ArchivDeutsches Ärzteblatt10/1996Operationen: Fragwürdiges Einsparpotential
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LNSLNS Der Verfasser berichtet über das ambulante Operieren im Krankenhaus und das aus seiner Sicht in diesem Bereich bestehende Substitutionspotential und Einsparvolumen. Hierbei werden aus einer Untersuchung zur Entwicklung des ambulanten Operierens im Krankenhaus, die vom Deutschen Krankenhausinstitut und Infratest Epidemiologie und Gesundheitsforschung durchgeführt wurde, nicht haltbare Schlüsse gezogen. Die Untersuchung ist Teil einer im Auftrag des BMG vom DKI, Infratest und ZI durchgeführten Bestandsaufnahme der ambulanten Operationen im Krankenhaus und im vertragsärztlichen Bereich. Begründete Aussagen zum Umfang des Substitutionspotentials im stationären Bereich sind aus der Datenbasis nicht ableitbar, sondern erfordern weitergehende Untersuchungen; hierauf wird in dem Gutachten ausdrücklich hingewiesen. Von daher sprechen die Ergebnisse keineswegs "für sich", das Spar- und Substitutionspotential ist auch unter Berücksichtigung der Daten der Untersuchung gerade nicht "leicht auszurechnen". Die im Artikel erfolgte "Milliarden-Rechnung" stimmt nicht nur unter dem Strich nicht, sondern ist in allen Komponenten falsch:
l Im Rahmen der Untersuchung sind Tracer-Operationen ausgewählt worden, anhand derer die Entwicklung des ambulanten Operierens im stationären und vertragsärztlichen Bereich beispielhaft untersucht werden sollte. Hierbei handelte es sich um Operationen, die im Katalog ambulantes Operieren enthalten sind und sich grundsätzlich zur ambulanten Durchführung eignen. Gleichzeitig sind unter diesen so unterschiedliche Eingriffe wie die Exzision eines Schleimbeutels – zur Zeit der Untersuchung umsatzstärkster Eingriff im vertragsärztlichen Bereich – auf der einen Seite und die Appendektomie – zur Zeit der Untersuchung auch in niedergelassenen Praxen kaum durchgeführt – auf der anderen Seite vertreten. Schon von daher ist die grundsätzliche Substituierbarkeit der in Rede stehenden zwei Millionen Krankenhausoperationen in Frage zu stellen.
l In den zwei Millionen Krankenhausoperationen sind Eingriffe enthalten, die häufig im Zusammenhang mit ausschließlich stationär durchführbaren Operationen erbracht werden beziehungsweise nicht alleiniger Grund der Krankenhausaufnahme sind. Es wäre wohl weder medizinisch noch ökonomisch sinnvoll, diese Operationen zu trennen.
l Die zwei Millionen Krankenhausoperationen, die nach Ansicht des Verfassers ohne Qualitätsabstriche ambulant durchführbar sind, beziehen sich auf alle Patienten, also auch auf Säuglinge im Alter von wenigen Monaten, Alte und Hochbetagte, Patienten mit erschwerenden Nebendiagnosen, Alleinstehende/-lebende sowie solche Patienten, bei denen nicht mit der für einen ambulanten Eingriff erforderlichen Kooperationsfähigkeit zu rechnen ist. Das tatsächliche Substitutionspotential wird nicht zuletzt entscheidend durch die Patientenstruktur bestimmt, über die keine aussagefähigen Informationen vorliegen.
l Die Annahme eines durchschnittlichen Substitutionspotentials je Operation von 9,5 Tagen macht die Berechnung vollends fragwürdig: die im Zusammenhang mit der Durchführung der zwei Millionen stationären Operationen ermittelte durchschnittliche Verweildauer wird maßgeblich durch die genannten Faktoren – nämlich Kombinationseingriffe und Patientenmerkmale – bestimmt. Wäre dies nicht so, so ergäbe sich nach der Rechnung des Verfassers bei dem Eingriff "Exzision eines Schleimbeutels" ein Substitutionspotential von rund zwölf Tagen je Operation.
l Demnach handelt es sich bei den ermittelten 19 Millionen substituierbaren Pflegetagen um eine weit überhöhte Größe, die sich nicht aus der genannten Untersuchung ableiten läßt. Mit welchem Rechentrick der Verfasser auf ein Substitutionspotential von fünf Milliarden DM kommt, verrät er dem Leser (wohlweislich) nicht. Fest steht, daß er im Durchschnitt je Operation ein Substitutionspotential von 2 500 DM beziehungsweise rund 260 DM je substituierbaren Tag zugrunde gelegt hat und daß er davon ausgeht, daß eine ambulante Operation in der Facharztpraxis "nur rund ein Achtel vergleichbarer Operationen bei vollstationärer Versorgung durch Krankenhäuser" kostet. Letztere Annahme basiert wiederum auf einer Untersuchung des ZI aus dem Jahre 1992, in der zur Ermittlung der Krankenhauskosten der durchschnittliche Pflegesatz zugrunde gelegt wurde; eine "Milchmädchenrechnung", die jeder soliden betriebs- und volkswirtschaftlichen Betrachtungsweise widerspricht.
Unter dem Strich ist das proklamierte Einsparpotential in Milliardenhöhe in keiner Weise haltbar; die Zielsetzung dieser Fehlinformation ist angesichts der bevorstehenden dritten Stufe der Gesundheitsreform durchsichtig: die Reklamierung des ambulanten Operierens für den niedergelassenen Bereich.
Dr. Margaret Asmuth, Deutsches Krankenhausinstitut e.V., Tersteegenstraße 3, 40474 Düsseldorf
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