ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2009Medizintechnik: Für Chirurgen „eine Dimension der ärztlichen Humanität“

POLITIK

Medizintechnik: Für Chirurgen „eine Dimension der ärztlichen Humanität“

Zylka-Menhorn, Vera

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie erarbeitet ein Positionspapier zur Bewertung technischer Innovationen, das auch als Grundlage für Entscheidungsprozesse über die Kostenerstattung dienen könnte.

Kaum ein medizinisches Fachgebiet lebt in ähnlicher Symbiose mit der Technik wie die Chirurgie. Man kann sogar sagen, dass die Chirurgie technologisch noch nie so aufgerüstet war – und dabei für die Mehrheit der Patienten überaus erfolgreich. Endoskopische Operationsgeräte, implantierbare Prothesen, Biomaterialien, Laser oder Operationsroboter sind nur wenige Beispiele von Innovationen, die das Berufsumfeld des Chirurgen im Jahr 2009 prägen. Allerdings ergeben sich aufgrund des technologischen Fortschritts auch kritische Fragen:
- Was bedeutet die Medizintechnik für den Patienten im Hinblick auf Lebensqualität und Lebenszeit?
- Wird der Nutzen neuer Verfahren kritisch genug hinterfragt?
- Ist zwischen den Kliniken aus Konkurrenzdenken nicht längst ein Wettlauf um das Anbieten der innovativsten Technik entbrannt?
- Wie viel Medizintechnik kann sich die Gesellschaft angesichts der angespannten Finanzlage überhaupt leisten?

„Jeder chirurgische Fortschritt basiert auf technischen Innovationen, ohne sie würde die Chirurgie stillstehen“, sagte der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie (DGCH), Prof. Dr. med. Volker Schumpelick (Universitätsklinikum Aachen), in seiner Eröffnungsrede zum 126. Kongress der Gesellschaft in München. Schumpelick, der für den Jahreskongress das Thema „Humanität durch Technik“ gewählt hatte, betonte aber, dass die Technik nur ein Hilfsmittel zum Wohl des Patienten sei. Somit sei die Technik eine Dimension ärztlicher Humanität. „Eine Chirurgie ohne Technik ist ebenso inhuman wie eine Technik ohne Bezug auf den Menschen“, meinte Schumpelick.

Technische Innovationen, darauf legt die DGCH besonderen Wert, sollten aber nur in Unikliniken oder großen Zentren angewendet und erprobt werden. „Wir wollen nicht, dass jedes Verfahren sofort in jedem Kreiskrankenhaus zum Einsatz kommt“, unterstrich Prof. Dr. med. Hartwig Bauer, Generalsekretär der DGCH. Denn vor dem breiten Einsatz innovativer Produkte müsste nicht nur deren Wirksamkeit, sondern auch deren (zusätzlicher) Nutzen für den Patienten nachgewiesen werden.

Echte Innovationen kommen oft verspätet zum Patienten
„Viele Neuentwicklungen werden dieser Anforderung nicht gerecht, aber dennoch großflächig eingesetzt – und das nur unter einer auf die Machbarkeit gestützten Indikationsausweitung, da chirurgische Innovationen derzeit keinen Regulierungen oder Genehmigungsverfahren unterliegen, die denen von Arzneimitteln vergleichbar sind“, sagte Bauer. Andererseits erreichten echte Innovationen mit nachgewiesenem Zusatznutzen oft nur verspätet den Zugang zur Krankenversorgung. Eine ungelöste Hürde stelle der gesetzlich fixierte Auftrag dar, nicht nur den Nutzen von Innovationen, sondern auch deren Relation zu den Kosten zu bewerten.

Dabei stellt sich aus Sicht der Chirurgie die Frage, ob sich chirurgische Interventionen überhaupt vergleichbar bewerten lassen wie Wirkungen von Arzneimitteln beziehungsweise inwieweit hier die bisher entwickelte Methodik zur Bewertung von Arzneimitteln für Medizinprodukte und nicht medikamentöse Interventionen zu modifizieren ist. Die Systematik mit der Definition von Effizienzgrenzen, wie sie in einem – heftig diskutierten – Methodenpapier des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) vorgesehen ist, erscheint den Chirurgen ungeeignet. Derzeit erarbeitet die Fachgesellschaft ein eigenes Positionspapier zur Innovationsbewertung, das auch als Grundlage für Entscheidungsprozesse über die Kostenerstattung neuer Verfahren dienen könnte. Nach Angaben von Schumpelick muss dabei auch bedacht werden, dass höhere Initialkosten in vielen Fällen Ersparnisse im gesamten Behandlungsprozess rechtfertigen.

„Allerdings erfahren die von allen Spielern im Gesundheitssystem geforderten klinischen Studien im Vorfeld der Einführung von Innovationen keineswegs die finanzielle Unterstützung, die ihrer sozioökonomischen Bedeutung angemessen wäre“, kritisierte Bauer. Das Bun­des­for­schungs­minis­terium und die Bundes­ärzte­kammer hätten zwar erste Förderprogramme zur Versorgungsforschung aufgelegt. „Doch diese reichen mengenmäßig bei Weitem nicht aus“, mahnte Bauer. „Die Industrie und die Krankenkassen müssten an dieser Stelle stärker in die Pflicht genommen werden.“ Als ein interessantes Beispiel der Finanzierung erachtet der DGCH-Generalsekretär das Modell der italienischen Zulassungsbehörde, bei dem fünf Prozent des Marketingbudgets von Pharmafirmen in einen Pool wandern, der vornehmlich für versorgungsnahe klinische Studien genutzt wird.
Dr. med. Vera Zylka-Menhorn
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema