ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2009Freiberuflichkeit: Einstimmiges Plädoyer für den freien Beruf

DEUTSCHER ÄRZTETAG

Freiberuflichkeit: Einstimmiges Plädoyer für den freien Beruf

Hibbeler, Birgit

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LNSLNS Ärztinnen und Ärzte sollen in medizinischen Fragen unabhängig entscheiden können – frei von den Weisungen nicht ärztlicher Dritter. Der Deutsche Ärztetag hat dazu aufgerufen, diesen Grundsatz zu verteidigen und zu stärken.



TOP III - Der Beruf des Arztes – ein freier Beruf heute und in Zukunft

Wenn man junge Ärztinnen und Ärzte fragt, was sie mit dem Stichwort „Arztberuf als freier Beruf“ anfangen können, dann bekommt man als Antwort oft nur ein Schulterzucken. Bohrt man aber nach, ob sie es wichtig finden, dass Ärzte unabhängig von den Weisungen nicht ärztlicher Dritter handeln, dann ist das Urteil eindeutig: Ärzte dürfen in ihren Therapieentscheidungen nicht von Fremdinteressen beeinflusst werden. Sie sollen nach fachlichen Gesichtspunkten vorgehen.

Grundsatzfragen geraten im Alltag manchmal aus dem Blick. Für die Freiberuflichkeit gilt das wohl auch, weil Ärzte tagtäglich unter Bedingungen arbeiten, die eine freie Berufsausübung gefährden. Umso wichtiger ist es, die eigene Position immer wieder zu bestimmen. Und so hat der 112. Deutsche Ärztetag in Mainz keinen Zweifel daran gelassen: Der Arztberuf ist ein freier Beruf und muss es auch bleiben. Das Ärzteparlament forderte, die Autonomie der Ärzte in ihrer Berufsausübung zu stärken. Dazu müssten Politik und Regierung die notwendigen Rahmenbedingungen schaffen, heißt es im Leitantrag zum dritten Tagesordnungspunkt „Der Beruf des Arztes – ein freier Beruf heute und in Zukunft“, der von den Delegierten einstimmig verabschiedet wurde. Bürokratie und ökonomischer Druck schränkten die Therapiefreiheit immer mehr ein. Doch der Ärztetag stellte klar: „Freiheit und Verantwortung sind das Fundament der Vertrauensbeziehung zwischen Patient und Arzt
Für die Werte kämpfen, die den Arztberuf attraktiv machen: Christoph Fuchs forderte die Delegierten dazu auf, das hohe Gut der Freiberuflichkeit zu verteidigen.
Für die Werte kämpfen, die den Arztberuf attraktiv machen: Christoph Fuchs forderte die Delegierten dazu auf, das hohe Gut der Freiberuflichkeit zu verteidigen.
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„Diese professionelle Autonomie dient einzig und allein dem Interesse der Patienten“, erklärte Prof. Dr. med. Christoph Fuchs, Hauptgeschäftsführer der Bundes­ärzte­kammer (BÄK). Sie gelte im Übrigen nicht nur für freiberuflich niedergelassene Ärzte in eigener Praxis, sondern für alle Ärzte – auch im Krankenhaus, in Medizinischen Versorgungszentren oder bei der Bundeswehr. Fuchs kritisierte, dass die Rahmenbedingungen für eine freie ärztliche Berufsausübung nicht mehr stimmten. Er rief die Ärzte dazu auf, für dieses hohe Gut zu kämpfen. „Ohne Ideale und Visionen gibt es keine Ziele, und eine Ärzteschaft ohne Ziele verliert ihre Orientierung“, sagte Fuchs unter dem Beifall der Delegierten.

Gerade jungen Ärzten und Medizinstudierenden müsse man verdeutlichen, wie wichtig eine freie Berufsausübung sei. „Es gilt, die heranwachsende Ärztegeneration von den Werten des Arztberufs als freier Beruf zu überzeugen und zu begeistern“, mahnte Fuchs. Eben dieses Merkmal mache die ärztliche Tätigkeit attraktiv. Die Ärzte müssten sich dagegen wehren, wenn Klinikträger und Krankenkassen versuchten, die Therapiefreiheit zu beschneiden.

Der BÄK-Hauptgeschäftsführer betonte in seinem Grundsatzreferat, die ärztliche Autonomie sei kein Selbstzweck. „Diese Art von Freiheit ist auf das Engste verbunden mit der Übernahme von fachlicher Verantwortung“, erläuterte er. Sie orientiere sich am Patientenwohl als Primat ärztlichen Handelns. Der Arzt gehe eine Garantenpflicht ein, inklusive einer haftungsrechtlichen Verantwortung. Die ärztliche Tätigkeit beruhe auf professioneller Autonomie mit ethisch begründeten Normen und Werten und hoher fachlicher Kompetenz
Appellierte an die Einheit der Ärzteschaft: der Soziologe Christoph Hommerich. Ansonsten drohe den Ärzten ein dramatischer Machtverlust.
Appellierte an die Einheit der Ärzteschaft: der Soziologe Christoph Hommerich. Ansonsten drohe den Ärzten ein dramatischer Machtverlust.
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Die Freiheit der Ärzte sei keine absolute. Ärzte seien nicht nur dem Patienten, sondern auch dem Gemeinwohl verpflichtet. Außerdem sei die freiheitliche Berufsausübung an öffentlich-rechtliche Pflichten, wie zum Beispiel die Mitgliedschaft in einer Kammer, gebunden. „Denn mit dem Gedanken des Arztes in freier Berufsausübung ist die ärztliche Selbstverwaltung als Organisationsprinzip untrennbar verbunden“, sagte Fuchs. Dass man den Ärzten diese Verantwortung übertrage, sei mit einem Vertrauen des Gesetzgebers und der Gesellschaft verbunden. Der Hauptgeschäftsführer stellte aber auch klar: „Der Gesetzgeber hat sich tunlichst auf die Ausübung von Rechtsaufsicht zu beschränken.“ Er solle keine Fachaufsicht ausüben – auch wenn die staatsmedizinischen Ansätze immer wieder in die Richtung wiesen.

Staatsmedizin ist für Fuchs mit einer freiheitlichen Berufsausübung der Ärzte nicht vereinbar. Sie gefährde vielmehr die ärztliche Autonomie. So habe Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt (SPD) bereits im Jahr 2003 bei einer Pressekonferenz in Berlin gefordert, man müsse „endlich Schluss machen mit der Ideologie der Freiberuflichkeit“. Doch nach der Bundesärzteordnung und der (Muster-)Berufsordnung sei der Arztberuf kein Gewerbe, sondern seiner Natur nach ein freier Beruf. „Darüber kann sich auch eine Ge­sund­heits­mi­nis­terin nicht einfach hinwegsetzen“, betonte Fuchs. Die Ärzte dürften keine Erfüllungsgehilfen werden, die Listenmedizin nach Finanzierungsgesichtspunkten betrieben. Gerade im Wahljahr müssten die Ärzte schonungslos die staatsmedizinischen Ziele der Ministerin entlarve
Dass Leitlinien und eine freie Berufsausübung miteinander vereinbar seien, stellte die Delegierte Vittoria Braun klar.
Dass Leitlinien und eine freie Berufsausübung miteinander vereinbar seien, stellte die Delegierte Vittoria Braun klar.
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n.

Therapiefreiheit gerät immer mehr in Gefahr
Die Ärzte gerieten in zweierlei Hinsicht unter Druck: Einerseits sei von Wettbewerb und Gesundheitswirtschaft die Rede, andererseits würden die staatliche Lenkung und die sozialrechtliche Einbindung immer enger. „Für einen freien Beruf sind solche Rahmenbedingungen nicht nur widersprüchlich, sie sind völlig kontraproduktiv“, monierte Fuchs. Aus Sicht des BÄK-Hauptgeschäftsführers sind die Freiberuflichkeit und Unabhängigkeit der Ärzte die Basis für ihre Glaubwürdigkeit.

Auch der Gastredner Prof. Dr. rer. pol. Christoph Hommerich, Fachhochschule für öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen, betonte, wie wichtig das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient sei. „Die fachliche Unabhängigkeit der Ärzte, ihre konsequente Bindung an eine differenziert begründete Berufsmoral sind zentrale Voraussetzungen dafür, dass wir dem Gesundheitssystem vertrauen.“

Vertrauen der Bürger in das Gesundheitswesen schwindet
Der Soziologe stellte dar, dass Menschen in vielen Situationen auf Experten, wie Ärzte, Anwälte oder Architekten, angewiesen seien. Ansonsten seien Laien überfordert. Voraussetzung dafür, dass Systeme, die auf dem Wissen von Experten basieren, funktionierten, sei aber immer das Vertrauen derjenigen, die es in Anspruch nähmen. „Vertrauen reduziert Komplexität“, so Hommerich. Misstrauen hingegen führe zur Erosion dieser Systeme. Vertrauen sei unterdessen ein zentrales gesellschaftliches Bindeglied.

In der heutigen Gesellschaft beobachtet Hommerich einen Vertrauensverlust – auch im Gesundheitswesen. „Systeme, die fortlaufend irritierende Signale aussenden, die niemand mehr versteht, begründen ausgeprägtes Misstrauen“, gab er zu bedenken. Als Beispiel nannte er den Begriff „morbiditätsorientierter Risiko­struk­tur­aus­gleich“, unter dem sich ein Laie kaum etwas vorstellen könne. Das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient werde außerdem durch eine Trivialisierung der
„Wir haben die Freiberuflichkeit längst verloren“, kritisierte Anne Gräfin Vitzthum.
„Wir haben die Freiberuflichkeit längst verloren“, kritisierte Anne Gräfin Vitzthum.
Medizin als Dienstleistung in der „gesundheitsökonomischen Branche“ gefährdet. Ein Arzt sei aber nur dann glaubwürdig, wenn klar sei, dass er das Vertrauen des Patienten nicht ausnutze und opportunistisch handle. Eine weitere Bedingung sei die konsequente Fachlichkeit. Der Arzt müsse zudem unabhängig von Fremdinteressen bleiben, wer auch immer sie artikuliere, verlangte der Wissenschaftler. Nur dann könnten Glaubwürdigkeit und Vertrauen entstehen. „Deswegen müssen Bedingungen geschaffen werden, unter denen Ärzte Verantwortung übernehmen und Verantwortlichkeit entwickeln können“, sagte Hommerich.

Ärzte übernähmen eine besondere Verantwortung, denn sie seien keineswegs nur Wissensanwender. Die Medizin sei eine praktische Wissenschaft. Jenseits aller wissenschaftlichen Erkenntnisse bleibe die Notwendigkeit, aus der eigenen Erfahrung heraus zu entscheiden. Ärzte handelten zum Wohl der Patienten – in dem Bewusstsein, dass diese Laien seien und als Betroffene außerdem ihre Urteilsfähigkeit einbüßten. Schon deshalb sei die Fiktion vom mündigen Patienten irreführend.

Mit seinen Ausführungen traf Hommerich den Nerv der Ärzte-tagsteilnehmer. So forderte Dr. med. Bernhard Lenhard, Saulheim, der Trivialisierung des Arztberufs entgegenzuwirken. Immer häufiger werde der Begriff „Leistungserbringer“ verwendet, kritisierte er. „Wir sind Ärzte und wollen Ärzte bleiben“, stellte Lenhard klar. In einem entsprechenden Beschluss forderte der Ärztetag, in Gesetzestexten sollten Ärzte auch wieder als solche bezeichnet werden und nicht als Leistungserbringer.

Einigen Delegierten war das Bild der Arzt-Patienten-Beziehung, das Hommerich zeichnete, allerdings zu paternalistisch. Prof. Dr. med. Vittoria Braun, Berlin, hob hervor, wie wichtig ein partnerschaftliches Verhältnis von Arzt und Patient sei. Die Rolle des mündigen Patienten wollte sie nicht infrage gestellt wissen. Auch legte sie Wert darauf, dass Leitlinien und evidenzbasierte Medizin nicht im Widerspruch zur Freiberuflichtkeit stünden. „Wir sollten Wissenschaftlichkeit und Verantwortung verknüpfen und nicht auseinanderdividieren“, sagte Braun.

Manch ein Ärztevertreter hatte auch grundsätzliche Einwände in der Debatte. „Die Freiberuflichkeit haben wir längst verloren“, beklagte Dr. med. Anne Gräfin Vitzthum, Weinstadt. Die Entscheidungen im Gesundheitswesen träfen nicht mehr in erster Linie die Ärzte. „In welcher Klinik ist der Chef noch wichtiger als der Verwaltungsdirektor?“, fragte sie. Im niedergelassenen Bereich sei die Lage nicht besser. Die Ärzte akzeptierten die Mangelverwaltung. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung sei ein Rädchen im System, das nichts ausrichten könne. Vitzthum verteidigte vor diesem Hintergrund den Abschluss von Hausarztverträgen. Für Diskussionen hatte eine Formulierung in einem der Anträge gesorgt, in dem davon die Rede war, dass in Selektivverträgen „die teilweise Aufgabe der Therapiefreiheit durch monetäre Anreize gefördert wird“. Der Satz wurde mit einer knappen Mehrheit von 114 zu 94 gestrichen.

Für eine Revitalisierung der ärztlichen Selbstverwaltung sprach sich Dr. med. Franz-Joseph Bartmann, Präsident der Ärztekammer Schleswig-Holstein, aus. „Freiberuflichkeit und Selbstverwaltung sind Begriffspaare, die nicht voneinander zu trennen sind.“ Mit den Selektiv-verträgen hätten die Kostenträger nun neue Steuerungsmöglichkeiten erhalten. Den Hausärzten könne niemand vorwerfen, dass sie diese Möglichkeit nutzten. Doch man dürfe die langfristigen Folgen nicht aus den Augen verlieren. Die Kassenärztlichen Vereinigungen seien nicht ohne Grund entstanden, sondern, um die niedergelassenen Ärzte als Einheit gegenüber den Kassen zu vertreten.

Auch Hommerich appellierte an die Ärzte, ihre Anliegen gemeinsam zu vertreten. Autonomie lasse sich nur durch Kollegialität sichern. Wenn einzelne Gruppen nur die eigenen Interessen verträten, dann drohe der Ärzteschaft ein dramatischer Machtverlust.
Dr. med. Birgit Hibbeler

Referate von Christoph Fuchs und Christoph Hommerich im Internet:
www.aerzteblatt.de/091091

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