ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2009Theodor Hellbrügge: Pionier der Sozialpädiatrie

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Theodor Hellbrügge: Pionier der Sozialpädiatrie

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Prof. Dr. med. Theodor Hellbrügge setzt sich für die Frühdiagnostik und -förderung von Kindern ein. Ihm ist es zu verdanken, dass viele Menschen vor dauerhaften Behinderungen bewahrt wurden. Foto: privat
Prof. Dr. med. Theodor Hellbrügge setzt sich für die Frühdiagnostik und -förderung von Kindern ein. Ihm ist es zu verdanken, dass viele Menschen vor dauerhaften Behinderungen bewahrt wurden. Foto: privat
Heute bestreitet es niemand mehr: Kinder mit Entwicklungsverzögerungen müssen frühzeitig gefördert werden. Als Prof. Dr. med. Dr. h. c. mult. Theodor Hellbrügge (89) dies vor vielen Jahren erkannte und forderte, betrat er damit Neuland. Er war Inhaber des ersten Lehrstuhls für Sozialpädiatrie in Deutschland. Das von ihm gegründete Kinderzentrum München ist Vorbild für mehr als 200 sozialpädiatrische Zentren im In- und Ausland.

Hellbrügge wurde am 23. Oktober 1919 in Dortmund als Sohn des praktischen Arztes Theodor Hellbrügge geboren. Er wuchs mit sechs Geschwistern auf. Während des Zweiten Weltkrieges begann er das Medizinstudium in Münster. Nach dem Physikum wurde er als Feldunterarzt nach München versetzt. 1944 legte er dort das Staatsexamen ab.

Im Jahr 1945 trat er seine erste Stelle an der Universitätskinderklinik der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München an. Als unbezahlter Volontärarzt musste der Familienvater die Zeit außerhalb des Dienstes nutzen, um Geld zu verdienen. Für das Münchner Gesundheitsamt hielt er Mütterberatungen ab. Dabei machte er eine Beobachtung, die seine weitere Laufbahn prägen sollte: In der Mütterberatung Thalkirchen traf er auf mehrere Kinder im Alter von etwa zwei Jahren. Diese fielen ihm zunächst durch ihre hübsche Physiognomie auf. Doch beim näheren Hinsehen sah der junge Arzt: Die Kinder waren alles andere als „normal“. Sie sprachen noch kein Wort, zeigten eine retardierte Motorik und waren nicht imstande, selbstständig mit dem Löffel zu essen. Außerdem waren sie sehr ängstlich und schrien, wenn Hellbrügge sich ihnen näherte. Das Krankheitsbild fand er in keinem pädiatrischen Lehrbuch, er nannte es „Deprivationssyndrom“. Später erfuhr er, dass die Kinder kurz nach ihrer Geburt in Heimen untergebracht worden waren. Der Mangel an Zuwendung – so schien es – war ein wesentlicher Grund für die Fehlentwicklung. Das Schicksal dieser Kinder ließ den Pädiater nicht mehr los.

Nachdem er 1951 seine Facharztprüfung für Kinderheilkunde abgelegt hatte, wurde er Oberarzt an der Universitätskinderpoliklinik der LMU München. 1960 wurde er zum außerplanmäßigen Professor dieser Universität ernannt. Er gründete die Forschungsstelle für Soziale Pädiatrie und Jugendmedizin, aus der später das Institut für Soziale Pädiatrie und Jugendmedizin entstand. 1976 erhielt er den Ruf auf den neu geschaffenen Lehrstuhl für Sozialpädiatrie an der LMU. Gemeinsam mit seinen Mitstreitern entwickelte er ein Verfahren zur Erkennung von Entwicklungsstörungen, die „Münchener Funktionelle Entwicklungsdiagnostik“. Mit seinem Konzept der „Entwicklungs-Rehabilitation“ fand er international Beachtung. Diesem liegt die Erkenntnis zugrunde, dass das kindliche Gehirn mit seiner enormen Plastizität eine große Fähigkeit zur Anpassung hat. Hellbrügge propagiert deshalb eine Frühdiagnostik, interdisziplinäre Frühtherapie sowie die soziale Integration in die Familie und später in den Kindergarten. Sein Einsatz für die Frühdiagnostik hat zur Einführung der heute üblichen Vorsorgeuntersuchungen für Kinder maßgeblich beigetragen.

Das Ziel, Behinderung zu verhindern oder abzumildern, verfolgt auch das Kinderzentrum München, das 1974 auf Initiative Hellbrügges entstand. Krönung seines Lebenswerks war der Neubau des Zentrums in der Nähe des Klinikums Großhadern, den er beharrlich gegen viele Widerstände durchsetzte. Bis dahin war die Institution provisorisch an verschiedenen Stellen untergebracht. Das Kinderzentrum war die erste interdisziplinäre Einrichtung mit pädiatrischem, psychologischem und heilpädagogischem Angebot unter einem Dach.
Bis heute ist er der von ihm gegründeten Theodor-Hellbrügge-Stiftung zur Förderung der Sozialpädiatrie in Wissenschaft, Forschung und Lehre mit großem Engagement verbunden. Diese finanziert unter anderem – nachdem die LMU den Lehrstuhl für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin abgeschafft hat – den Stiftungslehrstuhl an der Technischen Universität München.

Anschrift:
Aitelstraße 13
82266 Inning
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