ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2009Ärzte im Öffentlichen Gesundheitsdienst: Keine Ärzte zweiter Klasse

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Ärzte im Öffentlichen Gesundheitsdienst: Keine Ärzte zweiter Klasse

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Selten im Fokus: Die Aufgaben der Ärztinnen und Ärzte im öffentlichen Gesundheitsdienst sind vielfältig und wichtig für die Gesellschaft. Die Vergütung trägt dem nicht mehr Rechnung. Foto: Caro
Selten im Fokus: Die Aufgaben der Ärztinnen und Ärzte im öffentlichen Gesundheitsdienst sind vielfältig und wichtig für die Gesellschaft. Die Vergütung trägt dem nicht mehr Rechnung. Foto: Caro
Der öffentliche Gesundheitsdienst (ÖGD) hat Probleme, seine ärztlichen Stellen zu besetzen. Dafür verantwortlich ist vor allem die schlechtere Bezahlung im Vergleich zu den Klinikärzten.

Der öffentliche Gesundheitsdienst (ÖGD) nimmt innerhalb des Gesundheitswesens eigenständige Aufgaben wahr. Neben den klassischen Aufgaben des Gesundheitsschutzes – vor allem der Prävention und Bekämpfung übertragbarer Krankheiten, des umweltbezogenen Gesundheitsschutzes, der infektionshygienischen Überwachung von Gemeinschaftseinrichtungen wie Schulen oder Kindergärten und medizinischen Einrichtungen wie Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen sowie des Verbraucherschutzes (Lebensmittelsicherheit) – hat der ÖGD auch eine lange Tradition in der gesundheitlichen Fürsorge für Schwangere, Säuglinge, Kinder und psychisch kranke Menschen.

Eine besondere Herausforderung für den ÖGD ist es, die Bevölkerungsgruppen und Personen, die wegen ihrer sozialen und gesundheitlichen Probleme besonderer Hilfen bedürfen und die von anderen Einrichtungen der gesundheitlichen Betreuung und Versorgung nicht erreicht werden, komplementär zu betreuen. Neben Hausbesuchen bei Menschen, die wegen sozialer oder gesundheitlicher Einschränkungen hilfebedürftig sind, stellt der ÖGD ein Repertoire an Unterstützungsmöglichkeiten zur Verfügung: Beratung, Vermittlung von Diensten und Dienstleistungen, das Angebot direkter Hilfen oder die Koordinierung von Hilfsangeboten. Zielgruppen sind Behinderte und ihre Angehörigen, abhängig Kranke, chronisch und psychisch Kranke und besonders belastete oder gefährdete Bevölkerungsgruppen wie Obdachlose, aber in zunehmendem Maß auch Kinder und Jugendliche.

Nicht nur im Bereich des Gesundheitsschutzes und der Gesundheitshilfen haben sich in den letzten beiden Jahrzehnten der Anforderungskatalog und die fachlichen Verpflichtungen im ÖGD erheblich geändert. Neuen hoch ansteckenden Krankheiten ist koordinierend vorzubeugen, wie der Lungenkrankheit SARS. Die Influenza-Pandemieplanung („Vogelgrippe“) beschäftigt Wissenschaftler und Fachorganisationen weltweit bis hin zum örtlichen Gesundheitsamt. Vorsorgende Planung zur Reduzierung der Gesundheitsgefahren, seien sie natur- oder menschenbedingt (Chemieunfälle oder Naturkatastrophen), seien es die Bedrohungen, die von bioterroristischen Anschlägen oder den Folgen des Klimawandels ausgehen, sind integraler Teil der Aufgaben des heutigen ÖGD. Neue fachliche und konzeptionelle Schwerpunkte der Arbeit des ÖGD sind die zielgruppenspezifische Prävention und Gesund­heits­förder­ung.

Die Aktivitäten erstrecken sich von der Gruppenprophylaxe in der Kariesprävention, Rauchprävention und Ernährungs- und Bewegungsschulung in Schulen und Wohnvierteln bis hin zu niederschwelligen, settingorientierten Gesund­heits­förder­ungsstrategien zur Verhinderung von Alkohol- und Drogenabhängigkeit.

Darüber hinaus hat der ÖGD insbesondere in den Kommunen eine analysierende, planende, koordinierende und evaluierende Aufgabe in enger Abstimmung mit institutionellen Anbietern und lokalen Initiativen und Selbsthilfeaktivitäten. Dazu wurde in den letzten Jahren das Steuerungsinstrument der kommunalen Gesundheitsberichterstattung etabliert, die eine wichtige Beratungs- und Entscheidungsgrundlage für das effektive Arbeiten der Kommunalen Gesundheitskonferenzen ist. Das System der infektionshygienischen Überwachung von Gemeinschafts- und Gesundheitseinrichtungen wurde konzeptionell erweitert zur Qualitätssicherung und -verbesserung. Als Schlagwort sei genannt: Prävention der Ausbreitung nosokomialer Infektionen durch die Organisation „runder Tische“.

Dieses breite Spektrum der Dienstleistungen für den einzelnen Bürger und die Gesellschaft erfolgt im Wesentlichen in den Kreisen und kreisfreien Städten durch das Fachpersonal der örtlichen Gesundheitsämter, die regional unterschiedlich auch Gesundheitsfachdienste heißen, um auch in der Namensgebung den vollzogenen Wandel von dem eher individual orientierten, eher reaktiv arbeitenden „Amt“ hin zu einem bürger- und problemnahen Dienstleister und Koordinator zu verdeutlichen.

Obwohl der Anteil der Beschäftigten im ÖGD, bezogen auf alle im Gesundheitswesen Beschäftigten unter einem Prozent liegt, ist dessen Dienstleistung nicht nur notwendig, sondern gewinnt an konzeptioneller und auch gesellschaftspolitischer Bedeutung („Armut macht krank“).

Deshalb sind die kommunalen Arbeitgeber aufgefordert, nicht nur die kontinuierliche Qualifikation und Fortbildung der Beschäftigten sicherzustellen, sondern auch eine den Leistungen entsprechende adäquate Entlohnung zu gewährleisten. Dies geschieht durch das neue Tarifrecht nicht mehr. Es wird immer schwieriger, den öffentlichen Gesundheitsdienst mit qualifizierten Fachärzten neu zu besetzen, weil tarifrechtlich zwischen Klinikärzten und Ärzten im öffentlichen Dienst unterschieden wird. Die erforderliche Neu- und Nachbesetzung von Stellen im ÖGD ist zurzeit kaum möglich.

Im ÖGD werden erfahrene Ärzte benötigt. Neben einer erforderlichen klassischen Weiterbildungszeit von drei Jahren in einem Krankenhaus ist der erworbene Titel eines klinischen Facharztes wünschenswert. Im zweiten Schritt erfolgt dann die Weiterbildung zum Facharzt für öffentliches Gesundheitswesen (zweite Facharztausbildung). Je nach Verwendung und Arbeitsschwerpunkt wird erwartet, dass eine zusätzliche Schwerpunktweiterbildung erfolgt oder Zusatzbezeichnungen erworben werden (zum Beispiel Sozialmedizin, Umweltmedizin). Im öffentlichen Gesundheitswesen wird eine sehr hohe Kompetenz gefordert, ohne dass die Ausbildung gesichert oder die tarifliche Vergütung diesem Rechnung trägt. Daraus folgt, dass die im öffentlichen Gesundheitswesen schon zurzeit freien Stellen nicht oder nur mit unzureichend qualifizierten Ärzten besetzt werden können.

Im Bundesangestelltentarifvertrag (BAT) wurde nicht zwischen Klinikärzten und anderen Ärzten unterschieden. Der Wechsel aus der Klinik in den öffentlichen Dienst erfolgte ohne tarifrechtliche Nachteile. Die Wiederherstellung eines solchen einheitlichen Ärztetarifs ist aber dringend notwendig. Nur unter dieser Voraussetzung hat der öffentliche Gesundheitsdienst wieder eine Chance bei der Werbung um qualifizierte und leistungsfähige junge Ärztinnen und Ärzte.

Dr. med. Peter Idel, Tarifpolitischer Sprecher des Bundesverbandes der Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes e.V.
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