ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2009Felix Droese: Sensibilisierung

KUNST + PSYCHE

Felix Droese: Sensibilisierung

Kraft, Hartmut

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LNSLNS Auf den ersten Blick springt der rot gedruckte Holzschnitt „GELD“ ins Auge. Zwei Fotos werden von ihm zum Teil überdeckt. Das rechte zeigt einen Mann, dessen nackte Beine unter seinem Mantel hervorgucken. Ein Mädchen fasst zaghaft an den Mantelsaum. Weist ein politisch engagierter Künstler wie Felix Droese hier auf die Häufigkeit von Kindesmissbrauch und Ausbeutung hin?

Wie die Nummerierung auf der rechten Seite des Blattes anzeigt, handelt es sich um eine Druckgrafik in einer Auflage von 20 Exemplaren. Das Papier mit den Abbildungen entstammt einem Katalog der Sammlung Schürmann aus Aachen aus dem Jahre 1997. Droese hat daraus fortlaufend 20 Doppelseiten bedruckt. Beim Umlegen der Seiten entstand ein Abklatsch der noch druckfeuchten roten Farbe auf der gegenüberliegenden Seite. Alle 20 Drucke dieser Auflage zeigen also unterschiedliche Fotomotive mit dem immer gleichen Aufdruck. Weist der Künstler – unabhängig vom jeweiligen Foto – damit auf die enorme Wertsteigerung hin, die die Fotokunst in den letzten Jahren erfahren hat? „KUNST = KAPITAL“ hat Joseph Beuys einmal gesagt.

Kehren wir mit diesem Wissen zum vorliegenden Blatt zurück und erkennen, dass hier der verstorbene, inzwischen weltweit gefeierte Künstler Martin Kippenberger (1953–1997) von Elfie Semotan abgelichtet worden ist, beginnen wir an unserer Vermutung zu zweifeln. Das bekannte Foto zeigt Kippenberger mit seiner kleinen Tochter. Nie hat es hier einen Hinweis auf eine inzestuöse Vater-Tochter-Beziehung gegeben. Erst unser Wissen um die Häufigkeit des sexuellen Missbrauchs von Kindern hat unsere Sensibilität geschärft – und lässt unsere Fantasie manchmal über das Ziel hinausschießen. Diese wünschenswerte Sensibilisierung der Öffentlichkeit könnte der Grund sein dafür, dass exakt dieser Druck mit dieser Fotounterlage beim Verlag lange Zeit unverkauft liegen blieb. Hartmut Kraft

Biografie Felix Droese
Geboren 1950 in Singen/Hohentwiel. 1970–1976 Studium an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf bei P. Brüning und J. Beuys, 1972–1973 unterbrochen vom Wehrersatzdienst im Landeskrankenhaus. Umfangreiches politisches Engagement, das sich in den Kunstwerken spiegelt. 1982 Beteiligung an der Documenta 7, 1988 Biennale Venedig. Lebt in Mettmann.

Literatur:
Storck G: F.D. – Mangelmutanten überleben Kapitalismus. Museum Haus Lange, Krefeld 1984.
FD: Drucke vom Holz 1984–1993. Museum Ludwig Köln 1993.
Schürmann W: Die Nerven enden an den Fingerspitzen. Salon Verlag, Köln 1997.
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