ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2009Nicht ärztliche OP-Assistenz: Ärzte effizienter einsetzen

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Nicht ärztliche OP-Assistenz: Ärzte effizienter einsetzen

Dtsch Arztebl 2009; 106(23): A-1213 / B-1037 / C-1009

Allemeyer, Erik; Nies, Christoph

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Foto: mauritius images
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Nach dem Erreichen einer Erfahrungssättigung werden die Ärzte außerhalb des OP dringender benötigt.

Ein konstantes Merkmal der Veränderungen im Gesundheitswesen in den vergangenen Jahren ist die zunehmende Arbeitsverdichtung in arztzentrierten Einrichtungen. Zugleich herrscht Ärztemangel. Um die Leistungsanforderungen dennoch erfüllen zu können, wird nach Möglichkeiten gesucht, die Arbeitsabläufe effizienter zu gestalten. Ein großes Potenzial wird in der Entlastung der „knappen Ressource“ Arzt gesehen. Dies kann etwa durch die Rückgabe der einst vom Pflegedienst übernommenen Aufgaben wie Blutentnahmen oder Dokumentationen an originär zuständiges Personal erfolgen. Ein weiterer Ansatz wird kontrovers diskutiert: Nicht ärztliches Personal könnte bei aufwendigen Operationen die Aufgaben der zweiten OP-Assistenz übernehmen. Dabei geht es im Wesentlichen um das „Hakenhalten“, dem einfachen Verständnis nach eine reine Stativfunktion. Eine besondere Bedeutung für die Optimierung von Prozessabläufen erlangt diese Tätigkeit dadurch, dass sie bei Assistenzärzten in den ersten Weiterbildungsjahren mitunter den größten Teil des Arbeitstages einnimmt.

In der hitzigen Debatte zu diesem Thema ist ein Mangel an sachbezogener Argumentation erkennbar, der teilweise durch emotionale Vorbehalte erklärbar ist. Andererseits werden wichtige Aspekte vorgetragen. So wird zu Recht vor einem Stellenabbau im ärztlichen Bereich gewarnt, und es muss sichergestellt sein, dass nur Aufgaben abgegeben werden, die keine Bedeutung für die Weiterbildung haben.

Systematische Erfahrungsauswertungen zu existierenden Delegationsmodellen sind in der Literatur kaum zu finden. In der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie des Marienhospitals in Osnabrück führten wir deshalb als praktische Entscheidungsgrundlage eine Prozessanalyse des Arbeitsfelds der OP-Assistenz durch. Hierzu erfolgte eine Sichtung der deutschsprachigen Literatur in Verbindung mit einer deskriptiven Auswertung der eigenen Erfahrungen.

Das Ergebnis unserer Auswertungen ist, dass die zweite OP-Assistenz eine Interessenschnittstelle aus den drei Aufgabenbereichen Patientenversorgung, Facharztweiterbildung und Studierendenausbildung darstellt. Es ergaben sich keine Hinweise darauf, dass die Patientenversorgung von der Besetzung der zweiten OP-Assistenz durch einen Arzt profitiert. Vielmehr muss vor dem Hintergrund knapper personeller Ressourcen eine Gefährdung der Ergebnisqualität durch das Fehlen der Ärzte außerhalb des OP erwartet werden. Für die Aus- und Weiterbildung erscheint es sinnvoll, dass Studierende und junge Ärzte/Ärztinnen bis zum Erreichen eines definierbaren frühen Zeitpunkts als zweite OP-Assistenz eingesetzt werden. Nach dem Erreichen einer Erfahrungssättigung ist die Tätigkeit potenziell unproduktiv, weil Aus- und Weiterbildungsinteressen besser in anderen Funktionen verfolgt werden können.

In einem integrativen Konzept zur Delegation der zweiten OP-Assistenz sind alle drei ursprünglich konträr erschienenen Interessen vereinbar. Hierbei werden Studenten und Ärzte vorrangig jeweils bis zum Erreichen der Erfahrungssättigung als zweite OP-Assistenz eingesetzt. Als Steuerungsinstrument dient ein einfacher individueller Assistenzkatalog. Aus diesem ist jederzeit ablesbar, ob von der Besetzung der zweiten OP-Assistenz im geplanten OP-Programm ein ärztlicher Kandidat profitieren könnte. Andernfalls übernimmt eine im chirurgischen Zentrum flexibel einsetzbare nicht ärztliche Kraft diese Aufgabe. Für die Ärzte werden so erhebliche Potenziale zur Steigerung ihrer Arbeitseffizienz frei und unnötige Überstunden eingespart. Für die Patientenversorgung könnten in Zukunft erhebliche Möglichkeiten zur Qualitätssteigerung durch die Präsenz der Ärzte außerhalb des OP entstehen.

Das Konfliktpotenzial bei einer Delegation der zweiten OP-Assistenz ist erklärbar durch die Tatsache, dass das Arbeitsfeld der OP-Assistenz von den drei wesentlichen Aufgabenbereichen eines akademischen Lehrkrankenhauses wie des Marienhospitals berührt wird. Eine exakte Analyse der einzelnen Interessen lässt aber eine Vereinbarkeit zum Nutzen aller Interessenträger erkennen, indem ein integratives Modell zur Delegation der zweiten OP-Assistenz erstellt wird.

Übereinstimmend sprechen unsere Erfahrung und die verfügbare Literatur gegen die Übertragung dieser Einschätzung auf eine theoretisch denkbare Delegation auch der ersten OP-Assistenz. Hier ergibt sich eine völlig abweichende Situation, in der denkbar die Weiterbildungsinteressen und möglicherweise auch die Prozessqualität gefährdet würden.

Berufsgruppen, die zur Wahrnehmung der delegierten Aufgaben bereit wären, verbinden hiermit die Vorstellung nach einer Gehaltsangleichung an ärztliche Vergütungen. Diesem Wunsch fehlt jegliche Logik. Beim diskutierten Delegationsmodell sollen zur Effizienzsteigerung die Ärzte von Aufgaben entbunden werden, für die sie überqualifiziert und damit überbezahlt sind. Wenn diese Aufgaben nun durch nicht ärztliches Personal übernommen werden, kann dieses keine Gehaltsanpassung an die überqualifizierte Fehlbesetzung erwarten.

In der derzeitigen Umbruchstimmung sollte die Chance zum konstruktiven Umgang mit den möglichen Veränderungen der ärztlichen Arbeitsabläufe genutzt werden. Hierzu kann auch auf Erfahrungen mit ausgereiften Delegationsmodellen überwiegend im englischsprachigen Ausland, aber auch in der Schweiz zugegriffen werden. Zur weiteren Versachlichung der Debatte um die Delegation der OP-Assistenz planen wir eine Kosten-Nutzen-Rechnung zum dargestellten Delegationsmodell.

Dr. med. Erik Allemeyer
Prof. Dr. med. Christoph Nies
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