ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2009Arztgeschichte: Der Hund vom Rhein

SCHLUSSPUNKT

Arztgeschichte: Der Hund vom Rhein

Dtsch Arztebl 2009; 106(20): [120]

Gabriell, Florian

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Zeichnung: Elke R. Steiner
Zeichnung: Elke R. Steiner
„Hinter dem Fährhaus hörten wir aus der Rheinaue kommend ein Hundebellen, und kurz danach lief ein kleiner Hund auf uns zu.“

Der Hund ist bekanntlich ein treuer Menschenfreund. Aber der Hund, um den es in der folgenden Geschichte geht, ist nicht nur treu, er ist ein wahrer Held. Es war ein kalter, unfreundlicher Novemberabend. Ich hatte wie immer einen schweren Tag hinter mir, und der letzte Patient verließ die Praxis gegen 19 Uhr. Ziemlich geschafft fuhr ich nach Hause. Meine Frau schlug mir einen Spaziergang am Rhein vor, um frische Luft zu schnappen. Wie immer gingen wir auf dem Rheindamm bis zur Südbrücke und zurück. Hinter dem Fährhaus zu unserer Linken erstreckte sich die Rheinaue. Der Nebel hatte an diesem Abend den Rhein in Besitz genommen. Die Straßenlaternen warfen ein milchiges Licht auf dem Asphalt. Wir hörten nur das dumpfe Tuckern der Lastkähne, die Positionslichter konnten wir aber nicht sehen.

Hinter dem Fährhaus hörten wir aus der Rheinaue kommend ein Hundebellen, und kurz danach lief ein kleiner weißer Hund auf uns zu. Es war ein hübscher Mischling, sein Bellen war nicht aggressiv, eher traurig und bettelnd, er lief zu uns und dann wieder zurück in die Richtung, aus der er gekommen war, und wieder zu uns. Sein Herrchen sahen wir nicht, und das führten wir auf das Nebelmeer zurück, das die Rheinaue umhüllte.

Wir gingen weiter, das Hundebellen hörte sich immer schwächer an, bis es ganz aufhörte. An der Südbrücke machten wir kehrt und gingen zurück. Auch diesmal, an derselben Stelle, hörten wir wieder das Hundebellen, und der Hund kam wieder aus dem Nebel heraus direkt zu uns. Sein Bellen war diesmal müde, und der kleine Kläffer schien ziemlich erschöpft. Er kam bis zu unseren Füßen und lief ein paar Meter zurück, setzte sich, bellte und jaulte jämmerlich. Wir blieben stehen und überlegten, was mit dem armen Hund passiert sein könnte. Auf jeden Fall haben wir seine ganze Inszenierung als eine Aufforderung verstanden, ihm zu helfen.

Wir machten ein paar Schritte zu ihm, er lief vor uns weiter und blieb stehen. Als er merkte, dass wir ihm folgten, schnellte er uns voraus, immer mit dem Blick nach hinten, um zu sehen, ob wir ihm tatsächlich folgten. Nach etwa 200 Metern blieb er stehen und setzte sich neben eine liegende dunkle Gestalt. Sein Bellen änderte sich, plötzlich wurde es leiser, freundlicher, als würde er Freunde in Empfang nehmen. Wir näherten uns schnellen Schrittes, und konnten feststellen, dass da ein Mensch lag, sein Gesicht war auf den nassen Boden gerichtet. Ich drehte den scheinbar leblosen Körper um, und als ich sein Gesicht sah, entwischte mir ein Ausruf des Erstaunens.

Ich kannte ihn, er war einer meiner Patienten. Der Puls und die Atmung etwas flach, waren aber vorhanden, er schien in tiefem Schlaf zu sein, auf jeden Fall war sein Bewusstsein sehr eingetrübt. Und weil mir nicht entging, dass neben ihm eine leere Kognakflasche lag, wusste ich sofort, was passiert war. Der Patient hatte eine fortgeschrittene Leberzirrhose. Ich hatte ihm bei jedem Praxisbesuch erklärt, dass er keinen Alkohol mehr trinken dürfe.

Die Familie war auch informiert und gebeten worden aufzupassen, dass er nicht mehr trinkt. Anscheinend hat er eine praktische Lösung gefunden, er trank in der Rheinaue, als er mit dem Hund spazieren ging. Wir haben sofort einen Rettungswagen bestellt, und nach zehn Minuten lag er, noch nicht ganz wach, im Krankenwagen. Der Hund hatte uns die ganze Zeit beobachtet und nur mit dem Schwanz gewedelt als Zustimmung zu den Hilfsmaßnahmen. Als sein betrunkenes Herrchen auf der Liege im Krankenwagen lag, sprang er in den Wagen, und es war nicht mehr möglich, ihn aus dem Krankenwagen zu vertreiben. Ich bat dann die Sanitäter, den Hund mitzunehmen und, weil der Weg ins Krankenhaus an seinem Haus vorbeiging, den Hund der Ehefrau des Patienten abzugeben. Und das taten sie auch.

Am nächsten Tag, um neun Uhr, rief mich in der Praxis ein Kollege aus dem Krankenhaus an, um mir mitzuteilen, dass mein Patient gestern im Alkoholkoma auf der Straße liegend aufgefunden worden sei. Er sei heute aber wieder in Ordnung und würde gleich nach Hause entlassen.
Dr. med. Florian Gabriell
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