ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2009Armut und Kindergesundheit: Geborgenheit und Sicherheit

THEMEN DER ZEIT

Armut und Kindergesundheit: Geborgenheit und Sicherheit

Klinkhammer, Gisela

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Zur Förderung des Kindeswohls ist Familienarbeit unerlässlich. Darin sind sich Experten einig.

Sie wüsste nicht, wo sie heute ohne ihre Familienhelferin wäre, wurde Annemarie Stoll* nicht müde zu wiederholen. Die alleinerziehende Mutter eines fünf- und eines neunjährigen Sohnes war verzweifelt, bevor sich die Berlinerin an die Diakonische Arbeitsgemeinschaft Sozialpädagogischer Initiativen (DASI) wandte. Bei beiden Söhnen war eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung diagnostiziert worden. Außerdem fielen die Jungen durch eine extreme Aggressivität auf. Dadurch war der Neunjährige in der Grundschule inzwischen zu einem Au-ßenseiter geworden. Mithilfe der DASI wurde es ihm schließlich ermöglicht, eine sonderpädagogische Schuleinrichtung zu besuchen. Dort erhält der Junge sogar Einzelunterricht. „Durch die DASI werden einem Türen geöffnet“, sagte Stoll. Außerdem erhielt die Mutter regelmäßig zehn Stunden wöchentliche Betreuung durch eine qualifizierte Familienhelferin. „Ich kann mit beiden Kindern jetzt besser umgehen“, meint sie. Ihr nächs-tes Ziel sei es jetzt, aus der Arbeitslosigkeit herauszukommen: „Ich will wieder gesellschaftsfähig werden.“ Auch dabei setzt sie auf die Hilfe der DASI.

Die Organisation ist ein freier Träger der Kinder- und Jugendhilfe. Sie ist ein Berliner Unternehmen und gehört zur Gruppe Norddeutsche Gesellschaft für Diakonie. „Unser Leistungsangebot ist auf das Wohl von Kindern, Jugendlichen, jungen Erwachsenen und Familien ausgerichtet, betreut in Berlin rund 90 Kinder und Jugendliche stationär und leistet circa 12 000 Fachleistungsstunden im ambulanten Bereich.“ Da gibt es zum Beispiel das sogenannte Sprungbrett, eine Unterstützungsmöglichkeit für Jugendliche ab 15 Jahren, die der DASI zufolge aufgrund überfordernder familiärer Kontexte nicht in der Familie bleiben können.

Schulische Probleme
Die familiäre Situation ist häufig durch schulische beziehungsweise ausbildungsspezifische Probleme zusätzlich angespannt. Ein sozialpädagogisches Schulprojekt in Charlottenburg-Wilmersdorf dient der Reintegration von Schülerinnen und Schülern in den Regelschulbetrieb. Die DASI ist aber auch Ansprechpartner bei innerfamiliären Konflikten, Bildungsproblemen und Sprachverständigungsschwierigkeiten, mit deren Bewältigung die Familien sich überfordert fühlen.

Eine ähnliche Arbeit leistet auch das In-Via-Center Berlin. In-Via ist ein Fachverband im Deutschen Caritasverband, der nach eigenen Angaben seit mehr als 110 Jahren Frauen- und Mädchensozialarbeit leistet. So gibt es beispielsweise den offenen Mädchentreff, in dem Mädchen in Berlin-Karlshorst unter anderem sportliche Aktivitäten, Hausaufgabenhilfe sowie Koch- und Backaktionen angeboten werden. Auch musikalisch können sie sich dort ausdrücken. So trifft sich Musiker Helge Hoeft regelmäßig mit Mädchen und lässt sie selbst komponierte und selbst geschriebene Texte singen, in denen sie ihr Lebensgefühl ausdrücken können.

Das In-Via-Center Berlin hat im Mai 2007 vom Bundesfamilienministerium die Anerkennung für das Mehrgenerationenhaus in Berlin-Lichtenberg bekommen. „Das bedeutet für uns, dass wir unsere Angebote durch ein Café und einen offenen Mittagstisch mit gesundem Essen erweitern konnten.“ In einer Väter-Kind-Gruppe lernen Väter und ihre Kinder, „bei angeleiteten Rauf- und Kampfspielen spielerisch die Rollen zu tauschen und gegenseitige Grenzsetzung beziehungsweise -überwindung unmittelbar zu erleben“. Wenn Väter sich mit geschlossenen Augen von ihren Kindern führen ließen, könnte Vertrauen aufgebaut werden und „kleine Kinder können auch mal gewinnen, ohne dass man sie gewinnen lässt“, berichtete Budopädagoge Hans-Joachim Schröder. Die „Raufgruppe“ sei gleichzeitig auch eine Plattform für Väter, um sich gegenseitig auszutauschen. Außerdem finden sie bei den Leiterinnen immer wieder ein offenes Ohr, „wenn es mal irgendwo schiefläuft und sie Unterstützung benötigen“.
In einer Väter-Kind-Gruppe im In-Via-Center Berlin lernen Väter und ihre Kinder spielerisch ihre Rollen zu tauschen. Die „Raufgruppe“ dient auch als Plattform, um sich gegenseitig auszutauschen. Fotos: Christian Soyke
In einer Väter-Kind-Gruppe im In-Via-Center Berlin lernen Väter und ihre Kinder spielerisch ihre Rollen zu tauschen. Die „Raufgruppe“ dient auch als Plattform, um sich gegenseitig auszutauschen. Fotos: Christian Soyke

Soziale Benachteiligung
Anzeige
Solche und ähnliche Angebote werden angenommen und sind auch dringend erforderlich. Aus der Mitte April vorgelegten Bepanthen-Kinderarmutsstudie geht hervor, dass Kinder, die in Deutschland in Armut leben, in ihren Chancen erheblich beeinträchtigt sind. Die Studie, die unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Dr. Sabine Andresen und Susann Fegter, beide Universität Bielefeld, erstellt wurde, hat 200 Arche-Kinder zwischen sechs und 13 Jahren aus Hamburg und Berlin im Rahmen einer Ferienfreizeit der Arche e.V. sowie an den Arche-Standorten in Berlin und Hamburg befragt. Die Untersuchung zeigt, dass benachteiligte Kinder als Voraussetzungen für ein gutes Leben vor allem „von den Eltern geliebt werden“, „genug zu essen bekommen“ „gute Freunde und Freundinnen haben“ und „immer jemanden haben, der sich um sie kümmert“ nennen. Sie wünschen sich vorrangig also gute Beziehungen und die Befriedigung von Grundbedürfnissen. Aber sie verlangen auch ein Recht auf Schulbildung, Gewaltfreiheit, Freizeit und medizinische Versorgung.

Dass gerade sozial benachteiligte Kinder auch in Bezug auf Gesundheit benachteiligt würden, bestätigte Dr. Manfred Thuns vom Caritasverband für das Erzbistum Berlin bei einer gemeinsamen Veranstaltung vom Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland und dem Deutschen Caritasverband Ende April in Berlin: „Aus einer brandenburgischen Untersuchung geht hervor, dass 78 Prozent der Familien mit einem hohen sozialen Status die Früherkennungsuntersuchung U 9 wahrnehmen. Bei Familien mit niedrigem sozialem Status liegt die Quote nur noch bei 59 Prozent.“ Um die medizinische Versorgung auch für Familien mit niedrigem sozialem Status zu verbessern, sei Familienarbeit unerlässlich. „Wenn man Prävention betreiben will, geht dies nur über Familienarbeit. Denn die Familie ist einfach die primäre, die konstituierende Einheit. In der Familie entstehen auch die ersten wichtigen emotionalen Bindungen. Sie bedeutet Geborgenheit und Sicherheit.“

Die Ergebnisse zeigten, so die Autorinnen, wie umfassend sich die soziale Benachteiligung auf alle Spielräume von Kindern auswirke. „Das heißt, soziale Benachteiligung von Kindern hat viele Gesichter, je nachdem in welchem Stadtteil Kinder aufwachsen, wie lange die Eltern beispielsweise von Arbeitslosigkeit betroffen sind und ob die Familien Kinder wertschätzen.“ Wichtig sei aber eben auch, ob es im Stadtteil genügend außerschulische Bildungs-, Betreuungs- und Freizeitangebote von hoher Qualität gebe und ob Kinder in Armut einen Zugang dazu erhielten.
Gisela Klinkhammer

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema