ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2009Psychische Erkrankung: Keine Berücksichtigung der Lebenswirklichkeit

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Psychische Erkrankung: Keine Berücksichtigung der Lebenswirklichkeit

Joosten, Hermann J.

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Frank Schneider, Wilhelm Niebling (Hrsg.): Psychische Erkrankungen in der Hausarztpraxis. Springer Medizin Verlag, Heidelberg 2008, 592 Seiten, kartoniert, 59,95 Euro
Frank Schneider, Wilhelm Niebling (Hrsg.): Psychische Erkrankungen in der Hausarztpraxis. Springer Medizin Verlag, Heidelberg 2008, 592 Seiten, kartoniert, 59,95 Euro
Das Werk bietet eine umfangreiche Darstellung psychischer Erkrankungen und ihrer Therapie, orientiert an der hausärztlichen Praxis. Inhaltlich werden die aktuelle psychiatrische Krankheitslehre und die Psychopharmakatherapie sehr kompetent vermittelt. Das Layout ist lesefreundlich. Der Anhang mit Glossar, Pharmaka- und Sachverzeichnis ermöglicht eine schnelle Orientierung.

Man könnte nun sagen, dass dieser Band in seiner Fülle alles beinhaltet, was der Hausarzt wissen sollte. Jedoch kommt in diesem Buch etwas zu kurz. Ein Hausarzt, der das Wesen des Arztberufes aus historischer Fundierung sehen kann, wird selbstverständlich auch die lebensgeschichtliche Gewordenheit und aktuelle Lebenswirklichkeit seines Patienten berücksichtigen wollen. Dieses Werk nun ist überaus psychiatrisch, orientiert sich an der ICD, empfiehlt strikt die Leitlinien für die Behandlung. Der Titel könnte daher genauso treffend „Einführung in die Psychiatrie“ heißen.

Man bekommt also den Eindruck, dass es um die Behandlung von ICD-Diagnosen geht. So werden an einem Fallbeispiel Klage, Befund und Therapie einer Patientin dargestellt. Indes gibt es keine Darstellung von auslösenden Bedingungen, keine Schilderung der Lebensgeschichte, der aktuellen Lebenssituation und damit kein Beispiel für ein psychologisch nachvollziehbares Zusammenwirken. Die Patientin wird zum Fall, welcher einer Therapie „zugeführt“ wird. In einem anderen Beispiel wird treffend die Entwicklung und Fixierung einer Symptomatik geschildert, die früher als „Herzangstneurose“ bezeichnet wurde und heute zu den „somatoformen Störungen“ gerechnet wird. Der Leser erfährt, dass es sich um einen Mann im mittleren Alter handelt, alleinlebend und geschieden. Man ahnt, dass die Thematik von Alleinsein und Aushalten von Getrenntheit eine Bedeutung haben wird, aber man erfährt darüber nichts. Für einen Hausarzt, der seinen Beruf nicht auf die bloße Erfüllung eines Versorgungsauftrages reduzieren will, sind solche Falldarstellungen nicht hilfreich. Gerade gute und erfahrene Hausärzte wissen, dass ohne die Beachtung der inneren und äußeren Konflikte ihrer Patienten eine dauerhafte Heilung nicht möglich ist.

Der Schwerpunkt des Buches liegt also auf der Psychiatrie, Pharmakotherapie und Verhaltenstherapie. Psychodynamische und ganzheitliche Konzepte kommen zu kurz. Wenn psychodynamische Erklärungsmodelle dargestellt werden, sind diese einseitig, verkürzt, manchmal unzutreffend und werden damit verständnisungeeignet.

Sofern man die Psychosomatik nicht auf somatoforme Störungen reduzieren will, muss man leider feststellen, dass dieser gerade für Hausärzte außerordentlich wichtige Fachbereich in diesem Sammelwerk praktisch nicht vorkommt. Die im Buch auch beschriebene „psychosomatische Grundversorgung“ heißt gewollt so und eben nicht „psychotherapeutische Grundversorgung“.

Letztlich kann man den Band den Hausärzten empfehlen, die auf leitlinienkonforme Weise einen kassenärztlichen Versorgungsauftrag schnell und zügig erledigen wollen. Für ein vertieftes Verständnis der Lebenswirklichkeit und der konflikthaften inneren Welt der hausärztlichen Patienten als Grundlage für eine abgewogene psychotherapeutische Behandlungsindikation gibt das Buch keine weiteren Hilfen. Die umfangreichen und sehr guten, auch verständlichen Ausführungen zu den Psychopharmaka verführen zum schnellen Rezeptausdruck. Hermann J. Joosten
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