ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2009Verlässlichkeit im Gesundheitswesen: Für Reformen im Kollektivvertragssystem

POLITIK

Verlässlichkeit im Gesundheitswesen: Für Reformen im Kollektivvertragssystem

Rieser, Sabine; Schmitt-Sausen, Nora

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Eine Arbeitsgruppe um Prof. Dr. med. Fritz Beske hat ein Handlungskonzept für die Zeit nach der Bundestagswahl erarbeitet. Statt weiterer Wettbewerbsexperimente empfiehlt sie die Rückkehr zum Kollektivsystem – und eine klarere regionale Orientierung der Versorgung.

Ein starkes System von Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) und Krankenkassen, die die Versorgung im Rahmen von Kollektivverträgen aushandeln, bleibt nach Ansicht von Prof. Dr. med. Fritz Beske der Schlüssel zum Erfolg im ambulanten Bereich des Gesundheitswesens. Der Direktor des Instituts für Gesundheits-System-Forschung (IGSF) in Kiel forderte, alle Regelungen zurückzunehmen, mit denen die Arbeitsfähigkeit der KVen beeinträchtigt werde. „Wenn nicht, wird das System von heute gegen die Wand fahren“, sagte er bei der Vorstellung seiner „Gesundheitspolitischen Agenda 2009“.

Gewiss hat Beske vor Augen, dass sich die gesundheitspolitische Ausrichtung ändern könnte, falls im Herbst eine andere Koalition regiert. Doch nicht nur die Bundestagswahl treibt ihn um, sondern auch die Überzeugung, dass es mit Beschwichtigungen nicht mehr getan ist. „Die Bevölkerung muss wissen, was die künftigen Probleme sind und wie eine für jeden finanzierbare Gesundheitsversorgung auch in Zukunft möglich ist“, betonte der Wissenschaftler.

Deshalb sei ein durchgängiges Konzept für das Gesundheitswesen ebenso Pflichtaufgabe für die Politik wie die verbindliche Festlegung von Gesundheitszielen. Die wesentlichen seien dabei Versorgungssicherheit für Patienten auch im Alter, Planungssicherheit für Leistungserbringer und Teilhabe am medizinischen Fortschritt für alle.

Warum ein schlüssiges Gesamtkonzept nottut, darauf verwies Beske in Form einer Hochrechnung: Er prognostizierte, dass der Beitragssatz der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) im Jahr 2050 ohne Gegensteuerung zwischen 27 und 44 Prozent liegen könnte. Weil dies unbezahlbar sei, müsse etwas geschehen: „Die durch die Bevölkerungsentwicklung und die Kosten des medizinischen Fortschritts entstehenden Probleme sind nicht durch Einzelmaßnahmen zu lösen.“

Beraten hat sich Beske für die Agenda 2009 innerhalb einer Arbeitsgruppe (AG) mit fünf weiteren Kennern des Systems (Kasten rechts). Zwei von ihnen waren beziehungsweise sind KV-Vorstände, einer führt eine Lan­des­ärz­te­kam­mer. Deshalb verwundert es nicht, dass die AG dem Kollektivvertragssystem mit einer starken Selbstverwaltung der KVen und Krankenkassen und einer flächendeckenden, solidarisch finanzierten GKV den Vorzug gibt.

Dies ist zumindest die bevorzugte von fünf Optionen für die Politik (Kasten unten). Sie sollte sich nach Ansicht der AG ordnungspolitisch von dem Prinzip „dezentral statt zentral“ leiten lassen, also nur einen Rahmen vorgeben und die Umsetzung der Selbstverwaltung und der lokalen Ebene überlassen, die Freiberuflichkeit der Anbieter sichern und die freie Arztwahl erhalten: „Der gewünschte Wettbewerb um Qualität kann nur im Kontext dieses Vertrauens verwirklicht werden.“

Weitere Eckpunkte des Konzepts:
- GKV-Finanzierung: solidarisch durch Arbeitnehmer und Arbeitgeber, vermutlich mit rund 15,5 Prozent Beitragssatz wie derzeit. Zusätzlich fließen Steuermittel als Ausgleich für versicherungsfremde Leistungen ein. Der Solidaritätszuschlag könnte „Demografiezuschlag“ der GKV werden. Außerdem sollen die Versicherten zuzahlen, zum Beispiel statt der heutigen Praxisgebühr zehn Euro vom vierten Praxisbesuch pro Quartal an.
- GKV-Reform: Wahltarife werden abgeschafft, Grund- und Zusatzleistungen der GKV definiert, wobei Letztere separat von den Versicherten zu bezahlen sind. Der Spitzenverband Bund der Krankenkassen wird aufgelöst, die Kassen erhalten ihre Finanzhoheit zurück. Die Morbiditätsorientierung im Risiko­struk­tur­aus­gleich wird beendet.
- KVen: Es gibt keine Selektivverträge mehr. Ein vereinfachtes Honorarsystem folgt, „das nicht belohnt, was sich finanziell rechnet, sondern bedarfsbestimmt orientiert ist und die Qualität sowie das Patientengespräch fördert“.
Sabine Rieser, Nora Schmitt-Sausen

Optionen für die GKV
Folgende Optionen hat die Gesundheitspolitik nach Ansicht von Prof. Dr. Beske und seiner AG:
1. Bekenntnis zum KV-System und zum Kollektivvertrag
2. Bekenntnis zum Kollektivvertrag ohne Körperschaften, aber mit aufgewerteten Anbietern der regionalen Ebene
­ Pflicht zur Versicherung mit Hinwendung zu den Prinzipien Markt und Wettbewerb
3. Steuerfinanzierte Staatsmedizin mit zentral regulierter und kontrollierter Versorgung
4. Weiterentwicklung des Begonnenen, am Ende: staatlich reguliertes Hausarztsystem, krankenhauszentrierte Facharztversorgung, Ende der PKV heutiger Prägung

Mitglieder der Agenda
- Dr. med. Franz-Joseph Bartmann, Präsident der Lan­des­ärz­te­kam­mer Schleswig-Holstein (S-H)
- Prof. Dr. med. Fritz Beske, Direktor des IGSF
- Ralf Wilhelm Büchner, ehemaliger Vorstand der KV S-H
- Dr. rer. nat. Peter Froese,Vorsitzender des Apothekerverbands S-H
- Peter Knüpper, Hauptgeschäftsführer der Bayerischen Landeszahnärztekammer
- Dr. med. Ulrich Thamer, KV-Vorstand der KV Westfalen-Lippe
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Deutsches Ärzteblatt plus
zum Thema

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema