MEDIZIN: Diskussion

Leukämien bei unter 5-jährigen Kindern in der Umgebung deutscher Kernkraftwerke: Schlusswort

Childhood Leukemia in the Vicinity of Nuclear Power Plants in Germany: In reply

Dtsch Arztebl Int 2009; 106(23): 394; DOI: 10.3238/arztebl.2009.0394b

Kaatsch, Peter

Die Leserbriefe geben einen Teil der Brandbreite von Kommentaren wieder, wie sie im Kontext mit unserer in internationalen und nationalen Peer-review-Journalen publizierten Kernkraftwerkstudie (1, 2, 3) sehr vielfältig diskutiert wurden. Insofern stellen die genannten Aspekte für uns keine neuen Sichtweisen dar. Wichtig ist uns, noch einmal darauf hinzuweisen, dass die Aussage im Leserbrief der IPPNW-Vertreter, dass andere Ursachen als die Emission aus Kernkraftwerken in unserer Studie ausgeschlossen werden konnten, auf einem Missverständnis beruht. Wie wir immer wieder dargestellt haben, konnten in unserer Studie potenzielle Einflussfaktoren leider überhaupt nicht analysiert werden. Zwischen den Aussagen, ob ein Einfluss von Faktoren erst gar nicht auswertbar ist oder ob mögliche Einflussfaktoren ausgeschlossen werden können, besteht ein gewichtiger Unterschied. In der von IPPNW zitierten Publikation aus dem Jahr 2006 (4) haben wir dazu bereits geschrieben, dass unsere Studie nicht zur Untersuchung von allgemeinen Risikofaktoren herangezogen werden kann. Es mag richtig sein, dass Kinder eine andere Strahlensensibilität aufweisen als Erwachsene. Deshalb macht es durchaus Sinn, die vorhandenen anerkannten Berechnungsmodelle zu Dosisabschätzungen zu hinterfragen und möglicherweise durch bessere Modelle zu ersetzen. Insofern sind wir dankbar, dass sich die Strahlenschutzkommission mit ihrer breiten strahlenbiologischen und strahlenphysikalischen Expertise mit diesen Fragen beschäftigt (5) – nicht zuletzt veranlasst durch unsere Studie. Der Vorschlag eines Leserbriefschreibers, das Knochenmark verstorbener leukämiekranker Kinder in der Nähe von Kernkraftwerken zu untersuchen, mag attraktiv erscheinen, scheitert jedoch an der (glücklicherweise) geringen Zahl betroffener Kinder: In der Fünf-Kilometer-Region um die 16 zugrunde gelegten Kernkraftwerke sind innerhalb von 24 Jahren 37 Leukämien bei Kindern unter 15 Jahren aufgetreten. Generell stirbt etwa ein Viertel der Kinder aufgrund ihrer Leukämieerkrankung. Um eine solche Studie durchzuführen, würde man also in den nächsten zehn Jahren nicht mehr als vier Kinder zur Verfügung haben – falls alle mitmachen. Für weitere detaillierte Informationen zu der Studie weisen wir auch auf die ausführliche Dokumentation der Strahlenschutzkommission hin, die im Februar 2009 erschienen ist.
DOI: 10.3238/arztebl.2009.0394b


Dr. rer. physiol. Peter Kaatsch
Institut für Medizinische Biometrie, Epidemiologie
und Informatik
Universitätsmedizin
55101 Mainz
E-Mail: kaatsch@imbei.uni-mainz.de

Interessenkonflikt
Die Autoren aller Diskussionsbeiträge erklären, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.
1.
Kaatsch P, Spix C, Schulze-Rath R, Schmiedel S, Blettner M: Leukaemia in young children living in the vicinity of German nuclear power plants. Int J Cancer 2008; 122: 721–6. MEDLINE
2.
Spix C, Schmiedel S, Kaatsch P, Schulze-Rath R, Blettner M: Case-control study on childhood cancer in the vicinity of nuclear power plants in Germany 1980–2003. Eur J Cancer 2008; 44: 275–84. MEDLINE
3.
Kaatsch P, Spix C, Jung I, Blettner M: Childhood leukemia in the vicinity of nuclear power plants in Germany. [Leukämien bei unter 5-jährigen Kindern in der Umgebung deutscher Kernkraftwerke.] Dtsch Arztebl Int 2008; 105: 725–32. VOLLTEXT
4.
Schulze-Rath R, Kaatsch P, Schmiedel S, Spix C, Blettner M: Krebs bei Kindern in der Umgebung von Kernkraftwerken: Bericht zu einer laufenden epidemiologischen Studie. Umweltmed Forsch Prax 2006; 11: 20–6.
5.
Strahlenschutzkommission (SSK): Bewertung der epidemiologischen Studie zu Kinderkrebs in der Umgebung von Kernkraftwerken (KiKK-Studie). Berichte der Strahlenschutzkommission, Heft 57. www.ssk.de/werke/volltext/2008/ssk0806.pdf, 2008
1. Kaatsch P, Spix C, Schulze-Rath R, Schmiedel S, Blettner M: Leukaemia in young children living in the vicinity of German nuclear power plants. Int J Cancer 2008; 122: 721–6. MEDLINE
2. Spix C, Schmiedel S, Kaatsch P, Schulze-Rath R, Blettner M: Case-control study on childhood cancer in the vicinity of nuclear power plants in Germany 1980–2003. Eur J Cancer 2008; 44: 275–84. MEDLINE
3. Kaatsch P, Spix C, Jung I, Blettner M: Childhood leukemia in the vicinity of nuclear power plants in Germany. [Leukämien bei unter 5-jährigen Kindern in der Umgebung deutscher Kernkraftwerke.] Dtsch Arztebl Int 2008; 105: 725–32. VOLLTEXT
4. Schulze-Rath R, Kaatsch P, Schmiedel S, Spix C, Blettner M: Krebs bei Kindern in der Umgebung von Kernkraftwerken: Bericht zu einer laufenden epidemiologischen Studie. Umweltmed Forsch Prax 2006; 11: 20–6.
5. Strahlenschutzkommission (SSK): Bewertung der epidemiologischen Studie zu Kinderkrebs in der Umgebung von Kernkraftwerken (KiKK-Studie). Berichte der Strahlenschutzkommission, Heft 57. www.ssk.de/werke/volltext/2008/ssk0806.pdf, 2008

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