SUPPLEMENT: Reisemagazin

ANDALUSIEN: Ritt nach El Rocio

Dtsch Arztebl 1997; 94(21): [12]

Albert, Elisabeth

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LNSLNS Am Mittwochabend erreichen wir nach langem Ritt, aus Jerez de la Frontera kommend, San Lucar de Barrameda am Guadalquivir. Hier sammelt sich der Pilgerzug - es werden 70 000 Menschen geschätzt -, um nach der Flußüberquerung in zwei Tagesmärschen durch das Naturschutzgebiet der Coto de Donana zur Kirche in El Rocio zu ziehen.
Doch zurück zum Ufer des Guadalquivir: Hier drängen sich Bruderschaften mit blumengeschmückten Ochsenkarren, Maultiergespanne, Geländewagen mit Bergen von Matratzen auf den Dachgepäckträgern, Reiter auf edelsten Andalusiern, Traktoren mit bunt herausgeputzten Anhängern, die neben Sitzbänken für die Mitfahrenden Kühlschränke voll Sherry und Essen beherbergen, eine Gruppe hoch beladener Esel, aus Ceuta kommend, Pilger zu Fuß mit dem Busch am Wanderstecken, dunkelhäutige Frauen in weiten bunten Kleidern, lachende Männer in der traditionellen andalusischen Reitkleidung, Kinder, Zurufe von Wagen zu Wagen, das Schnauben der Pferde, Musik, Motorengeräusch . . . ein buntes Treiben bis spät in die Nacht hinein. Am nächsten Morgen stehe ich selbst mit einer Schimmelstute eingekeilt auf der Fähre . . . und dann beginnt auf der anderen Seite der eigentliche Ritt:
Der sandige schmale Weg windet sich durch lichte Nadelwälder, über mächtige Sanddünen, über weite, flache, strauchbestandene Flächen, immer wieder Durchblicke auf den Fluß mit Schilf und Sumpfwiesen freigebend, ein Gehöft, an dessen Brunnen unsere Pferde trinken können - dies alles bildet den Hintergrund zum schier endlosen Zug der Wallfahrer. Überall wird gesungen und gelacht, kleine Gruppen versammeln sich neben der Spur zu einer Pause mit Sherry und Pastas, tanzen Sevillanas, Reiter überholen die schwerfälligen Ochsengespanne, ein Traktor schleppt einen festgefahrenen Geländewagen wieder frei. Ich lasse mich von der Stimmung gefangennehmen, gehe ganz im Rhythmus dieses Tages auf.
Am Abend erreichen wir den Rastplatz: Tausende von Wagen und Zelten bilden ein malerisches Durcheinander; dazwischen abgesattelte Pferde, ruhende Ochsen, Mensch und Tier warten an der Wasserstelle, der Geruch von Gebratenem und Kaffee über dem Ganzen, der bläuliche Rauch der Feuer in den Abendhimmel aufsteigend. Selbst als sich bereits der Sternenhimmel über diese Szene spannt, treffen immer noch neue Wagen ein. Aus den Zelten ertönen Musik, Händeklatschen, der mitreißende Rhythmus der Sevillanas, Beifallsrufe, Stimmengewirr; irgendwo wiehern Pferde. Es entsteht eine alles durchdringene Symphonie, die mich schwerelos macht und mir Flügel verleiht. Ich suche meine Schimmelstute auf und kraule ihr die Mähne - sie holt mich mit einem Stupser ihrer Nase wieder auf die Erde zurück.
Am nächsten Morgen, als es im Lager wieder lebendig wird, sind Marion und ich mit Sherry zur "Rociera" getauft und haben einen neuen spanischen Namen erhalten. Wir sind noch klamm von der Kühle der Nacht, aber wenige Stunden später sitzen wir wieder im Sattel und werden heute abend in El Rocio eintreffen. Morgen, am Pfingstsamstag, wird dort das große Fest beginnen . . .
Dr. med. Elisabeth Albert
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