SUPPLEMENT: Reisemagazin

ARIZONA: Zu Besuch im Canyon de Chelly

Dtsch Arztebl 1997; 94(21): [23]

Berg, Detlef

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LNSLNS Es ist früh am Morgen und noch bitterkalt, als wir auf den grünen kettengetriebenen Pritschen-
Lastwagen klettern. "My name is Daniel", stellt sich unser Fahrer, ein Navajo-Indianer, vor. Mit einem munteren "allright" klettert er in das Führerhaus des umgebauten Armeefahrzeuges, das sich laut ratternd in Bewegung setzt.
Hinter uns liegt das Navajo-Städtchen Chinle im Norden des US-Bundestaates Arizona. Die Nacht haben wir in der Thunderbird Lodge verbracht und uns im Visitor Center mit ausreichend Informationsmaterial versorgt. So wissen wir schon, daß der Canyon de Chelly eine 40 Kilometer lange, 300 Meter tiefe Sandsteinfelsenschlucht mit vielen Seitenarmen ist und zum Stammland der Navajo gehört. Bald verläßt das Gefährt die Teerstraße und biegt in das breite sandige Flußbett des Chinle Wash ein. Schnurstracks führt der von beeindruckenden rotbraunen Felsen begrenzte Weg in das Herz des Navajo-Landes, in den Canyon de Chelly. Nach und nach öffnet sich die enge Schlucht, als wollte sie ihre Besucher mit offenen Armen empfangen. Daniel steuert mit viel Geschick unser Gefährt durch tiefe Schlaglöcher und riesige Wasserlachen. Ein normaler Pkw hätte keinerlei Chance, hier durchzukommen. Man ist auf jeden Fall auf die Führung durch Indianer angewiesen, sei es auf dem Pferderücken oder per Geländewagen.
Die Passagiere, auf den harten Pritschen sitzend und in dicke Decken gehüllt, werden ordentlich durchgerüttelt. Dazu wirbeln die Räder den losen Sand auf, der vom Fahrtwind wie Nadelspitzen in die Gesichter gefegt wird. Augen und Lippen zusammengekniffen, den Kopf gesenkt, kommt man zunächst nicht dazu, die Schönheit der Landschaft zu genießen.
Doch immer wieder hält Daniel und erklärt die Szenerie links und rechts von uns. Wir hören vom Leben der Anasazi, der Vorfahren der Pueblo-Völker, die hier von etwa 300 nach Chr. an siedelten. Die ältesten Felszeichnungen und Bilderschriften auf dem nordamerikanischen Kontinent zeugen davon. Die Navajo nennen die Anasazi "Die Alten" oder "Die vor uns hier waren". Hinterlassen haben sie der Nachwelt ihre mehrstöckigen Felswohnungen und Klippenhäuser, die wie Schwalbennester auf den Felsvorsprüngen und in den Nischen der steilen Wände kleben.
Eines dieser Prachtstücke aus dem 11. bis 13. Jahrhundert ist das Antelope House, benannt nach vier aufgemalten Antilopen. Es scheint an der über 200 Meter hohen Felswand zu kleben. Archäologen entdeckten ganz in der Nächte das "Grab des Webers". Es enthielt eine in fein gewebte weiße Baumwolltücher gehüllte Mumie. Zu den Grabbeilagen gehörten auch Baumwollknäuel von über 3 000 Meter Länge. Fachleute vermuten, daß der Tote einen hohen Rang im Antelope House bekleidet hat, denn dort fand man ebenfalls große Mengen von Baumwolle. Ein anderes Prachtstück sind die Ruinen des Weißen Hauses. Hier wie an anderen Punkten verkaufen die Navajos die Produkte ihres Kunsthandwerks: filigraner Silberschmuck, Ketten aus Türkis und Koralle. Eine Indianerin erklärt uns ihre Sandbilder, die Technik und die immer wieder auftauchenden Symbole der vier heiligen Pflanzen corn (Mais), squash (Kürbis), tobacco und beans.
Daniel, unser Führer, erklärt uns, daß die Navajo nie in den Felsenwohnungen der Anasazi gelebt haben. Er weist dabei auf ein sechseckiges gedrungenes Blockhaus. Die Hogans, das sind die Wohnungen der Navajo. 17 Familien leben heute nur noch hier, in den Tiefen des Canyons. Während des Sommers bearbeiten sie kleine Pfirsich-Plantagen und bauen Mais und Bohnen an. Im Winter, wenn es bitterkalt wird, ziehen sie nach Chinle.
Mit rund 150 000 Stammesangehörigen sind die Navajo das größte Indianervolk der USA. Sie führen ein Leben zwischen Tradition und Moderne, zwischen alten Werten und den Einflüssen der weißen Zivilisation, denen sie sich spätestens seit 1864, dem Jahr ihrer Niederlage im Krieg gegen die US-Army unter Kit Carson, stellen müssen. Heute bezeichnen sich die Navajo, die sich ursprünglich "Dine" (Volk) nannten, stolz als "Navajo-Nation". Window Rock, ihre südlich vom Canyon de Chelly gelegene Hauptstadt, ist nach einem riesigen, von der Witterung ausgewaschenen Loch im roten Sandsteinfels benannt. Von hier aus verwaltet der jeweils für vier Jahre gewählte Stammesrat das Reservat.
Viele Traditionen blieben erhalten. In einigen der bizarren Formen der Felslandschaften glauben die Navajo Götter zu erkennen. Spider Rock zum Beispiel, das Wahrzeichen des Canyon de Chelly, ist Sitz der Spinnenfrau. Die Navajo erzählen ihren Kindern, daß auf der Spitze des Felsens die Spinnenfrau wohne, die ungehorsame Kinder in ihr Nest dort oben hole. Die helle Farbe oben an der Spitze des 245 Meter hohen Felsens überzeugte die Sprößlinge der Navajo von der Wahrheit dieser Drohung, denn das konnten nur die ausgebleichten Gebeine der bösen Kinder sein.
Fährt man am Canyonrand entlang, ist der Blick auf den Spinnenfelsen im tief unten liegenden Schluchtensystem schon beeindrukkend genug. Doch jetzt, auf dem Grund des Canyons, bleibt beim Anblick der fast 250 Meter in den Himmel ragenden schlanken Felsnadel nur überwältigendes Staunen. Detlef Berg
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