ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2009112. Deutscher Ärztetag: Mehr Ärzte braucht das Land

SEITE EINS

112. Deutscher Ärztetag: Mehr Ärzte braucht das Land

Stüwe, Heinz

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Heinz Stüwe Chefredakteur
Heinz Stüwe Chefredakteur
Wirklich Ärztemangel? Die bei Politikern wie Krankenkassenmanagern gleichermaßen beliebte Standardantwort lautet: Es gebe doch von Jahr zu Jahr mehr Ärzte. Da könne von Mangel schlechterdings keine Rede sein. So war es auch vor Beginn des 112. Deutschen Ärztetages wieder zu hören und zu lesen.

Ein Blick in die Statistik zeigt: Tatsächlich ist die Zahl der berufstätigen Ärztinnen und Ärzte in den vergangenen Jahren gestiegen, seit dem Jahr 2000 um 8,5 Prozent auf fast 320 000. Für die acht Jahre ergibt sich somit eine durchschnittliche jährliche Steigerungsrate von etwas mehr als einem Prozent. Gleichzeitig herrscht aber in vielen Regionen Ärztemangel. Wer das immer noch bestreitet, sollte sich im Land umsehen und dorthin gehen, wo Bürgermeister und Patienten darum kämpfen, wieder einen Hausarzt in ihren Ort zu bekommen, oder in Krankenhäuser mit Abteilungen, in denen jede dritte oder sogar jede zweite Arztstelle unbesetzt ist und wo die Versorgung nur durch Mehrarbeit der verbliebenen Kolleginnen und Kollegen aufrechterhalten werden kann.

Es werden händeringend Ärzte gesucht, gleichzeitig waren noch nie so viele Ärzte in Deutschland tätig wie heute. Ein Widerspruch? Ja, aber nur auf den ersten Blick. Die Bundes­ärzte­kammer hat, wie berichtet, Ende April eine Analyse vorgelegt, die eine plausible Erklärung bietet: Zwar gibt es heute mehr Ärztinnen und Ärzte als im Jahr 2000, die Zahl der von ihnen geleisteten Arbeitsstunden ist seither aber gesunken. Sie sind nicht etwa faul und bequem geworden. Vielmehr spiegeln sich hier zwei Entwicklungen wider: die durch das neue Arbeitszeitgesetz ausgelöste und mehr als gerechtfertigte Arbeitszeitverkürzung im Krankenhaus und der zunehmende Anteil der Ärztinnen. Der Frauenanteil in der Ärzteschaft lag 1991 bei einem Drittel, heute kommen die Ärztinnen auf 41,5 Prozent, Tendenz steigend. „Die Medizin wird weiblich. Das tut ihr richtig gut“, hat Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, Vizepräsident der Bundes­ärzte­kammer, dazu festgestellt. Die gesellschaftliche Realität ist, dass Frauen rund ein Viertel weniger Stunden an Erwerbsarbeit absolvieren als Männer, auch in der Medizin: Der Anteil Teilzeit arbeitender Ärztinnen ist größer als der der männlichen Kollegen. Denn immer noch wird in erster Linie den Frauen zugemutet, Kinderbetreuung und Beruf zu vereinbaren.

Arbeitszeitverkürzung und Feminisierung des Berufs erhöhen somit die Nachfrage am Arbeitsmarkt. Oft wird zudem so getan, als ob das von Ärzten zu bewältigende Arbeitsvolumen eine feste Größe sei. Auch Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt (SPD) scheint diesem Irrtum zu unterliegen. Hätte sie sonst der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ vor dem Ärztetag gesagt: „Wir sollten uns nicht über die Zahl der Ärzte, sondern über deren Verteilung unterhalten. Es gibt ein deutliches Überangebot in den Städten und zu wenige auf dem Land.“ Abgesehen davon, dass hier die Vorstellung mitschwingt, eigentlich müsse man nur ausreichend Ärzte aufs Land strafversetzen: Die Ministerin verkennt, dass der medizinische Fortschritt die Möglichkeiten in Diagnose und Therapie erweitert. Diese können aber nur dann genutzt werden, wenn es genug Ärzte gibt. Ohne Auswirkung auf den Bedarf an Ärzten kann es auch nicht bleiben, dass die Gesellschaft altert. War Ende 2007 jeder Fünfte 65 Jahre oder älter, wird es 2030 jeder Dritte sein. Der Bedarf an medizinischen Leistungen wird zunehmen. Wer dennoch, wie mancher Kassenmanager, behauptet, man könne mit halb so vielen Hausärzten wie heute eine gute Versorgung sichern, disqualifiziert sich selbst.

Nicht weniger, sondern mehr Ärztinnen und Ärzte braucht das Land. Da viele Ärztinnen und Ärzte in den kommenden Jahren aus Altersgründen aus dem Berufsleben ausscheiden, wird es schwer genug, den heutigen Versorgungsgrad einigermaßen zu halten. In Mainz bezeichnete der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck es als Daueraufgabe, die Gesundheitsberufe, „zuvörderst den des Arztes“, atttraktiv zu halten. Mit schönen Reden allein aber ist es nicht getan.
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema