ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2009Magersucht: Nur ein ganzheitlicher Ansatz hilft

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Magersucht: Nur ein ganzheitlicher Ansatz hilft

PP 8, Ausgabe Juni 2009, Seite 259

Schmitt-Sausen, Nora

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Breitseite:Für die Marke Dove werben rundere Frauen als üblich. Unilever unterstützt zudem Angebote des Frankfurter Zentrums für Essstörungen. Foto:picture-alliance/akg-images
Breitseite:Für die Marke Dove werben rundere Frauen als üblich. Unilever unterstützt zudem Angebote des Frankfurter Zentrums für Essstörungen. Foto:picture-alliance/akg-images
Hilfsangebote für Magersüchtige fehlen oder werden zu spät wahrgenommen.
Das kritisierten Fachleute im Rahmen einer Anhörung im Bundestag. Sie fordern zudem, bessere Präventionsangebote zu entwickeln und Erzieher stärker einzubeziehen.

Die Debatte um adipöse Kinder und Jugendliche hat das Thema Magersucht in jüngster Zeit aus der öffentlichen Wahrnehmung gedrängt. Dennoch ist es aktuell. Es gibt sogar Hinweise darauf, dass die Erkrankung in der Gruppe der 14- bis 18-Jährigen zugenommen hat, insbesondere bei Mädchen.

„Magersucht ist heute die dritthäufigste chronische Erkrankung im Jugendalter“, berichtete Prof. Dr. med. Beate Herpertz-Dahlmann von der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie am Universitätsklinikum Aachen. Sie war Mitte Mai als Sachverständige vom Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend geladen. Auf Antrag der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen wurde über „Maßnahmen gegen Magersucht“ beraten.

Erstkontakt: häufig anonym
Sieben Sachverständige zeichneten ein Bild von einer defizitären Lage im familiären Umfeld, in dem etwa gemeinsame Mahlzeiten immer seltener würden. Zudem verschleierten Betroffene ihre Magersucht „lange und geschickt“, so Dr. med. Hermann Mayer vom Zentrum für Kinder, Jugendliche und Familien der Klinik Hochried. Dazu passe, das viele Betroffene zunächst anonym Beratung suchten. 83 bis 85 Prozent wählten für den Erstkontakt die Telefon- und Internetberatung, sagte Sigrid Borse vom Frankfurter Zentrum für Essstörungen. Deshalb seien mehr qualifizierte, aber niedrigschwellige Beratungsangebote unerlässlich.

Die Experten forderten zudem unisono, Erzieher und Lehrer einzubeziehen. Nicht nur müsse das Thema Essen und gesunde Ernährung mehr Raum in Schulen und Kindertagesstätten finden, es sei auch eine Sensibilisierung und Schulung des pädagogischen Fachpersonals nötig. Erzieher hätten schließlich eine große Chance, Essstörungen frühzeitig zu erkennen.

Aber auch im Gesundheitswesen wird Handlungsbedarf gesehen. Mitarbeiter dort seien nicht immer ausreichend sensibilisiert und informiert, hieß es. Betroffene berichteten von mangelnder Unterstützung durch Ärzte und Ernährungsberater. „Ärzte erkennen deutliche Anzeichen der Krankheit oft nicht“, erklärte Herpertz-Dahlmann. Bereits im Studium müssten deshalb Kenntnisse der Kinder- und Jugendpsychologie vermittelt werden.

Kritik an Prävention
Sowohl den Zugang zu ambulanten als auch klinischen Versorgungsangeboten bezeichneten die Sachverständigen überwiegend als schlecht. Auf Termine bei Psychotherapeuten warte man je nach Region bis zu einem Jahr, betonte Borse.

Kritisiert wurde auch die mangelnde Effizienz vieler Präventionsmaßnahmen. Es gebe zwar „eine Flut von Programmen“, diese seien aber selten nachhaltig angelegt, bemängelte Thomas Altgeld von der Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen. Die Sachverständigen empfehlen deshalb ein vernetztes Angebot aus Prävention, Beratung, ambulanter und stationärer Therapie sowie Nachsorge. Behandlungen von Magersüchtigen könnten langfristig nur Wirkung erzielen, wenn auch die Familien der Betroffenen mit in die Therapie einbezogen würden.

Um mehr Erkenntnisse über Magersüchtige zu gewinnen, sei jedoch auch eine bessere Datenlage nötig. „Wir haben auf diesem Gebiet sehr viel Forschungsbedarf. Bislang kommt bei vielen Studien nichts heraus“, sagte Mayer. Die erste bundesweite Datensammlung zum Thema Essstörungen lieferte die sogenannte KIGGS-Studie des Robert-Koch-Instituts. Für diesen Report wurden zwischen 2003 und 2006 mehr als 17 000 Mädchen und Jungen im Alter bis 17 Jahre auf ihren Gesundheitszustand hin untersucht.

Mehr Wissen ist nötig, denn die Chancen auf eine erfolgreiche Therapie stehen noch nicht gut: Nach drei Jahren seien weniger als die Hälfte der Patientinnen geheilt, hieß es.
Nora Schmitt-Sausen
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