährigen männlichen Schülern um bis zu 175 Prozent nachweisen (5). In Österreich wurden auf Initiative der Österreichischen Gesellschaft für Suizidprävention Medienleitlinien über die Berichterstattung festgelegt. Daraufhin gingen U-Bahn-Suizide in Wien um 75 Prozent (6) zurück. Auch bei Amokläufen kann ein solcher Zusammenhang vermutet werden. Die Mehrzahl der Amokläufe ereignet sich nicht zufällig. Es werden signifikant mehr Taten in einem relativ kurzen Zeitraum nach der ersten Berichterstattung begangen (4). Auf Berichterstattungen über Amokläufe an Schulen erhalten weitere Bildungsstätten vermehrt Amokdrohungen (7, 8). Im Rahmen einer extensiven Berichterstattung können Personen, die sich in einem ähnlichen Stimmungszustand befinden, durch das Modell einen letzten Anstoß bekommen (4). Nicht selten nahmen Amokläufer vor der Tat Bezug auf frühere Amokläufer. Zum Beispiel glorifizierten sie diese in Internetportalen.

Für die Medien ist die Berichterstattung ein Spagat
Die Forderung (4, 7), nach Amoktaten ähnlichen Prinzipien der Berichterstattung zu folgen, wie sie seit Längerem für die Berichterstattung über Suizide empfohlen werden (9), erscheint an dieser Stelle durchaus gerechtfertigt. Allein schon die Quantität der Berichterstattung zu reduzieren, könnte einen präventiven Effekt haben (9). Falls – wie bei mehr als 50 Prozent der Fälle (10) – Anzeichen für eine psychiatrische Erkrankung des Amokläufers bestehen, sollte dies ebenso genannt werden wie adäquate Hilfsangebote. Eine Glorifizierung oder Dämonisierung des Amokläufers sollte vermieden werden. Darüber hinaus sollten Informationen über die Tatwaffe in keinem Fall detailliert preisgegeben werden (7).

Das „Recht auf Information“ und eine „Schadensvermeidung“ ist ein Spagat für die Medien. Im Fall des Amoklaufs in Winnenden musste sich eine verantwortungsvolle, zurückhaltende Berichterstattung im Sinne einer Prävention von Folgetaten im Angesicht des „öffentlichen Interesses“ wohl hinten anstellen.
Dipl.-Psych. Tanja Neuner
Dipl.-Psych. Bettina Hübner-Liebermann
Dr. med. Helmut Hausner


Anschrift für die Verfasser
Dipl.-Psych. Tanja Neuner, Klinik und Poliklinik
für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Universität am Bezirksklinikum Regensburg

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit2009
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1.
Adler L: Amok im Spektrum homizidal-suizidaler Handlungen. Suizidprophylaxe 2001; 28: 103–8.
2.
Adler L, Lehmann K, Räder K, Schünemann KF: „Amokläufer“ – kontentanalytische Untersuchung an 196 Pressemitteilungen aus industrialisierten Ländern. Fortschr Neurol Psychiat 1993; 61: 424–33. MEDLINE
4.
Schmidtke A, Schaller S, Müller I, Lester D, Stack S: Imitation von Amok und Amok-Suizid. Suizidprophylaxe 2002; 29: 97–106.
5.
Schmidtke A, Häfner H: The Werther effect after television films: new evidence for an old hypothesis. Psychol Med 1988; 18: 665–76. MEDLINE
6.
Sonneck G, Etzersdorfer E, Nagel-Kuess S: Imitative suicide on the Viennese subway. Soc Sci Med 1994; 38: 453–7. MEDLINE
7.
Preti A: School shooting as a culturally enforced way of expressing suicidal hostile intentions. J Am Acad Psychiatry Law 2008; 36: 544–50. MEDLINE
8.
Kostinsky S, Bixler EO, Kettl PA: Threats of school violence in Pennsylvania after media coverage of the Columbine High School massacre: examining the role of imitation. Arch Pediatr Adolesc Med 2001; 155: 994–1001. MEDLINE
9.
Stack S: Media coverage as a risk factor in suicide. J Epidemiol Community Health 2003; 57: 238–40. MEDLINE
10.
Adler L, Marx D, Apel H, Wolfersdorf M, Hajak G: Zur Stabilität des „Amokläufer“-Syndroms. Kontentanalytische Vergleichsuntersuchung von Pressemitteilungen über deutsche Amokläufer der Dekaden 1980–1989 und 1991–2000. Fortschr Neurol Psychiat 2006; 74: 582–90. MEDLINE
1. Adler L: Amok im Spektrum homizidal-suizidaler Handlungen. Suizidprophylaxe 2001; 28: 103–8.
2. Adler L, Lehmann K, Räder K, Schünemann KF: „Amokläufer“ – kontentanalytische Untersuchung an 196 Pressemitteilungen aus industrialisierten Ländern. Fortschr Neurol Psychiat 1993; 61: 424–33. MEDLINE
3. http://www.bild.de/BILD/news/2009/03/12/winnenden/tim-kretschmer/wie-wurde-er-zum-amoklaeufer.html (aufgerufen am 31.03.2009)
4. Schmidtke A, Schaller S, Müller I, Lester D, Stack S: Imitation von Amok und Amok-Suizid. Suizidprophylaxe 2002; 29: 97–106.
5. Schmidtke A, Häfner H: The Werther effect after television films: new evidence for an old hypothesis. Psychol Med 1988; 18: 665–76. MEDLINE
6. Sonneck G, Etzersdorfer E, Nagel-Kuess S: Imitative suicide on the Viennese subway. Soc Sci Med 1994; 38: 453–7. MEDLINE
7. Preti A: School shooting as a culturally enforced way of expressing suicidal hostile intentions. J Am Acad Psychiatry Law 2008; 36: 544–50. MEDLINE
8. Kostinsky S, Bixler EO, Kettl PA: Threats of school violence in Pennsylvania after media coverage of the Columbine High School massacre: examining the role of imitation. Arch Pediatr Adolesc Med 2001; 155: 994–1001. MEDLINE
9. Stack S: Media coverage as a risk factor in suicide. J Epidemiol Community Health 2003; 57: 238–40. MEDLINE
10. Adler L, Marx D, Apel H, Wolfersdorf M, Hajak G: Zur Stabilität des „Amokläufer“-Syndroms. Kontentanalytische Vergleichsuntersuchung von Pressemitteilungen über deutsche Amokläufer der Dekaden 1980–1989 und 1991–2000. Fortschr Neurol Psychiat 2006; 74: 582–90. MEDLINE

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