ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2009Tätigkeitsbericht: Themenfülle in Rekordzeit

DEUTSCHER ÄRZTETAG

Tätigkeitsbericht: Themenfülle in Rekordzeit

Krüger-Brand, Heike E.; Richter-Kuhlmann, Eva

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Höchste Kon-zentration biszum Schluss:Jörg-Dietrich Hoppeleitete die Bera-tungen in Mainzgewohnt souverän.
Höchste Kon-zentration biszum Schluss:Jörg-Dietrich Hoppeleitete die Bera-tungen in Mainzgewohnt souverän.
Besonderes Augenmerk der Delegierten lag in diesem Jahr auf der Ausbildung des medizinischen Nachwuchses.

TOP VIII - Tätigkeitsbericht der Bundes­ärzte­kammer

W ie in jedem Jahr hatten die Delegierten am letzten Sitzungstag eine Antragsflut zu bewältigen. Etwa 120 Anträge mussten dieses Mal im Rahmen des Tätigkeitsberichts abgestimmt werden. Sie beschäftigten sich unter anderem mit den Themen Ausbildung, Qualitätssicherung, Arzneimittel, Ethik und Kinderschutz.

Ausdrücklich setzte sich der Deutsche Ärztetag für eine Verbesserung der Ausbildungsbedingungen und Ausbildungsqualität im praktischen Jahr (PJ) ein. Es sei nicht hinnehmbar, dass Medizinstudierende nach fünf Jahren intensiven Studiums als billige Arbeitskräfte missbraucht würden, meinten die Delegierten. Im Zentrum des PJ müsse stattdessen die praktische Ausbildung am Patienten stehen. Auch dürften Medizinstudierende im PJ nicht als Ersatz für fehlende Ärztinnen und Ärzte in unterbesetzten Abteilungen eingesetzt werden. Der Ärztetag verwies auf die Folgen der derzeit geringen Anerkennung und Wertschätzung: Immer mehr Nachwuchsärzte wendeten sich nach dem Studium von der kurativen Medizin ab.

Die Wünsche der Nachwuchsmediziner unterstrich als geladener Gast der Präsident der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd), Dominique Quart. „Es darf nicht mehr von der Laune des Ausbilders abhängen, was wir im PJ lernen“, erklärte er. Um dies zu erreichen, habe die bvmd ein Papier mit Qualitätsstandards zur Ausbildung im PJ verabschiedet. Zu diesen gehörten definierte Ausbildungsziele, eine gute Betreuung der Studierenden mit direkten Verantwortlichkeiten sowie die Möglichkeit, an allen Lehrkrankenhäusern in Deutschland tätig zu sein.

Vielen dieser Forderungen schloss sich der 112. Deutsche Ärztetag an. In seinen Beschlüssen plädierte er dafür, die regionale Bindung während des PJ aufzuheben, die Ausbildungsinhalte und die zu erlernenden praktischen Fertigkeiten bundeseinheitlich zu definieren sowie den Medizinstudierenden in diesem Ausbildungsabschnitt eine angemessene Ausbildungspauschale zu zahlen.

Die Einführung eines Bachelor-studiengangs in der Medizin lehnte der 112. Deutsche Ärztetag dagegen entschieden ab. „Das einheitliche und hochwertige Medizinstudium mit dem Abschluss ‚Staatsexamen‘ muss erhalten bleiben, da der Bachelor in der Medizin keinen berufsqualifizierenden Abschluss darstellt“, heißt es in einem entsprechenden Beschluss, den die Delegierten mit einer großen Mehrheit verabschiedeten. Aus ihrer Sicht ist mit der neuen Approbationsordnung bereits die Basis für die geforderte Verknüpfung von theoretischen und praktischen Ausbildungsabschnitten geschaffen worden. Ihre konsequente Umsetzung müsse an den medizinischen Fakultäten erfolgen. Auch garantiere eine EU-Richtlinie die Anerkennung von Studienabschlüssen für die Medizin und somit auch die Mobilität in Europa.

Ferner befasste sich der Ärztetag mit dem Thema Qualitätssicherung. Für wünschenswert hält er die Weiterentwicklung der sekto-renübergreifenden, vergleichenden Qualitätssicherung. Allerdings dürfe sich diese nicht auf Vergleiche zwischen Krankenhäusern und Arztpraxen beschränken. Damit lasse sich zwar der Markt steuern und in gewissem Maß bereinigen, doch zentrale Fragen zur Versorgungsqualität und Sicherstellung einer flächendeckenden medizinischen Versorgung blieben unbeantwortet.

Ferner sprach sich das Ärzteparlament dafür aus, dass Daten nur dann dokumentiert werden sollten, wenn sich daraus später tatsächlich handlungsrelevante Erkenntnisse ableiten ließen. Mindestmengen-vorgaben bei der Versorgung von Früh- und Neugeborenen auf Intensivstationen sahen die Delegierten des Ärztetages kritisch. Sie lehnten deshalb die vom Gemeinsamen Bundes­aus­schuss geplante Verschärfung der Regelmäßigkeitszahl von mindestens zwölf Behandlungsfällen pro Jahr ab.
Rekordverdäch-tig:Etwa 120 An-träge stimmten dieDelegierten in gutvier Stunden ab.
Rekordverdäch-tig:Etwa 120 An-träge stimmten dieDelegierten in gutvier Stunden ab.

Kritik übten die Delegierten auch an der Kosten-Nutzen-Bewertung durch das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Der Fokus seiner Bewertungen sollte nicht nur auf den Kosten, sondern auch auf dem Wert der Arzneimittelinnovation für die Versorgungsqualität und Patientenzufriedenheit liegen.

Ebenfalls kritisiert wurde in Mainz das von der Europäischen Kommission geplante Pharmapaket. Es sei ein Versuch der Pharmaindustrie, Wege für eine direkte Bewerbung der Patienten zu finden. Für die Ärzteschaft sei dies jedoch kein akzeptabler Weg der Patienteninformation, da diese nur schwer einschätzen könnten, wie neutral, glaubwürdig und aktuell Gesundheitsinformationen seien. Gleichzeitig forderte der Ärztetag einen erleichterten Zugang zu unabhängigen, kostenlosen Arzneimittelinformationen für Ärztinnen und Ärzte. Ferner soll die Bundesregierung zusätzliche finanzielle Mittel für die Forschung im Bereich Arznei­mittel­therapie­sicherheit zur Verfügung zu stellen.

Auf Wunsch von Leistungssportlern stellte der Ärztetag klar: Doping widerspricht dem ärztlichen Ethos. Ärzte, die sich aktiv an Dopingpraktiken beteiligten, sollten im Rahmen des Arzneimittelgesetzes rechtlich belangt werden. Sportverbände sollten ihre Sportler verpflichten, den Verbandsarzt im Dopingfall von der Schweigepflicht zu entbinden, forderten die Delegierten.

In einem Antrag rief der Deutsche Ärztetag die Kassenärztliche Bundesvereinigung, die Deutsche Krankenhausgesellschaft, den GKV-Spitzenverband und den Verband der privaten Kran­ken­ver­siche­rung dazu auf, in enger Abstimmung mit der Bundes­ärzte­kammer zeitnah eine gemeinsame Vereinbarung zur Weiterentwicklung des Förderprogramms Allgemeinmedizin abzuschließen. Er appellierte ferner an die zugelassenen ambulanten und stationären Weiterbildungsstätten und befugten Ärzte, flächendeckend regionale Weiterbildungsverbünde für Allgemeinmedizin zu gründen.

Nachhaltig lehnte der Deutsche Ärztetag den ärztlich assistierten Suizid ab, ebenso die organisierte, gewerbliche beziehungsweise kommerzielle Beihilfe zum Suizid durch sogenannte Sterbehilfeorganisationen.

Um die ambulante Versorgung am Krankenhaus gemäß § 116 b SGB V umzusetzen und die sektorenübergreifende Kooperation im Gesundheitswesen zu verbessern, ist es nach dem Beschluss der Delegierten erforderlich, die jeweils vor Ort in Klinik und Praxis tätigen Ärzte und die ärztliche Selbstverwaltung in alle Entscheidungen einzubeziehen. Der Deutsche Ärztetag bat die Bundes­ärzte­kammer, ein Positionspapier zur Zukunft der fachärztlichen Versorgung zu entwickeln, bei dem Qualität und Sicherstellung der wohnortnahen Versorgung im Mittelpunkt stünden.

In mehreren Entschließungen sprachen sich die Delegierten gegen einen kommerziellen Kindesmissbrauch durch Fernsehproduktionen und Werbeaktionen aus und forderten in diesem Zusammenhang den Sender RTL auf, die geplante TV-Serie „Erwachsen auf Probe“ nicht auszustrahlen. An Medien und Werbeagenturen wurde appelliert, mehr Sensibilität im Umgang mit Kindern und deren Rechten zu entwickeln. Das Wohl der Kinder müsse in jedem Fall oberste Priorität vor kommerziellen Interessen haben. Ferner unterstützte der Deutsche Ärztetag ausdrücklich die Gesetzesinitiative der Bundesregierung zur „Bekämpfung der Kinderpornografie in Kommunikationsnetzen“ und forderte den Gesetzgeber auf, Kinder und Jugendliche umfassend vor sexueller Ausbeutung zu schützen.

Damit Risikofaktoren für eine ungünstige Kindesentwicklung frühzeitig erkannt werden, plädierte das Ärzteparlament für eine Überarbeitung des § 26 SGB V zu Kinderuntersuchungen und der dazugehörigen Kinder-Richtlinien. Bislang stehen vor allem Krankheiten, die die körperliche oder geistige Entwicklung des Kindes gefährden, im Vordergrund, nicht jedoch Risikofaktoren, die zur Entstehung chronischer Krankheiten beitragen. Künftig sollen die Identifikation von Bewegungs- und Ernährungsmängeln, Belastungen durch Passivrauchen sowie psychische und psychosomatische Belastungen und die Beratung der Eltern zentraler Bestandteil der Kinderuntersuchungen werden.

Der Deutsche Ärztetag lehnte den Direktzugang zum Physiotherapeuten und anderen Heilmittelerbringern aus Gründen der Patientensicherheit ab. Physiotherapeutische Maßnahmen beziehungsweise Heilmittel müssten Teil der ärztlich verantworteten Diagnostik und Therapie auf der Basis einer differenzialdiagnostisch begründeten Indikation und Verordnung bleiben, meinten die Delegierten. Ein Direktzugang würde die notwendige Steuerungsfunktion des Arztes für nachfolgende Behandlungen unterlaufen und berühre zudem den Arztvorbehalt.

Die Dokumentation aller unter TOP VIII angenommenen Anträge kann in diesem Heft nachgelesen werden.
Heike E. Krüger-Brand
Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann
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