ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2009Prognoseunterricht: Unverantwortlicher Druck oder normaler Unterricht?

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Prognoseunterricht: Unverantwortlicher Druck oder normaler Unterricht?

Klinkhammer, Gisela

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In Nordrhein-Westfalen entscheidet inzwischen ein dreitägiger Probeunterricht darüber, ob ein Kind zu einer anderen als der empfohlenen Schulform zugelassen wird.

N ein, es gab eben keine massiven Verhaltensauffälligkeiten. Er hat sich innerhalb der ersten vier Monate des vierten Schuljahres plötzlich und unvorhergesehen massiv verschlechtert. Als wir das mitbekommen haben, war das Kind schon in den Brunnen gefallen. Gleich im Anschluss daran gab es das erste Gespräch zur Empfehlung für die weiterführende Schule – mit einem niederschmetternden Ergebnis. Da wir seit seinem zweiten Lebensjahr immer nur von allen, die mit ihm zu tun hatten, hörten, wie außerordentlich pfiffig er ist, und dass er seinen Altersgenossen weit voraus ist, konnten wir uns diese gesamte Entwicklung nicht erklären.“ Das schreibt „minelein“ im Forum Grundschultreff.de. Die Folge: Ihr Sohn musste am sogenannten Prognoseunterricht teilnehmen. Den gibt es in Nordrhein-Westfalen (NRW) seit dem Jahr 2007. Ähnliche Auswahltests existieren aber auch in anderen Bundesländern. In diesem Jahr fand der Prognoseunterricht vom 30. März bis 1. April statt. Vor seiner Einführung konnten Eltern auch gegen die Empfehlung der Grundschullehrer wählen, auf welche weiterführende Schule ihr Kind gehen sollte. Grundsätzlich können nach Angaben des nordrhein-westfälischen Schulministeriums Eltern auch künftig grundsätzlich die weiterführende Schule ihres Kindes wählen. „Da aber Eltern und Lehrkräfte die weitere schulische Entwicklung eines Kindes durchaus aus unterschiedlichen Perspektiven beurteilen, müssen diese in einem geregelten Übergangsverfahren gewichtet werden“, teilte das Ministerium mit. Wenn die Eltern also ihr Kind an einer Schulform anmelden wollen, für die es nach der Empfehlung der Grundschule nur mit Einschränkungen geeignet ist, müssen sie an einem Beratungsgespräch der weiterführenden Schule teilnehmen. Wollen die Eltern ihr Kind an einer Schulform anmelden, für die es nach der Empfehlung der Grundschule selbst mit Einschränkungen nicht geeignet ist, entscheidet ein dreitägiger Prognoseuntericht, ob es zum Besuch der gewählten Schulform zugelassen ist. Nach Angaben des NRW-Schulministeriums wechseln 38 Prozent der Kinder nach dem Prognoseunterricht auf die von den Eltern gewünschte Schulform. Die Zahlen für 2009 lagen nach Angaben des Ministeriums bei Redaktionsschluss noch nicht vor. Der Prognoseunterricht dauert drei Tage und umfasst an jedem Tag drei Unterrichtsstunden in Deutsch, Mathematik und weiteren Lernbereichen der Grundschule. Nach Abschluss des Prognoseunterrichts wird eine Schülerin oder ein Schüler nur dann nicht zum Besuch der gewünschten Schulform zugelassen, wenn alle beteiligten Personen einstimmig davon überzeugt sind, dass die Eignung für die gewählte Schulform offensichtlich ausgeschlossen ist. Den Bescheid stellt das Schulamt aus. Eltern haben die Möglichkeit, gegen die Entscheidung der Schule gerichtlich vorzugehen.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Nordrhein-Westfalen spricht sich gegen den Prognoseuntericht aus und fordert die NRW-Landesregierung auf, „bis zu einer Umstrukturierung des Schulsystems den Eltern wieder die Entscheidung bei der Schulformwahl zu überlassen. Ein Prognoseunterricht erhöht nicht die Prognosesicherheit für den Übergang in
die weiterführende Schule, sondern setzt die Kinder unter einen unverantwortlichen Druck, der zu zusätzlichem Versagen und damit Demotivation führen wird“. Wenn Schulministerin Barbara Sommer davon spreche, die Kinder würden den Prognoseunterricht als „ganz normalen Unterricht“ erleben, dann zeige dies, wie weit sie sich schon von der schulischen Realität entfernt habe.

Nach Auffassung der Berliner Kinder- und Jugendpsychiaterin, Dr. med. Ute Mendes, „ist es nicht selten so, dass Eltern ihre Kinder überschätzen, und hinsichtlich der Schulwahl droht dann manchmal eine Überforderung der Kinder. Es ist für die Kinder sehr ungünstig, wenn sie an eine Schule wechseln, deren Leistungsanspruch sie nicht gewachsen sind, und dann das Probehalbjahr nicht bestehen, also ,scheitern‘, und dann die Schule nach einem halben Jahr erneut wechseln müssen“. Das sei weder gut für das Selbstwertgefühl eines Kindes noch für seine Einbindung in einen Klassenverband, sagte Mendes gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. Wenn aus der Probeschulung eine Aufnahme an die gewünschte Schule resultiere, „sind vermutlich alle zufrieden“. Wenn die Aufnahme danach abgelehnt werde, werde dem Kind unter Umständen das Nichtbestehen des Probehalbjahrs erspart.

Prof. Dr. Wilfried Bos und Diplom-Psychologin Katrin Lintorf vom Institut für Schulentwicklungsforschung Dortmund vertreten die Auffassung, dass der Vorteil gegenüber der Grundschulempfehlung darin liegt, dass der Prognoseunterricht durch drei bisher unbeteiligte Expertinnen oder Experten erfolgt. Doch ob er seine Ziele erreiche, lasse sich letztendlich nur langfristig beurteilen, da die Kriterien, mit denen der Erfolg bewertet werden könnte, in ferner Zukunft lägen. „Konkret: Der erfolgreiche Schulformabschluss ist erst nach fünf bis neun Jahren erreicht.“
Gisela Klinkhammer
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