ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2009Von schräg unten: Zeugnis

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Zeugnis

Böhmeke, Thomas

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Die meisten von uns sind Arbeitgeber, und die natürliche Fluktuation unserer Angestellten bringt es gelegentlich mit sich, ein Zeugnis formulieren zu müssen. Eigentlich kein Problem, da wir es gewohnt sind, uns präzise und – wie es vom Bundesarbeitsgericht gefordert wird – immer wohlwollend auszudrücken. Es soll zwar diese mit Superlativen geschmückte Zeugnissprache geben, aber die interessiert mich nicht. Wer Worte wie Pentaerythrityltetranitrat zu seinem gängigen Wortschatz zählt, ohne an einer chronischen Zungenfraktur zu leiden, kann eine solche Aufgabe im Bleistiftumdrehen meistern. So geht es flugs von der Feder: „ . . . hat sie die übertragenen Aufgaben mit Fleiß und Interesse durchgeführt, verfügt über Fachwissen und zeigt gesundes Selbstvertrauen!“ Das Rechtssicherheitsprogramm auf meinem PC meldet Alarmstufe rot. Ich stelle mit Entsetzen fest, dass ich der von mir äußerst geschätzten Kraft gerade bescheinigt habe, dass sie dumm, vorlaut und faul ist. Also ein neuer Versuch: „Ihr persönliches Verhalten war im Wesentlichen tadellos, sie koordinierte die Arbeit der Mitarbeiter erfolgreich und gab klare Anweisungen!“ Der blöde Alarmknopf will einfach nicht aufhören zu blinken, sondern droht mir einen Prozess vor dem Arbeitsgericht an: Ich habe die Dame nunmehr als Drückebergerin dargestellt. Dann versuche ich es eben halt mit „ . . . die übertragenen Arbeiten waren sowohl im Großen als auch im Ganzen zu unserer Zufriedenheit erledigt worden!“ Das Programm meldet eine unzumutbare inhaltliche Kollision. Gerade mal ein „Mangelhaft“ sei mir die aufopferungsvolle Tätigkeit der Mitarbeiterin wert gewesen.

Ich fasse es nicht. Es muss doch irgendwie funktionieren. Wütend haue ich in die Tastatur: „Es bestand ein hochsignifikanter Unterschied ihrer Arbeitsleistung im Vergleich zur Placebogruppe!“ Das Programm meint lapidar, dass Ausrufezeichen in Arbeitszeugnissen nicht zulässig seien. Ja ja, ist ja gut. Ich muss mich wohl besser mit meinem PC verstehen. Also gebe ich ein: „Ihre CPU arbeitet grundsätzlich nicht unter 2,6 GHz, Ihre Festplatte ist mit 256 GB erstaunlich groß. Über ihr integriertes Bluetooth 2.1 + EDR ist sie stets exzellent ansprechbar.“ Na, endlich zufrieden? Nein, so ranzt mich das Programm an, bei der üblichen Entwicklung der Chipherstellung ist eine solche Äußerung fatal. In fünf Jahren wäre die Dame stark verlangsamt. Ich gebe auf und rufe meinen Rechtsanwalt an. Dieser teilt mir freundlich mit, dass er mir den gewünschten Vordruck für ein entsprechendes Zeugnis aufs Fax legen könnte. Meine Probleme sind damit gelöst. Ich lösche mein Rechtssicherheitsprogramm von der Festplatte. Mir wird klar, warum die Patienten so viel Wert darauf legen, einem leibhaftigen Doktor gegenüberzusitzen, der sich individuell um ihre Probleme bemüht und einer guten Lösung zuführt. Und kein Gesundheitssicherheitsprogramm.
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