ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2009Doping: Der ärztliche Faktor
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Der Abschlussbericht der Untersuchungskommission offenbart ein Ausmaß systematischen Dopings im Radsport seit den 90er-Jahren, wie es bislang für westdeutsche Ärzte nicht bekannt oder zumindest nicht aktenkundig war. Foto: picture-alliance/Rolf Kosecki
Der Abschlussbericht der Untersuchungskommission offenbart ein Ausmaß systematischen Dopings im Radsport seit den 90er-Jahren, wie es bislang für westdeutsche Ärzte nicht bekannt oder zumindest nicht aktenkundig war. Foto: picture-alliance/Rolf Kosecki
Sportmediziner an der Universitätsklinik Freiburg haben mehr als zehn Jahre systematisch und aktiv Doping betrieben, im Einzelfall mit lebensbedrohlichen Risiken für Sportler. Eine Expertenkommission hat ihre Untersuchungen abgeschlossen.

Hans-Joachim Schäfer ist in den vergangenen zwei Jahren durchaus gesprächsbereit gewesen gegenüber Journalisten. Aber manchmal konnte er kaum reden, obwohl er viel zu sagen gehabt hätte. Der promovierte Jurist und ehemalige Präsident des Sozialgerichts Reutlingen ist es gewohnt, über Details zu schweigen, wenn ein Verfahren läuft. In der vergangenen Woche war die Zeit des Schweigens vorbei: Zur Frage, wie Sportmediziner der Universitätsklinik Freiburg an Dopingpraktiken beteiligt waren, hat die Dopinguntersuchungskommission mit Schäfer als Vorsitzendem ihren Abschlussbericht vorgestellt. Die Universität Freiburg hat dafür gesorgt, dass der Bericht komplett im Internet steht (www.dopingkommission-freiburg.de).

Der Bericht offenbart ein Ausmaß systematischen Dopings durch Sportmediziner seit den 90er-Jahren, wie es bislang für westdeutsche Ärzte nicht bekannt oder zumindest nicht aktenkundig war. Mit dieser Akribie hat bisher auch niemand untersucht. Die Erkenntnisse zu konkreten gesundheitlichen Gefährdungen der Sportler durch das Verhalten von Ärzten gehen weit darüber hinaus, was die Kommission bereits in einem Zwischenbericht im März vergangenen Jahres schilderte (Dtsch Ärztebl 2008; 105(14): A 725–6). „Es ist aus heutiger Sicht erschreckend, wie gesundheitliche Gefahren des Dopings von den Ärzten ignoriert und verharmlost wurden“, heißt es im Bericht. Außer Schäfer haben der Dopingexperte Prof. Dr. Wilhelm Schänzer von der Sporthochschule Köln und der Pharmakologe Prof. Dr. med. Ulrich Schwabe von der Universität Heidelberg daran mitgewirkt.

Die drei Experten waren am 15. Mai 2007 von der Universitätsklinik Freiburg berufen worden, nachdem in einem Bericht des „Spiegels“ (Heft 18 vom 30. April 2007) Sportmediziner der Universität mit Doping in Verbindung gebracht worden waren. Nach wochenlangem Leugnen jeglicher Dopingaktivitäten gaben schließlich Prof. Dr. med. Andreas Schmid und Dr. med. Lothar Heinrich eine Beteiligung zu, allerdings nur bis zum Jahr 1999. Strafrechtlich relevante Verstöße gegen das Arzneimittelgesetz wären dann verjährt gewesen. Dem Abschlussbericht zufolge aber waren Schmid und Heinrich mindestens bis 2006 als Dopingärzte aktiv. Auch der zwischenzeitlich pensionierte Sportmediziner Dr. Georg Huber räumte Ende Mai 2007 ein, einzelnen U-23-Straßenradfahrern zwischen 1980 und 1990 Testosteron verabreicht zu haben.

Insgesamt hat die Kommission 77 Personen befragt, meist Universitätsangehörige, aber auch zwölf Radrennfahrer und 13 Zeugen aus den Rennställen und Sponsoren des Teams Telekom und T-Mobile. Ab 1993 haben Schmid und Heinrich das die Blutbildung anregende Hormon Erythropoetin (EPO) für Dopingzwecke angewandt, „ab 1995 kann man von systematischem Doping sprechen“, so Schäfer. Auch Kortison-, Eisenpräparate und Wachstumshormone wurden verabreicht. Die Kommission glaubt Zeugenaussagen, wonach die Ärzte Vorschläge und Pläne für die unerlaubte Leistungssteigerung erstellt haben, zum Beispiel für EPO-Kuren.

Eklatante Verstöße gegen das Transfusionsgesetz
Die Medikamente für die Rennställe stammten nicht aus der Apotheke des Klinikums, sondern zum großen Teil aus einer Apotheke in Elzach. Es wurden zehnprozentige Provisionen an die Apotheke gezahlt – für verschreibungspflichtige Medikamente unüblich. Gegen die Eigentümerin werde polizeilich ermittelt, teilte der Sprecher der Staatsanwaltschaft Freiburg dem DÄ auf Anfrage mit.

Zu den aus medizinischer Sicht schwerwiegendsten Vorwürfen aber gehören Details über die Verabreichung von Eigenblut an die Radfahrer Patrick Sinkewitz, Matthias Kessler und Andreas Klöden. Die Umstände der Behandlungen hätten den räumlichen und technischen Anforderungen an die Transfusion von Eigenblut nicht entsprochen. Vor allem aber hätten die Eigenblutinfusionen, die Schmid bei Patrick Sinkewitz vorgenommen hatte, eklatant gegen das Transfusionsgesetz verstoßen.

So sei Sinkewitz über die Risiken wie Kreislaufversagen oder schwere Infektionen nicht aufgeklärt worden. Als er gemeinsam mit Kessler und Klöden während der Tour de France 2006 von Straßburg nach Freiburg fuhr, um sich zuvor abgenommenes Blut reinfundieren zu lassen, habe das Blut in der ersten Konserve so stark geklumpt, dass diese Transfusion abgebrochen werden musste. Schmid habe dann einfach den zweiten Beutel angelegt.

Nachdem auch dieser nur etwa zur Hälfte wegen Verklumpungen habe infundiert werden können, habe er Sinkewitz ohne Überwachung am selben Abend nach Straßburg zurückfahren lassen. „Damit nahm Schmid billigend in Kauf, dass der Radrennfahrer dem Risiko schwerster Komplikationen mit septischem Schock und Lungenembolie ausgesetzt war“, heißt es im Bericht unter Bezug auf ein Gutachten. Für den Zeitraum nach der Tour de France 2006 haben die Experten keine Belege für Doping durch die Ärzte gefunden.

Auch der frühere Leiter der Abteilung, der im Jahr 2000 verstorbene Prof. Dr. Josef Keul, habe die unerwünschten Wirkungen leistungssteigernder Mittel verharmlost und durch diese Haltung deren Anwendung begünstigt. In der Ära Keul seien weder Drittmittel noch die Einnahmen aus Privatliquidationen richtig angezeigt und abgerechnet worden. Die von seinen Nachfolgern vorgenommenen kontrollierenden und korrigierenden Maßnahmen seien zwar wirksam, aber offenbar nicht ausreichend gewesen.

„Wir haben keine Anhaltspunkte gefunden, dass der jetzige Leiter der Abteilung, Prof. Dr. Hans-Hermann Dickhuth, von den Dopingpraktiken seiner Mitarbeiter gewusst hat. „Das war ein geschlossenes System, organisiert vor allem von Heinrich und Schmid, inklusive Datenmanipulationen und Anlegen von Akten fiktiver Patienten, hinter denen sich Radrennfahrer verborgen haben“, sagt Schäfer.

Wegen laufender Ermittlungen nicht alle Namen offengelegt
Finanzieller Profit sei offenbar ein Motiv gewesen. „Es ist Geld von Radrennställen am Universitätsklinikum vorbei an die Ärzte geflossen“, so Schäfer gegenüber dem DÄ. Das fordert nun die Universität im Namen des Landes Baden-Württemberg zurück, auch von drei weiteren Ärzten, bei denen die Kommission aber keine dopingrelevanten Aktivitäten feststellen konnte. „Möglicherweise ist da nur ,angefüttert‘ worden“, sagt Schäfer.

Außer gegen die Eigentümerin der Apotheke werde gegen Schmid, Heinrich und weitere ehemalige Sportmediziner der Universitätsklinik ermittelt, so die Staatsanwaltschaft Freiburg. Keiner der Ärzte ist noch am Universitätsklinikum tätig, die Approbationen haben sie behalten. Beim zuständigen Regierungspräsidium in Stuttgart hieß es, man werde den Abschlussbericht aufmerksam lesen und dann entscheiden, ob er als Basis für die Frage ausreiche, ob ein Widerruf der Approbation gerechtfertigt sei.

Hat die Kommission nun alles gesagt? Nicht ganz, zumindest nicht über Zeugen. „Wir konnten nicht jeden namentlich erwähnen“, sagt Schäfer. „Sie wissen schon: laufende Ermittlungen. Dass man nicht alles offenbaren kann, was man weiß – das tut manchmal schon ein bisschen weh.“
Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze
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