ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2009Arztgeschichte: Nur mal eben kurz in die Werkstatt

SCHLUSSPUNKT

Arztgeschichte: Nur mal eben kurz in die Werkstatt

Dtsch Arztebl 2009; 106(22): [108]

Koritsch, H.-Dieter

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Zeichnung:Elke R.Steiner
Zeichnung:Elke R.Steiner
„Fahrzeugtyp, Schaden, Name, Adresse . . . Adresse?“ „Doktor Wierckes mit ih – eh und ce – ka“, macht der junge Mann aufmerksam.

Er will schnell in die Stadt. Der Lada hinter ihm hupt und fährt dicht auf, als wolle er nachhelfen. Eine seiner Blinkleuchten links, so sieht er, scheint wohl nicht in Ordnung zu sein. Also: Geradeaus weiter und nachschauen . . . Richtig! Das linke hintere Blinklicht ist ausgefallen. Ein Stück weiter ist eine Werkstatt. „Autolicht Fischer“.

Er steuert seinen „Trabbi“ vorsichtig in den Hof der Werkstatt, die direkt an der Hauptstraße liegt. Er betritt die Halle, wo sein Blick auf etwa ein Dutzend sorgfältig geputzter Autos fällt, die in Reih und Glied stehen. Am anderen Ende der Halle glaubt er hinter einer leicht geöff-neten Tür gedämpfte Stimmen zu hören. Richtig. Etwa ein Dutzend Männer und Frauen steht in einer Reihe vor einem Podest. Niemand scheint zu bemerken, dass er sich der Schlange anschließt. Während der Mann hinter dem Tisch, den einige höflich mit „Herr Fischer“ anreden, Reparaturaufträge entgegennimmt, beschneidet und kommentiert, bröckelt die Schlange vorn langsam ab. Hinter ihm reihen sich noch einige schweigend ein.

Als er endlich selbst vor dem Tisch steht, zögert er noch ein wenig. Der Mann hinter dem Tisch schaut in das geöffnete Buch, bedeutet aber durch leichte Seitwärtsneigung seines Kopfes, dass er etwas zu hören wünscht . . . „Ich bin auf der Durchreise“, übertreibt der Mann vor dem Tisch ein wenig, „und habe eben bemerkt, dass mein linkes Blinklicht ausgefallen ist . . . Ich dachte, ein Fachmann könnte vielleicht schnell . . . mal . . .“ „Wie stellen Sie sich das eigentlich vor, junger Mann?“, unterbricht ihn der andere, wobei er langsam seinen Kopf hebt und die Handfläche der freien Hand unter das Kinn schiebt. „Wir haben doch Wartezeiten. Alles schön der Reihe nach.“ Der junge Mann beginnt, ein bestätigendes Nicken der Übrigen im Rücken zu spüren. „Vielleicht könnten Sie dann“, gibt er zu bedenken, „einen Termin für mich . . .“ Die Haltung des Herrn Fischer entspannt sich dadurch spürbar. „Das können wir natürlich“, lässt er sich vernehmen und holt unter dem Tisch etwas umständlich ein zweites Buch hervor, das er aufschlägt. Er nennt einen Termin im Januar, den sich der junge Mann notiert, und stellt dann weitere Fragen: „Fahrzeugtyp, Schaden, Name, Adresse . . . Adresse?“ „Doktor Wierckes mit ih – eh und ce – ka“, macht der junge Mann aufmerksam.

Daraufhin erhebt sich Herr Fischer langsam und mit erkennbarer Anstrengung von seinem Sessel. Als er zum Stehen kommt, schaut er mit den Augen über den oberen Rand seiner Brille den jungen Mann aus nächster Nähe an. „Das hätten Sie doch gleich sagen können“, sagt er mit sich fortwährend hebender Stimme. Obwohl er leise begonnen hat, verleiht eine freudige Erregung seinen Worten zunehmende Gewalt. „Meine Frau ist doch bei Ihnen in Behandlung und war sehr zufrieden. Das ist ja heute nicht so einfach. Der haben Sie vorigen Monat einen Zahn gemacht.“ Ziemlich behände öffnet er nun eine Tür hinter sich und ruft laut in einen Nebenraum: „Fritz, Fritz . . . , wo ist denn der Fritz ?“ Er gibt Anweisung, ihn zu holen. Durch die geöffnete Tür ist zu hören, wie er Fritz schließlich anweist: „Der Doktor hier hat einen ganz kleinen Schaden, an seinem Auto!“

„Ich muss etwas richtig stellen“, kommt anschließend der Doktor wieder zu Wort. „Ich bin Nervenarzt. Sie halten mich für meinen Bruder, der Zahnarzt ist.“ „Um Gottes Willen“, wendet Herr Fischer lachend ein. „Damit wollen wir nichts zu tun haben. Macht aber nichts. Gehen Sie mal zu Fritz auf den Hof.“

Dieser findet dann mit einigen Handgriffen schnell den Fehler.
Dr. med. H.-Dieter Koritsch
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