SUPPLEMENT: Reisemagazin

DER HARZ: Fachwerk und Bergbaumuseen

Dtsch Arztebl 1997; 94(21): [19]

Fuchs, Ulrike

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LNSLNS Langsam und schwerfällig müht sich die alte Dampflok den steilen Berg hinauf, von munteren Signaltönen und heftigen Dampfausstößen begleitet, so daß der Mitreisende auf der offenen Plattform immer wieder gezwungen ist, die kleinen Rußpartikel aus den Haaren und von der Kleidung zu entfernen, und sehr schnell lernt, das Gesicht entgegen der Fahrtrichtung zu halten.
Die urwüchsige Landschaft, deren Baumbestand bis dicht an die Gleise reicht, läßt erkennen, daß wir uns in einem ehemaligen Sperrgebiet befinden, das für viele Jahre unzugänglich war. Erst seit der Wende fährt die alte Brockenbahn wieder regelmäßig über Wernigerode, Drei Annen Hohne und Schierke bis zum Gipfel des im Volksmund auch Blocksberg genannten Brockens.
Außer den baulich sich in einem schlechten Zustand befindenden Gebäuden der Abhöranlagen von Sowjetarmee und Staatssicherheit und einigen noch im Aufbau begriffenen Restaurationsgebäuden hat der unwirtliche Ort nur den Blick in die Norddeutsche Tiefebene zu bieten.
Auch der Besuch eines kleinen Museums vermag die Zeit zwischen Ankunft und Abfahrt der Züge nicht zu füllen. Einzig der Geruch des Geheimnisvollen und Verbotenen, der von diesem Ort, an dem sich einst Hexen und Teufel zum Tanze trafen und von dem aus die westliche Welt bespitzelt wurde, ausgeht, scheint daher die riesigen Touristenströme zu motivieren, die sich in den Sommermonaten hier einfinden.
Dabei hat die faszinierende Mittelgebirgslandschaft des Harzes, die durch zwei große Nationalparks im Osten und Westen unter Schutz gestellt ist, viel mehr zu bieten. In den Naturschutzgebieten dürfen die Wanderwege nicht verlassen werden, dafür dankt die Natur - man sieht die selten gewordene Wasseramsel, die Gebirgsstelze und mitunter ganze Wiesen mit geflecktem Knabenkraut oder der noch seltener gewordenen Türkenbundlilie. Und wer mit dem Frosch (eine besonders gestaltete Grubenlampe) in der Hand in Grube oder Stollen einfahren möchte, um sich eine Vorstellung von der harten Arbeit unter Tage zu machen, dem seien das Oberharzer Bergwerkmuseum in Claus-thal-Zellerfeld, das Schaubergwerk Buchenberg bei Elbingrode oder die Museen in Bad Grund, St. Andreasberg und Thale empfohlen.
Ebenso läßt sich der Harz auf den Spuren der Entwicklung des niedersächsischen Fachwerks bereisen. Nachdem die Altstadt von Goslar 1992 in die Unesco-Liste des Weltkultur- und Naturerbes der Menschheit aufgenommen wurde, ist nun auch dem circa 80 Hektar großen Altstadtgebiet Quedlinburgs diese Auszeichnung verliehen worden. Auch wenn an vielen der mehr als 1 200 Fachwerkhäuser aus sechs Jahrhunderten noch die Gerüste stehen und noch mehr auf das Aufstellen derselben warten und manche Häuser nach wie vor unbewohnbar sind, so kann ein Rundgang durch die Stadt dem Kurzstudium einer kleinen Kunstgeschichte des Fachwerks gleichkommen. Das städtische Fachwerk mit seinen bis zu fünf überragenden Geschossen, das sich aus der Raumnot entwickelt hat, bestimmt das Straßenbild der mittelalterlich engen Gassen. Die Balken der giebelseitig zur Straße gestellten Gebäude sind häufig mit ornamentalen Schnitzereien verziert, mitunter auch grün gefärbt. Mit der Servatius Stiftskirche auf dem Schloßberg besitzt die Stadt zudem ein herausragendes Beispiel romanischer Kirchenbaukunst. Der dort aufbewahrte, im Krieg entwendete und inzwischen aus Texas zurückgekehrte Domschatz ist einer der wertvollsten des Mittelalters. Mindestens so sehenswert sind jedoch die ausdrucksvollen romanischen Kapitelle der Krypta und die im niedersächsischen Stützenwechsel gestalteten Arkaden. Daß die Entwicklung der mittelalterlichen Stadt von diesem Schloßberg ausging, läßt sich noch heute am Grundriß der Stadt ablesen. Als Schmuckstück des Fachwerks galt schon vor der Wende die kleinere Altstadt von Wernigerode. Immer wieder haben sich die Bürger der Stadt gegen Abrißpläne der Regierung durchgesetzt und in Eigeninitiative versucht, ihr mittelalterliches Stadtbild zu erhalten, bis es in den siebziger Jahren unter Denkmalschutz gestellt wurde. Der aufblühende Tourismus belohnt die Bürger nun.
Leichter hatten es dagegen die ebenfalls von Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges weitgehend verschonten Städte Duderstadt und Goslar. Während Duderstadt, am Fuß des Südharzes an alten Fernhandelswegen gelegen, im Mittelalter eine blühende Handelsmetropole gewesen ist, erwuchs der Reichtum Goslars aus den Silbervorkommen am Rammelsberg. In beiden Städten dokumentieren dies die prächtigen Fachwerkbauten. Eine Besonderheit des städtischen Fachwerks zeigt das Haus Marktstraße 1 in Goslar. Das hohe Dielengeschoß des Hallenhauses ist zu zwei Wohngeschossen ausgebaut, und erst darüber folgt ein vorragendes zweites Stockwerk. An vielen Häusern ist fast jeder sichtbare Teil der Fachwerkkonstruktion durch Schnitzereien geschmückt, die von einfachen Ornamenten bis zur plastischen Gestaltung von Tieren und Menschen reichen, mitunter auch farbig gefaßt. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel hierfür ist das "Brusttuch" in Goslar. Natürlich sollten bei einem Rundgang durch die Stadt der Besuch des Rathauses und der Kaiserpfalz nicht fehlen. Ebenso wie die Fachwerkhäuser gehören die Kirchen zur Kultur und Geschichte der Landschaft. So hat der Arbeitskreis Harz (Kirchlicher Dienst in Freizeit, Erholung, Tourismus, Arbeitskreis Harz, ClausthalZellerfeld, 1993) eine Broschüre über die Kirchenlandschaft des westlichen Harzes herausgegeben, die eine Rundreise entlang dieser Kirchen vorschlägt. Eine Besonderheit, deren Besuch man bei einer Harzreise nicht versäumen sollte, ist die nordische Stabkirche in Hahnenklee. In ihrer Konstruktion, die ohne Nägel auskommt, und ihrer Verbindung von nordischen und byzantinischen Formen ist sie einzig in der deutschen Kirchenlandschaft.
Durch Schlichtheit und Monumentalität beeindruckt der besterhaltene ottonische Kirchenbau Deutschlands, die Stiftskirche in Gernrode. Die im Inneren vielseitig gegliederte, fachgedeckte Basilika besitzt mit dem Heiligen Grab einen einmaligen künstlerischen Schatz. Der noch geringe Besucherstrom ermöglicht es, den Innenraum in Ruhe auf sich wirken zu lassen. Schlechter erging es dagegen dem Halberstädter Dom St. Stephanus. Der 1491 vollendete gotische Bau wurde im letzten Krieg von zwölf Bomben getroffen, seine Wiederherstellung ist bis heute nicht abgeschlossen. Jedoch blieben die gotischen Glasmalereien des 14. und 15. Jahrhunderts und der bedeutende Kirchenschatz erhalten, da sie ausgelagert waren, und können inzwischen wieder an ihren alten Plätzen besichtigt werden.
Zu den Wehrbauten des Harzes gehören ebenso die Königspfalzen und Kaiserburgen, deren bedeutendsten die Harzburg, die Lauenburg und die Burg Kyffhausen sind. Dem Reisenden mit romantischen Übernachtungswünschen steht die Rosenburg bei Ballenstedt als Hotel mit einem weißen Uhu als Schloßgespenst zur Verfügung, und auf der Falkenstein können sich Hochzeitspaare im historischen Rahmen des Rittersaales und der Burgkapelle ihr Jawort geben. Wer das Wohnen in den mittelalterlichen Fachwerkhäusern bevorzugt, dem seien die Häuser "Hotel Gotisches Haus" und "Hotel Weißer Hirsch" in Wernigerode empfohlen (DZ zwischen 200 und 300 DM). Auf dem Gebiet der Restaurierung und des gastronomischen Ausbaus hat die Region des Nordharzes seit der Wende eine rasante Entwicklung erlebt, so manches Baugerüst ist schon wieder entfernt, aber vielerorts warten die Häuser auch noch auf sie. Wenn sich auch nicht alles so schnell fortbewegen kann wie die Hexen auf ihren Besen, die es an jeder Ecke zu kaufen gibt, so ist die Region doch auf dem besten Wege, eine der touristisch vielseitigsten und interessantesten Deutschlands zu werden. Dr. Ulrike Fuchs


Information: Harzer Verkehrsverband e.V., Marktstraße 45, 38640 Goslar; Harzer Schmalspurbahnen GmbH, Postfach 90, 38842 Wernigerode; Wernigerode-Tourismus GmbH, Telefon
0 39 43/3 30 35; Quedlinburg-Information, Telefon 0 30 46/28 66; Tourismusverband Sachsen-Anhalt, Trothaestraße 9h, 06111 Halle.

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