SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Hungerhaken

Dtsch Arztebl 2009; 106(23): [104]

Böhmeke, Thomas

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Es gibt Dinge, die lassen einen rascher altern als geplant. Neue Verwaltungsvorschriften oder Rote-Hand-Briefe, die auf gravierende Störwirkungen hinweisen. Bei mir tritt gelegentlich eine Störwirkung ein, die meinen geriatrischen Prozess beschleunigt: Die frechen Neffen. „Onkel Thomas, ich habe gelesen, ihr Ärzte seid strahlende Halbgötter in Weiß, aber du bist ein alter Hungerhaken in Grau, wie geht das zusammen?“ Ich erkläre der impertinenten Verwandtschaft, dass das Bild des Halbgottes in Weiß aus Zeiten stammt, in denen wir Ärzte noch frei von wirtschaftlichen und strukturellen Zwängen über sämtliche Formen von Diagnostik und Therapie verfügen konnten. Zu jeder Tages- und Nachtzeit standen wir den uns anvertrauten Menschen zur Verfügung, Arbeitszeitregelungen und Somnolenz nach durchgemachten Nachtdiensten tapfer ignorierend. Wie oft habe ich, getrieben von der Verantwortung für meine Patienten, an den freien Wochenenden oder während des Urlaubs Literaturrecherchen betrieben; wie oft bin ich in Universitätskliniken vorstellig geworden und habe kundige Kollegen konsultiert, um das Beste für meine Patienten herauszufinden?! Nach staatlich gelenkter Metamorphose sind wir aber in den letzten Jahrzehnten zu Bürokraten verkommen, verzetteln uns in DMP-Anträgen und Krankenkassenformularen. Wenn wir noch Halbgötter sind, dann nur auf weißem Papier, in Form einer Zettulitis. Auch ihr, liebe Neffen, werdet heute kaum noch auf Weißkittel treffen, die sich hingebungsvoll eures Schicksals annehmen, sich ganzheitlich um all eure Sorgen und Nöte kümmern, die Verantwortung für eure Erkrankungen demütig übernehmend.

„Onkel Thomas, was würdest du heute mit mir machen, wenn ich in deine Sprechstunde käme?“ Das, was moderne Zeiten von mir verlangen: Ich würde dich nach deiner Krankenkasse fragen und dich in ein DMP-Programm einschleusen. Die Neffen schauen sich lange an und meinen dann schließlich: „Onkel Thomas, wir wollen auch Doktor werden!“ Ich bin überrascht und gerührt. Meine Worte sind auf fruchtbaren Boden gefallen. Ich sehe die Zukunft für unseren Berufsstand so glänzend wie die Oberfläche einer Hüftkopfprothese: Es gibt doch noch Nachwuchs! Der es besser machen wird, als ich es heute darf! „Ja, Onkel Thomas, wir wollen Wissenschaftler werden, in Veteranmedizin.“ Wohlwollend korrigiere ich: Veterinärmediziner oder Arzt für Geriatrie; ihr müsst euch schon entscheiden. „Nein, du hast richtig gehört: Wissenschaftler für Veteranmedizin. Weil wir erforschen wollen, ob das stimmt, was du alter Sack uns immer erzählst!“

Raus mit euch!
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