ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2009Streitgespräch: Der Blick nach Österreich
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Die Äußerungen von Jochen Taupitz über den geringen Stellenwert standesethischer Normen, die kein strafrechtliches Korrelat haben, sind bemerkenswert und mögen Empörung auslösen. Falsch ist die darin zum Ausdruck kommende Diagnose aber nicht. In einem Rechtsstaat, dessen „Minimalmoral“ durch das Grundgesetz repräsentiert wird, muss sich kein Bürger, auch kein approbierter Arzt, zwingend an den ethischen Spezialnormen seines Berufsstandes orientieren, sondern letzten Endes nur am staatlichen Strafrecht. Deshalb bleibt die Argumentation von Frank Ulrich Montgomery gegen Jochen Taupitz viel zu oberflächlich. Man muss grundsätzlicher an das Thema „Suizidbeihilfe“ herangehen. Schon der Selbstmord ist keine mit Blick auf die Autonomie des Menschen zu rechtfertigende Handlungsweise, mag sie auch in manchen Fällen situativ und emotional nachvollziehbar sein. Doch ist der Suizid seit dem 19. Jahrhundert in Deutschland keine Straftat mehr, denn im Erfolgsfall wäre der Täter nicht mehr am Leben, und im Fall des Scheiterns dürfte eine zusätzliche Bestrafung als unbillig empfunden werden. Anstiftung und Beihilfe zur Selbsttötung sind nach dem deutschen Strafrecht formal deshalb nicht verboten, weil es an der strafbaren Haupttat mangelt, sodass § 26 (Anstiftung) und § 27 StGB (Beihilfe) nicht greifen. Dieses Ergebnis ist aber keineswegs zwingend, wie etwa ein Blick nach Österreich zeigt. Dort gilt die „Mitwirkung am Selbstmord“ als eigenständiger Straftatbestand. § 78 des Österreichischen Strafgesetzbuches lautet: „Wer einen anderen dazu verleitet, sich selbst zu töten, oder ihm dazu Hilfe leistet, ist mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren zu bestrafen“. Damit ist die Mitwirkung am Suizid im Strafmaß der Tötung auf Verlangen gleichgestellt. Wenig spräche dagegen, wenn Deutschland bezüglich der Sterbehilfe nicht immer nur in die Schweiz blicken, sondern auch einmal nach Österreich schauen würde. Doch wäre diese Horizonterweiterung mit der bitteren Erkenntnis verbunden, dass wir uns in diesem Lande lieber über kommerzielle und organisierte Suizidhelfer nicht ärztlicher und ärztlicher Provenienz entrüsten, anstatt das auf Dauer wohl einzig wirksame rechtliche Mittel dagegen in die Hand zu nehmen. Wir werden bei fortwährender Untätigkeit allerdings damit rechnen müssen, dass mancher Hausarzt in nicht allzu ferner Zukunft neben der ersten auch die letzte Hilfe als Kassenleistung anbietet. Wer das nicht will, muss jetzt politisch handeln.

Prof. Dr. med. Axel W. Bauer, Mitglied des Deutschen Ethikrates, Vorsitzender des Klinischen Ethik-Komitees der Universitätsmedizin Mannheim, Ludolf-Krehl-Straße 7-–11, 68167 Mannheim
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