ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2009Persönliche Eindrücke: Was am Ende übrig bleibt

DEUTSCHER ÄRZTETAG

Persönliche Eindrücke: Was am Ende übrig bleibt

Meißner, Marc

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Heidrun Gitter, Delegierte aus Bremen – „Beim Thema Arzneimittelforschung hätte ich mir ein wenig mehr Mut gewünscht.“
Heidrun Gitter, Delegierte aus Bremen – „Beim Thema Arzneimittelforschung hätte ich mir ein wenig mehr Mut gewünscht.“
Vier Delegierte sprachen mit dem Deutschen Ärzteblatt über ihre Erwartungen im Vorfeld des Deutschen Ärztetages und über ihr persönliches Resümee am Ende der Debatten.

Dr. med. Heidrun Gitter ist aus Bremen nach Mainz gereist. Mit hohen Erwartungen geht sie in den Ärztetag. „Spannend stelle ich mir das Thema Menschen mit Behinderungen zusammen mit dem Thema Priorisierung vor“, sagt sie gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. „Dies eröffnet uns die Chance, sachlich aufzudecken, dass wir schon eine heimliche Rationierung und Priorisierung haben – und zwar so, dass auch die Öffentlichkeit das verstehen kann.“ Gitter vertritt in Mainz die Ärzte aus Bremen und ist zum 16. Mal Delegierte bei einem Ärztetag.

Am 19. Mai um zehn Uhr hatte Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, Präsident der Bundes­ärzte­kammer, in der Mainzer Rheingoldhalle den 112. Deutschen Ärztetag eröffnet. 250 Delegierte sind in die Landeshauptstadt gekommen, um über die dringlichsten Belange der Ärzteschaft zu beraten. Die Schwerpunktthemen sind in diesem Jahr Rationierung und Priorisierung, die Freiheit des Arztberufs, die medizinische Versorgung von Menschen mit Behinderungen sowie die Weiter­bildungs­ordnung mit einem großangelegten Evaluationsprojekt.

Dr. med. Ingmar Hornke aus Niedernhausen in Hessen ist zum ersten Mal dabei, aber trotzdem wenig optimistisch. „Ich habe keine großen Erwartungen an den Deutschen Ärztetag, sondern bin jetzt schon desillusioniert“, kommentiert er seine ersten Eindrücke aus dem Plenarsaal. „Ich erlebe, dass wir auf eine sehr unsachliche und unfähige Art auf Herausforderungen der Politik reagieren. Letzten Endes führen wir eine Diskussion innerhalb der Ärzteschaft, die nicht weit von einem Krieg entfernt ist.“

Ingmar Hornke, Delegierter aus Niedernhausen – „Ich habe keine großen Erwartungen an den Deutschen Ärztetag.“
Ingmar Hornke, Delegierter aus Niedernhausen – „Ich habe keine großen Erwartungen an den Deutschen Ärztetag.“
Enthusiastischer geht Dr. med. Dieter Mitrenga aus Köln in den Ärztetag. „Wir werden in einer großen Debatte deutlich die Beziehung zwischen Rationierung, die bereits da ist, und der sich aus diesem Dilemma ergebenden Priorisierung besprechen. Man muss das strikt trennen, denn ohne Rationierung bräuchten wir keine Priorisierung“, erläutert Mitrenga, der schon mehr als 25 Mal Delegierter auf einem Ärztetag war. „Das dringend zu klären, finde ich hochwichtig, und ich bin gespannt, wie wir das als Ärzteschaft hinbekommen.“

Auch Dr. med. Dolores de Mattia aus Schönewald stellt hohe Erwartungen an die Priorisierungsdebatte. „Ich denke, dass die klare Formulierung, dass wir eine Priorisierung brauchen, um noch die notwendige Versorgung für alle sicherstellen zu können, allmählich akzeptiert werden wird.“ Für sie ist es die vierte Teilnahme an einem Ärztetag als Delegierte aus Schleswig-Holstein.

Dieter Mitrenga, Delegierter aus Köln – „...ohne Rationierung bräuchten wirkeine Priorisierung.“
Dieter Mitrenga, Delegierter aus Köln – „...ohne Rationierung bräuchten wirkeine Priorisierung.“
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Am Freitag, dem 22. Mai, um 15.35 Uhr enden nach vier Tagen die Beratungen. Die Delegierten haben über mehr als 200 Anträge diskutiert und abgestimmt, darunter Entscheidungen zur Berufs- und Gesundheitspolitik, Weiterbildung, E-Card, dem Finanzhaushalt und zu vielem mehr.

„Spannend war die Diskussion um Rationierung und Priorisierung. Die Beklemmung, die wir alle dabei spürten, wurde besonders bei dem Thema Umgang mit behinderten Menschen deutlich“, zieht Gitter ihr persönliches Fazit. „Beim Thema Arzneimittelforschung hätte ich mir ein wenig mehr Mut gewünscht. Es wäre öffentlichkeitswirksamer gewesen, wenn wir uns dazu deutlicher positioniert hätten.“

Eine durchweg positive Bilanz zieht Mitrenga: „Ein Highlight war das Thema Menschen mit Behinderungen. Dort ist es gelungen, deutlich zu machen, worum es den Ärzten geht und dass sie sich nicht nur mit Geldverdienen beschäftigen.“ Darüber hinaus lobt er die Diskussion um die Priorisierung. „Es ist klar geworden, dass die deutsche Ärzteschaft keine Priorisierung fordert, sondern dass es eher ein Ausweg ist und eine Diskussionsbasis, die die Politik hoffentlich dazu zwingt, mit uns über die richtigen Schritte nachzudenken.“

Dolores de Mattia,Delegierte aus Schönewald – „...es muss ein gesellschaftlicher Konsens darüber bestehen, was wir uns leisten wollen.“
Dolores de Mattia,Delegierte aus Schönewald – „...es muss ein gesellschaftlicher Konsens darüber bestehen, was wir uns leisten wollen.“
„Ich bin nicht glücklich über die Art und Weise, wie die Arztgruppen miteinander umgehen, wie hier zum Teil polarisiert wird“, fasst Hornke seine Eindrücke zusammen. Obwohl er mit den Abstimmungsergebnissen weitgehend zufrieden ist, fehlt es ihm gerade bei der Priorisierung an Deutlichkeit. „Ein klare Entschiedenheit und eine tiefgründigere Abwägung der Delegierten rund um die Fragen der Priorisierung hätten mir persönlich besser gefallen. Ich glaube, dass wir in sehr vielen Punkten an der Oberfläche geblieben sind.“ Kritisch äußert er sich über die Plenarveranstaltung, die keinen ausreichenden Rahmen für eine sachgerechte Diskussion der Probleme biete. „Die Frage nach der Reformfähigkeit des Gesamtsystems sowie ehrliche und offene Ansätze, was wir als Ärzte oder Ärzteschaft besser machen können – das fehlt mir im Moment.“

De Mattia wurde das Thema der Freiberuflichkeit von Krankenhausärzten nicht deutlich genug diskutiert: „Der Abbau der Freiberuflichkeit hat auch dort Folgen.“ Während der nächsten Ärztetage muss ihrer Meinung nach genauer darauf eingegangen werden, „inwieweit gewinnorientierte, private Klinikketten Einfluss auf die Entscheidungen von Klinikärzten nehmen“. Zufrieden ist sie mit der Art und Weise, wie das Thema Priorisierung behandelt wurde. „Erfreulich war, dass die Diskussion um die begrenzten Ressourcen ehrlicher geführt wurde und die Notwendigkeit der Priorisierung eine breite Akzeptanz gefunden hat. Wir akzeptieren die Mittelknappheit, aber es muss ein gesellschaftlicher Konsens darüber bestehen, was wir uns leisten wollen und was nicht.“

Im Mai 2010 wird die nächste Haupt­ver­samm­lung der Bundes­ärzte­kammer in Dresden stattfinden. Schwerpunktthema ist dann die „Ärztliche Kollegialität in der Patientenversorgung“.
Dr. rer. nat. Marc Meißner

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