ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2009Börsebius: Hütet euch vor falschen Stoffhasen

GELDANLAGE

Börsebius: Hütet euch vor falschen Stoffhasen

Rombach, Reinhold

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LNSLNS Ab und an treffe ich mich mit Vorständen zum strategischen Gedankenaustausch, aber nicht in irgendwelchen Tagungsbunkern, sondern an beschaulichen Orten wie im malerischen Engadin oder in einem pittoresken Fischerdörfchen auf Teneriffa. Die Idee solcher Meetings ist es, die gegenseitige Sicht der Dinge auszuloten, zu erfahren, wie der andere tickt, und am Ende steht dann manchmal fruchtbare Verwirrung – wenn auch auf höherem Niveau.

Eben entsteige ich dem Flieger ins heimische Köln und bin noch ganz voller Gedanken von den Gesprächen mit den Chefs einer Aktiengesellschaft, deren Name ich an der Stelle lieber nicht nenne. Vielmehr will ich Ihnen ein wenig von dem Treffen selbst erzählen, weil ich einen Kerngedanken daraus mit Ihnen teilen möchte.

Gestern Abend stellte der Boss der AG nach intensivem Brainstorming siegessicher fest, dass sein Laden in der strategischen Ausrichtung bestens positioniert sei, wenn immer die Zielgröße 20 Prozent EBIT geschafft würde. Wenn von 100 Euro Umsatz 20 Euro als EBIT (Earnings before Interest and Taxes, gemeint sind Zinsen und Steuern) übrig blieben, brauche man sich um das Unternehmen keine Sorgen zu machen. Ob ich das als Börsenexperte genau so sähe?

Mit dem Gefühl, dass mit einer sachlich wohltemperiert begründeten Widerrede der wilden Entschlossenheit der Gegenseite wohl keine Einhalt zu bieten war, erzählte ich von den vielen kleinen Töchtern und Söhnen dieser Welt, die sich nur deswegen ins Bett bringen lassen und gefahrlos allerlei Traumabenteuer bestehen, wenn sie ihren geliebten Stoffhasen dabeihaben. Der beruhigt, schützt, vermittelt Sicherheit: „Und Ihr Stoffhase, meine Herren, ist das EBIT, und genau das ist der falsche. Das, was Sie beruhigen, schützen und Sicherheit vermitteln soll, ist in Wirklichkeit nichts wert.“ Das EBIT sei im Übrigen eine relativ neue Kennzahl, fuhr ich fort, stamme aus den Anfangszeiten des Neuen Marktes und habe im Grunde nur die Aufgabe, explodierende Börsenkurse irgendwie zu erklären.

Wir alle wissen, wie die Sache mit dem Neuen Markt ausgegangen ist. Etwas „before“ zur selig machenden Größe zu machen, ist spinnert. Ein üppig verschuldetes Unternehmen kann mit 20 Euro EBIT eben nicht 30 Euro Zinsen zahlen und schon gar keine Steuern mehr. Der echte Stoffhase wäre in diesem Fall der Jahresüberschuss. Nur das, was unterm Strich übrig bleibt, beruhigt, schützt und vermittelt Sicherheit.

Übrigens: Für Sie als Anleger hoppeln auch genügend falsche Stoffhasen durch die Landschaft, die trügerische Sicherheit vermitteln. Sie heißen Chartanalyse, Glaube an Expertenprognosen, sicherer Börsentipp, wohlmeinende Anlageberater.

Meine Gesprächspartner versicherten mir bei bestem Rotwein und Tapas jedenfalls noch den ganzen Abend lang und immer wieder, sie hätten es jetzt begriffen. Dem Hasen sei Dank.
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