ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/200914. Deutscher Psychotherapeutentag: Die Zukunft der Ausbildung

POLITIK

14. Deutscher Psychotherapeutentag: Die Zukunft der Ausbildung

Gerst, Thomas; Gieseke, Sunna

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LNSLNS Die Ausbildungssituation der Psychotherapeuten dominierte die Diskussion auf dem 14. Psychotherapeutentag in Berlin. Gleichzeitig positionierte man sich bereits für die nach der Bundestagswahl erwartete Gesundheitsreform.

Der Präsident der Bundes­psycho­therapeuten­kammer, Prof. Dr. Rainer Richter, wies auf die dramatischen Versorgungslücken im ambulanten und stationären Bereich hin. Fotos: Jörg Hermann
Der Präsident der Bundes­psycho­therapeuten­kammer, Prof. Dr. Rainer Richter, wies auf die dramatischen Versorgungslücken im ambulanten und stationären Bereich hin. Fotos: Jörg Hermann
Der Beruf des Psychotherapeuten hat erfreulicherweise keinen Nachwuchsmangel. Dies stellte Prof. Dr. Rainer Richter, Präsident der Bundes­psycho­therapeuten­kammer, auf dem 14. Deutschen Psychotherapeutentag (DPT) Anfang Mai in Berlin fest. Der bestehende Versorgungsmangel entstehe allein durch die Zulassungsbeschränkungen, kritisierte er. Dass auch in der Ausbildung der Psychotherapeuten nicht alles rosig aussieht, zeigt das vom Bundesministerium für Gesundheit in Auftrag gegebene „Forschungsgutachten zur Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten und zum Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten“. 16 Monate lang hatte eine Forschergruppe an dem Projekt gearbeitet, nun wurden die Ergebnisse präsentiert – über die eine ungewohnte Einigkeit unter den Delegierten herrschte. Schließlich wurden in dem Gutachten zahlreiche Aspekte untersucht, die schon seit Jahren kritisch unter den Psychotherapeuten diskutiert werden. Unter großem Applaus überreichte der Forschungsleiter dem BPtK-Präsidenten ein Exemplar.

Das Gutachten wurde unter anderem anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Psychotherapeutengesetzes am 1. Januar 2009 ausgeschrieben. Aber auch die veränderte Zugangsvoraussetzung durch den Bologna-Prozess und die damit verbundenen Bachelor- und Masterstudiengänge spielten eine Rolle.

Prof. Dr. Bernhard Strauß, Lehrstuhlinhaber an der Universität Jena und zugleich Leiter der Forschungsgruppe, vermittelte den Delegierten einen Überblick über die zentralen Forschungsergebnisse. Vor allem sei es Ziel gewesen, die Ausbildungslandschaft in der Psychotherapie aufzuarbeiten, sagte Strauß. Das Forschungsgutachten solle sowohl die Erfahrungen der Ausbildungsstätten, der Lehrenden sowie der Ausbildungsteilnehmer darstellen. Dabei solle insbesondere auch auf die Unterschiede in der Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten (PP) und zum Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (KJP) eingegangen werden. Aber auch die Dauer der Ausbildung sowie deren Kosten waren Bestandteil der Befragung. Vertreter aller Aufsichtsbehörden der Bundesländer wurden zu den Zugängen zur Ausbildung, zu der Gestaltung der Ausbildungsbausteine sowie zur Durchführung der Prüfungen befragt. Darüber hinaus nahmen 480 zufällig ausgewählte Studierende der Psychologie von sieben verschiedenen Universitäten teil. In der sogenannten Delphi-Befragung wurden mehr als 100 psychotherapeutische und einige ausgewählte medizinische Fachverbände, Kammern und Organisationen kontaktiert.

Wenig überraschend war die Nachricht, dass die Befragten im Durchschnitt eine mittlere Zufriedenheit mit Qualität und Angebot ihrer Ausbildungsstätten äußerten. Im Vordergrund stand vor allem der Wunsch nach mehr Kostentransparenz sowie nach einer niedrigeren finanziellen Belastung. „Die Kosten für die Ausbildung wurden im Mittel zwischen 20 000 und 30 000 Euro angegeben“, erläuterte Strauß die Forschungsergebnisse. Kostengründe spielten sowohl für die Entscheidung zwischen Vollzeit- und Teilzeitausbildung als auch für die Wahl eines Verfahrens eine große Rolle. Tendenziell führen finanzielle Engpässe eher in die Teilzeitausbildung, denn hier könnte die Finanzierung der Ausbildung über einen längeren Zeitraum gestreckt werden.

Die praktische Tätigkeit sei von den Befragten relativ negativ beurteilt worden, betonte Strauß. „Die Gründe dafür könnten sein, dass etwa die Hälfte der Ausbildungsteilnehmer überhaupt keine Vergütung erhält.“ Zudem lernten sie in vielen Einrichtungen nur ein sehr eingeschränktes Spektrum psychischer Störungen und entsprechender Behandlungen kennen.

Das Gutachten beschränkt sich allerdings nicht nur darauf, die Istsituation darzustellen. Zu der Auswertung gehörte es auch, Empfehlungen auszusprechen. So regen die Gutachter unter anderem den Master als Studienabschluss zur Psychotherapieausbildung an. Bisher ist es auch möglich, mit einem Bachelorabschluss in Pädagogik oder Sonderpädagogik Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut zu werden. Bei der bisherigen Regelung befürchten einige Delegierte, dass die PP und KJP zu jung sein könnten und damit noch nicht genug Lebenserfahrung haben, wenn sie fertig ausgebildet sind.

Darüber hinaus sollten die Ausbildungsteilnehmer nachweisen können, dass die Hälfte ihrer Hochschulausbildung allgemein-psychologische und klinisch-psychologische Inhalte umfasst habe. Des Weiteren sprachen sich die Befragten mehrheitlich dafür aus, die post-graduale Ausbildung beizubehalten. „Für eine Direktausbildung ist die Zeit noch nicht reif“, sagte Strauß.

Ein weiterer bedeutender Aspekt ist die Frage, ob es sich bei den Psychologischen Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten um einen oder zwei Heilberufe handelt. Das Psychotherapeutengesetz aus dem Jahr 1999 sieht zwei Heilberufe vor. Die Gutachter empfehlen, diese Differenzierung beizubehalten. Allerdings solle das für beide Bereiche relevante Basiswissen in einem sogenannten common trunk vermittelt werden, erklärte Strauß. „Auf diese Weise können künftig Psychotherapeuten mit Schwerpunkt Erwachsene und Schwerpunkt Kinder und Jugendliche gleichberechtigt ausgebildet werden.“ Zudem sei es auch möglich, eine Doppelapprobation zu erwerben.

Der Leiter der Forschungsgruppe, Bernhard Strauß, fasste für die Delegierten die Ergebnisse des Gutachtens zusammen.
Der Leiter der Forschungsgruppe, Bernhard Strauß, fasste für die Delegierten die Ergebnisse des Gutachtens zusammen.
Die Diskussion zu dem Thema ein oder zwei Heilberufe skizzierten auch BPtK-Vizepräsidentin Monika Konitzer und BPtK-Vorstandsmitglied Peter Lehndorfer in ihrem gemeinsamen Vortrag. Sie stimmten beide der Empfehlung der Gutachter zu: Sowohl PP als auch KJP sollten ihrer Ansicht nach Kinder, Jugendliche und Erwachsene versorgen können. Hierfür müssten dann in der Ausbildung jeweils entsprechend der jeweiligen Schwerpunktsetzung auch spezifische Kompetenzen erworben werden. Für die Zukunft schlugen die beiden Referenten vor, ausgehend von einer breiten gemeinsamen Wissensbasis, die jeweils spezifischen Kompetenzen den Ausbildungsteilnehmern zu vermitteln. Sowohl Absolventen psychologischer als auch pädagogischer Studiengänge sollen Zugang zur psychotherapeutischen Ausbildung erhalten. In der Versorgung würden dann Psychotherapeuten ihre Kompetenzen vorrangig in die Behandlung von Kindern und Jugendlichen einbringen oder sich auf die Versorgung von Erwachsenen konzentrieren. Dabei sollte in beiden Berufen eine Weiterqualifizierung möglich sein.

Ausbildungszeit sollte dringend verkürzt werden
Einige Delegierte bemängelten in der Diskussion, dass es schwierig werden könnte, diese Kompetenzprofile in einem vertretbaren Zeitraum zu vermitteln. Bereits in der Vergangenheit wurde immer wieder kritisiert, dass die Ausbildung der Psychotherapeuten zu lange dauere. Diese sollte nach Ansicht der Gutachter von 4 200 auf 3 400 Stunden verkürzt werden. Dabei solle vor allem die praktische Tätigkeit auf 1 200 Stunden reduziert werden. Viele Befragte wollten parallel dazu die Anteile der Einzelsupervisionen, der Selbsterfahrung und der praktischen Ausbildung etwas erhöht sehen.

BPtK-Vorstandsmitglied Andrea Mrazek forderte den 14. DPT auf, in der Debatte um die Zukunft der Ausbildung auch tatsächlich die jungen Kollegen im Auge zu behalten. In Abhängigkeit davon, ob man von Ausbildungsteilnehmern, frisch approbierten oder lange etablierten Psychotherapeuten spreche, werde man die Konsequenzen von Weiterentwicklungen der Versorgung für die Kompetenzen von Psychotherapeuten sehr unterschiedlich beurteilen.

„Nach Vorstellung der Gutachter soll nicht nur an der einen oder anderen kleinen Stellschraube in der Psychotherapieausbildung gedreht werden. Daher sollten wir das Gutachten zum Anlass nehmen, die Debatte in der Profession noch einmal an Fahrt gewinnen zu lassen“, sagte BPtK-Präsident Richter. Es liege nun an der Profession, den sich aus den Daten ergebenden Änderungsbedarf selbst zu interpretieren und politische Schlussfolgerungen daraus zu ziehen. „Dafür können und müssen wir uns die erforderliche Zeit nehmen.“ Keinesfalls sei es ratsam, sich schnell auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu einigen.

An der Diskussion rund um den Beruf des Psychologischen Psychotherapeuten beteiligten sich derweil auch Außenstehende. Am Tag zuvor hatte der Staatssekretär im Bundesministerium für Gesundheit, Klaus Theo Schröder, anlässlich der Verleihung des Diotima-Ehrenpreises der deutschen Psychotherapeutenschaft seine Aufwartung gemacht. Das zehnjährige Bestehen des Psychotherapeutengesetzes erschien ihm der geeignete Zeitpunkt, sich grundsätzlich positiv zu deren Wirken zu äußern. „Ich unterstreiche noch einmal die Bedeutung Ihrer Tätigkeit für die Verbesserung der Lebenssituation der Patienten und für ihre Chance auf eine autonome Teilhabe.“ Ohne die Psychotherapeuten sei das deutsche Gesundheitssystem nicht mehr denkbar, führte Schröder weiter aus – insbesondere wenn man die extreme Zunahme psychischer Erkrankungen in den vergangenen Jahren betrachte. Die Depression gehöre heute zu den großen Volkskrankheiten. Und auch in den kommenden Jahren werde sich das Morbiditätsgeschehen noch weiter verändern; an die Stelle der körperlichen Belastungen würden zunehmend die psychischen Belastungen treten.

Seit zehn Jahren fest in der Versorgung verankert
Schröder erinnerte daran, dass der Gesetzgeber mit dem Psychotherapeutengesetz vor zehn Jahren Neuland betreten habe. Neben den Ärzten und Zahnärzten habe er einen neuen akademischen Heilberuf geschaffen und in der vertragsärztlichen Versorgung verankert. Damit sei ein Rechtsanspruch auf Versorgung mit Leistungen von PP und KJP geschaffen worden. Dies habe sich bewährt, konstatierte Schröder.

Auch die Vergütung in der vertragsärztlichen Versorgung habe sich inzwischen verbessert, betonte der Staatssekretär. „Ich weiß, für Sie war der Weg steinig, und häufig mussten die Gerichte bemüht werden.“ Er gehe jedoch davon aus, dass die Psychotherapeuten zu den Gewinnern der letzten Honorarreform zählten.

Mit dem Krankenhausfinanzierungsreformgesetz sei die Grundlage für die Weiterentwicklung und Stabilisierung eines Versorgungsbereichs der Psychotherapeuten geschaffen worden. Die Mindestquote für Leistungserbringer, die ausschließlich Kinder und Jugendliche behandelten, und der Gesetzentwurf als Reaktion auf die Kündigung der Sozialpsychiatrie-Vereinbarung seien die richtigen Antworten auf dringende aktuelle Versorgungsprobleme. Handlungsbedarf sieht Schröder bei der Regelung der Ausbildung der Psychologischen Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichentherapeuten. Das gerade vorgelegte Forschungsgutachten kann seiner Meinung nach eine Grundlage für künftige Reformen bilden. Bei der Finanzierung der Ausbildung sieht er unmittelbaren Handlungsbedarf – diese muss verbessert werden. Dabei sei eine BAföG-Lösung zu diskutieren.

Auch BPtK-Präsident Richter unterstrich in seinem Bericht zur Lage die eklatante Unterversorgung psychisch kranker Menschen in Deutschland: „Ärzte drohen mit Wartelisten für somatisch kranke Patienten. Wartelisten für psychisch kranke Menschen sind Versorgungsalltag.“ Er verwies auf den zunehmend hohen Anteil der Arbeitsunfähigkeitsdiagnosen aufgrund psychischer Erkrankungen. Mindestens fünf Millionen Menschen litten in Deutschland jährlich an einer schweren psychischen Krankheit und seien dringend psychotherapeutisch behandlungsbedürftig. Von dieser dramatischen Zunahme in den vergangenen Jahren seien alle Lebensalter betroffen.

Für den hohen Versorgungsbedarf gebe es, betonte Richter, ein viel zu geringes Behandlungsangebot. Wenn man bei den 20 000 vertragsärztlichen Psychotherapeuten von einer wöchentlichen Arbeitszeit von 30 Stunden und von 25 Behandlungsstunden pro Patient ausgehe, komme man im Jahr auf 1,1 Millionen Patienten. Zusammen mit den 400 000 stationär versorgten Patienten ergebe das im Jahr maximal 1,5 Millionen zur Verfügung stehende Behandlungsplätze. „Diese Zahlen sind bekannt, aber es passiert nichts.“ Folgen seien lange Wartezeiten bei den niedergelassenen Psychotherapeuten und eine zu hohe Verordnungsrate von Psychopharmaka.

Patienten auf der Warteliste werden nicht berücksichtigt
Auch der mit Beginn dieses Jahres eingeführte morbiditätsorientierte Risiko­struk­tur­aus­gleich in der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) sorge nicht dafür, dass diese Unterversorgung beseitigt werde. Denn hier werde nur der Behandlungsbedarf der Patienten abgebildet, die bereits Zugang zum Versorgungssystem gefunden haben, erklärte Richter. „Alle nicht Behandelten, alle auf Wartelisten können also nicht berücksichtigt werden.“ Der Bedarf sei aber da. „Wir brauchen mehr Psychotherapeuten in der ambulanten und stationären Versorgung“, forderte der BPtK-Präsident. Der Nachwuchs stehe dafür in ausreichender Zahl zur Verfügung. Aber: „Die Bedarfsplanung nimmt den tatsächlichen Behandlungsbedarf nicht zur Kenntnis.“ Diese stellt für Richter eine restriktive Zugangssteuerung zur GKV dar.

Auch die nunmehr im Gesetz zur Weiterentwicklung der GKV-Organisationsstrukturen festgeschriebene Mindestquote von 20 Prozent für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie habe bislang nicht umgesetzt werden können, kritisierte Richter. Denn der Gemeinsame Bundes­aus­schuss lasse sich Zeit mit der entsprechenden bundeseinheitlichen Neuregelung der Bedarfplanungs-Richtlinien.

Resolutionen: Sicherstellung der Versorgung
In Form einer Resolution forderte der 14. Deutsche Psychotherapeutentag die Gremien der gemeinsamen Selbstverwaltung auf, „endlich die erforderlichen Änderungen der Bedarfsplanung vorzunehmen und die zusätzlichen Praxissitze unverzüglich auszuschreiben“. Zudem solle sichergestellt werden, dass die Kosten der politisch gewollten Verbesserung der psychotherapeutischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen zusätzlich von den Krankenkassen übernommen würden. Denn nur ein kleiner Teil der Kinder und Jugendlichen, die als psychisch krank diagnostiziert würden, erhielten derzeit in Deutschland eine psychotherapeutische Behandlung.

Die Delegierten des Psychotherapeutentages wandten sich mit einer weiteren Resolution gegen aktuelle Bestrebungen bei Krankenkassen und Kassenärztlichen Vereinigungen, die seit Beginn des Jahres 2009 geltende Obergrenze für psychotherapeutische Leistungen, die im Quartal abgerechnet werden können, wieder abzusenken.

BPtK-Präsident Rainer Richter sieht künftig für die Psychologischen Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten ein erweitertes Tätigkeitsspektrum. Sie seien kompetent genug, Leitungsfunktionen etwa in psychiatrischen Institutsambulanzen, Tageskliniken oder auch Medizinischen Versorgungszentren übernehmen zu können. Sie sollten genauso wie Ärzte Arbeitgeber für die anderen an der vertragsärztlichen Versorgung teilnehmenden Berufsgruppen sein können. Richter regte zudem an, dass künftig auch die Verordnung von Heilmitteln, die Bescheinigung der Arbeitsunfähigkeit sowie die Überweisung ins Krankenhaus von Psychotherapeuten übernommen werden können. Selbst die Verordnung von Arzneimitteln erscheint ihm nach einer entsprechenden Qualifizierung als nicht ausgeschlossen.

Richter: Diagnosequalität muss verbessert werden
Richter geht davon aus, dass die Versorgungsforschung unter Nutzung der Routinedaten von Krankenkassen und Kassenärztlichen Vereinigungen die Unterversorgung bei den psychotherapeutischen Leistungen deutlich machen wird. Grundlage hierfür seien allerdings zuverlässig erhobene Daten. Hier mahnte er eine verbesserte Diagnosequalität an; in der Vergangenheit seien die Psychotherapeuten aus Sorge um eine Stigmatisierung ihrer Patienten doch mitunter etwas zurückhaltend bei der entsprechenden Codierung gewesen.

Abschließend betonte Richter, dass es zwar nötig sei, ökonomische Gesichtspunkte bei der psychotherapeutischen Versorgung zu berücksichtigen, man dürfe aber nicht die Ökonomen über den Behandlungsbedarf psychisch kranker Menschen bestimmen lassen.
Thomas Gerst, Sunna Gieseke


Resolutionen
(in gekürzter Fassung)

Weiterentwicklung Sozialpsychiatrie-Vereinbarung
Mit dem Gesetzentwurf zur 15. AMG-Novelle will der Gesetzgeber die gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) zum Abschluss einer Sozialpsychiatrie-Vereinbarung verpflichten, nachdem die Krankenkassen diese freiwillige Vereinbarung zwischen einzelnen Kassen, Kassenärztlichen Vereinigungen und der Fachgruppe KJPP zum 31. 12. 2008 gekündigt hatten. Damit soll ein multimodales, niedrigschwelliges Versorgungskonzept für die GKV-versicherten Kinder und Jugendlichen aufrechterhalten bleiben.

Der 14. Deutsche Psychotherapeutentag begrüßt ausdrücklich den politischen Willen des Gesetzgebers. Zur Sicherstellung dieser Versorgung genügt jedoch nicht eine einfache Fortschreibung der alten Sozialpsychiatrie-Vereinbarung, in der die mit dem Psychotherapeutengesetz geschaffenen Berufe des Psychologischen Psychotherapeuten (PP) und des Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (KJP) noch nicht berücksichtigt sind. Zur Sicherstellung der Versorgung ist die Einbeziehung der PP und KJP unverzichtbar. Der 14. Deutsche Psychotherapeutentag fordert den Gesetzgeber auf, bei der anstehenden Regelung alle an der Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit psychischen Störungen beteiligten Heilberufe einzubeziehen.

Deutscher Psychotherapeutentag unterstützt Verfassungsbeschwerde gegen BKA-Gesetz
Seit dem 1. Januar 2009 ist das Gesetz zur Abwehr von Gefahren des internationalen Terrorismus durch das Bundeskriminalamt (BKA) in Kraft. Seither kann das BKA präventiv ohne konkreten Tatverdacht ermitteln. Zur Abwehr internationaler terroristischer Verbrechen kann es in die Persönlichkeitsrechte und die Privatsphäre von Patienten und Psychotherapeuten eingreifen, ohne die Staatsanwaltschaft zu informieren. Das Zeugnisverweigerungsrecht von Psychotherapeuten wurde massiv beschnitten. Das BKA kann online in psychotherapeutische Praxen eindringen sowie deren Telefone überwachen. Psychotherapeuten geraten damit ins Visier verdeckter Ermittlungen.

Die Delegierten des 14. Deutschen Psychotherapeutentages kritisieren das neue BKA-Gesetz als rechtsstaatlichen Tabubruch und halten es für verfassungswidrig. Das BKA-Gesetz greift in die Intim- und Privatsphäre des Menschen ein, die das Grundgesetz unter einen besonderen Schutz gestellt hat. Gespräche zwischen Psychotherapeuten und ihren Patienten gehören zum Kernbereich der privaten Lebensgestaltung, der nach Urteilen des Bundesverfassungsgerichts als ein letzter unantastbarer Bereich menschlicher Freiheit jeglichem staatlichen Einwirken entzogen ist.


Diotima-Ehrenpreis
Zum ersten Mal hat die Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) am 8. Mai 2009 in Berlin den Diotima-Ehrenpreis der deutschen Psychotherapeutenschaft verliehen. Mit der Diotima möchte die BPtK jährlich Personen ehren, die sich besonders um die Versorgung psychisch kranker Menschen verdient gemacht haben oder sich durch ein besonderes berufspolitisches oder wissenschaftliches Engagement auszeichnen.

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Annelies Arp-Trojan setzte sich dafür ein, den Heilberuf des Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten zu etablieren. Sie warb für einen Zugang über einen pädagogischen Grundberuf. Sie war langjährige Vorsitzende der Vereinigung analytischer Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten.

Detlev Kommer † war der erste BPtK-Präsident. Deren Gründung und Aufbau trieb er mit unermüdlichem Einsatz und großem Weitblick voran. Er prägte die Strukturen, in denen die Psychotherapeuten sich heute bewegen. Groß war sein Einsatz für gemeinsame Positionen der Psychotherapeutenschaft.

Hans-Joachim Schwarz war lange Präsident des Deutschen Psychotherapeutenverbandes, der heutigen Psychotherapeutenvereinigung. Leitmotiv seiner Berufstätigkeit als Klinischer Psychologe und seines berufspolitischen Engagements war die bestmögliche Versorgung von Patienten auf wissenschaftlich-psychologischer Grundlage.

Fotos: Bundes­psycho­therapeuten­kammer
Fotos: Bundes­psycho­therapeuten­kammer
Prof. Dr. Hans-Volker Werthmann hatte viele Jahre den Vorsitz der Deutschen Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie (DGPT) inne. Bereits in den 70er-Jahren entwickelte er eine Zusatzweiterbildung für Psychologen in tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie.

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