ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2009Offener Brief eines Auswanderers: Sehr geehrte Frau Ministerin, ich gehe als Arzt nach Neuseeland

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Offener Brief eines Auswanderers: Sehr geehrte Frau Ministerin, ich gehe als Arzt nach Neuseeland

Robold, Christian

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Endlich mehr Zeit fürs Wesentliche: Christian Robold, heute Medical Director des Southland- Hospizes in Invercargill, Neuseeland. Foto: privat
Endlich mehr Zeit fürs Wesentliche: Christian Robold, heute Medical Director des Southland- Hospizes in Invercargill, Neuseeland. Foto: privat
Nach langem Abwägen habe ich diese Entscheidung getroffen. In diesem Brief möchte ich Ihnen erläutern, welche Gründe zu diesem Entschluss geführt haben.

Bis vor Kurzem war ich – 49 Jahre alt, verheiratet, zwei schulpflichtige Kinder – als Palliativmediziner in leitender Position an einer Klinik tätig und arbeitete gleichzeitig mit einer Kassenzulassung in einem ambulanten Netzwerk. In den letzten Jahren haben wir in der Palliativmedizin einen beträchtlichen Aufschwung und ein großes mediales Interesse erlebt, sodass sich die Veränderungen auch in der Gesetzgebung niedergeschlagen haben. Das ist durchaus positiv zu sehen. Palliativmedizin gehört zu den wenigen expandierenden Medizinbereichen.

Eingebettet ist diese Entwicklung allerdings in ein Gesundheitswesen, in dem seit Jahren die Entwicklung stagniert. Eine längerfristige politische Gestaltung findet nicht statt, es gibt immer wieder nur Reaktionen auf Mängel; hektische Betriebsamkeit bei allzu offensichtlichen Missständen. Erst dann, wenn das System zu kippen droht, reagiert die Politik. Der Augenblick des „Kippens“ droht erfahrungsgemäß immer dann, wenn die Ausgaben die Einnahmen überschreiten, was der Öffentlichkeit erstaunlicherweise regelmäßig als Überraschung vermittelt wird.

Eine nachhaltige öffentliche Diskussion über die Inhalte der Medizin, die Deutschland in Zukunft finanzieren will, findet nicht statt. Dabei steht außer Frage, dass eine Hightechmedizin, wie sie derzeit betrieben wird, auf Dauer nicht finanzierbar ist. Kernspinuntersuchungen zur Diagnostik banaler glutealer Hämatome (selbst ungläubig staunend erlebt) kann sich das System auf Dauer nicht leisten. Dem Beispiel anderer industrialisierter Länder, in denen eine Rationierung der Medizin oder – freundlicher gesagt – eine genauere Indikationsstellung für die zu erbringenden medizinischen Leistungen längst Standard ist, wird Deutschland auf kurz oder lang folgen müssen. Die Frage, wie das vorhandene Geld verteilt werden soll, wird in der Öffentlichkeit allerdings nicht weiter diskutiert. Die notwendigen Einschnitte werden nicht benannt.

Als Konsequenz besteht für klinisch tätige Ärztinnen und Ärzte, aber auch für alle anderen im Gesundheitssystem Tätigen keine Planungssicherheit. Ich weiß nicht, unter welchen wirtschaftlichen und inhaltlichen Bedingungen ich in fünf Jahren in Deutschland arbeiten müsste. Die Bürger des Landes und damit potenzielle Patienten wissen nicht, mit welchen Restriktionen sie in Zukunft zu rechnen haben.

Hinzu kommt die inzwischen überbordende Bürokratie in der Medizin. Sie hat in den letzten Jahren massiv zugenommen. Die Regeln zur ambulanten Verordnung von Medikamenten und Hilfsmitteln sind derart kompliziert und ändern sich so oft, dass es praktisch unmöglich ist, sie in den Praxisalltag zu integrieren. Ein niedergelassener Arzt kann nur hoffen, eine gute Computersoftware oder aufmerksame Apotheker an der Hand zu haben, um drohende Regresse zu vermeiden. Als Folge davon werden Patienten von ihren verunsicherten Ärzten mit absurden Aussagen über die Restriktionen der ihnen zustehenden Behandlungsmaßnahmen bombadiert.

Das ambulante Abrechnungssystem ist ein irrwitziges Konglomerat von Regeln, die niemand mehr durchschaut. Selbst die Umstellung auf Euro-Beträge ändert nichts an den hochkomplizierten und unverständlichen Berechnungssystemen. Eine politische Entscheidung, das bürokratische Dickicht zu lichten, steht aus.

Assistenzärzte und Pflegende in Krankenhäusern verbringen einen Großteil ihrer Arbeitszeit mit der Dokumentation auch nebensächlicher Einzelheiten und damit dem Versuch, ihre Anwesenheit im Gesundheitssystem wirtschaftlich zu rechtfertigen und juristisch abzusichern. Die Zeit, die diese Schreibtischarbeit kostet, steht den Patienten nicht zur Verfügung.

Ein kranker Mensch, egal, ob er am Lebensende steht oder „nur“ eine akute Blinddarmentzündung hat, benötigt kompetente Ärzte und Pflegende, die gute, mitunter exzellente medizinische und pflegerische Leistungen erbringen – und die willens und in der Lage sind, mit dem Erkrankten in Kontakt zu treten. Menschen brauchen Zuspruch, Verständnis und jemanden, der ihnen die anstehenden Maßnahmen erklärt. Die Compliance der Betroffenen und damit das Behandlungsergebnis hängen ganz wesentlich davon ab, ob die Notwendigkeit der Maßnahmen plausibel vermittelt werden konnte. Dafür benötigt man Zeit.

Wir brauchen Einrichtungen, die den kranken Menschen und seine Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellen. Das Krankenhaussystem hat sich hingegen dahin entwickelt, dass die ökonomischen Vorgaben die Leistungen und vor allem die Zeit, innerhalb derer diese Leistungen erbracht werden müssen, restlos bestimmen. Das DRG-System, das in seinen „Erfinderländern“ inzwischen längst modifiziert wurde, ist der Exponent dieser Entwicklung. Der Kranke und seine Behandler werden in eine Maschinerie gedrängt, in der ökonomisch hoch effizient medizinische Maßnahmen in möglichst kurzer Zeit erbracht werden. Das ist zutiefst inhuman und bringt Ärzte, Pflegende und die „Dienstleister“ an die Grenze der Erschöpfung und vielfach darüber hinaus. Die Zeit für Zuwendung bleibt auf der Strecke. Die Prämisse der maximalen Effizienz stellt die Bedürfnisse der Menschen auf den Kopf.

Die ausstehende öffentliche Verteilungsdiskussion, die Unfähigkeit, die inhaltlichen und wirtschaftlichen Probleme des Gesundheitswesens zu beheben, und die fehlende Einsicht in die menschlichen Bedürfnisse in der Medizin haben verheerende Konsequenzen. Die im deutschen Gesundheitswesen Tätigen rufen seit Jahren um Hilfe. Es ist tragisch, dass offensichtlich niemand in der Politik und unter den Funktionsträgern erkennt, welche große Not sich hier aufgebaut hat. Kaum jemand arbeitet mehr gerne in diesem Bereich. Ich habe in den letzten Monaten mit vielen Ärzten, Pflegenden und Medizinstudierenden gesprochen. Bei fast allen existiert ein großes Unbehagen bis hin zur tiefen Ablehnung gegenüber dem System. Viele, vor allem Studierende, wollen ins Ausland gehen, weil sie in Deutschland keine Perspektive sehen. Ich teile diese Einschätzung – und habe daraus meine Konsequenz gezogen.

Mit freundlichem Gruß aus Neuseeland Ihr
Dr. med. Christian Robold
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