ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2009Georg Groddeck: „Fanatiker der Heilkunst“

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Georg Groddeck: „Fanatiker der Heilkunst“

PP 8, Ausgabe Juni 2009, Seite 262

Goddemeier, Christof

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Georg Groddeck blieb der Psychoanalyse zeitlebens treu. Allerdings galt er in Forschungskreisen als umstritten. Foto: Georg Groddeck-Gesellschaft
Georg Groddeck blieb der Psychoanalyse zeitlebens treu. Allerdings galt er in Forschungskreisen als umstritten. Foto: Georg Groddeck-Gesellschaft
Vor 75 Jahren starb der Arzt und Analytiker Georg Groddeck.

Wilder Analytiker“, „Fanatiker der Heilkunst“, „Vater der Psychosomatik“, „Es-Deuter“ – auf die charismatische Persönlichkeit Georg Groddecks treffen alle diese Bezeichnungen zu. Nachdem er mit den Schriften Sigmund Freuds in Kontakt gekommen war, trug er maßgeblich dazu bei, eine neue, von Freuds Psychoanalyse inspirierte, psychosomatische Medizin zu verbreiten. Dabei sah er seine Hauptbegabung in der Krankenbehandlung. Mit einer Mischung aus Diät, Massage, Bädern und psychoanalytischen Techniken half er in seiner eigenen Klinik in Baden-Baden zahlreichen Patienten, bei denen andere Ärzte nicht weiterwussten. Wissenschaftliches Denken lag ihm dagegen fern. In seinen Romanen „Ein Kind der Erde“ (1905) und „Der Seelensucher“ (1921) fand der Dichter Groddeck eine literarische Form.

Georg Groddeck wird 1866 als Sohn eines Badearztes in Bad Kösen an der Saale geboren. Sein Großvater unterrichtet in der Königlichen Landesschule Pforta neben anderen Friedrich Nietzsche. Mit seiner Dissertation „Die demokratische Krankheit, eine neue Form des Wahnsinns“ legt Groddecks Vater Carl 1850 vor allem eine politische Kampfschrift vor. Als der Dekan das Kolloquium nach drei Stunden beendet, kommt es zu tumultartigen Szenen. Zeitlebens verachtet Carl Groddeck die Schulmedizin, die gerade dabei ist, ihre empirisch-naturwissenschaftlichen Methoden zu entwickeln. Ihm zufolge soll der Arzt die Natur beobachten und in ihrer Heilkraft unterstützen. „Mein Vater war ein Ketzer unter den Ärzten“, schreibt Georg Groddeck über ihn.

Er versuchte, zu „heilen“ und nicht nur verschreiben
Ab 1885 studiert er in Berlin Medizin. Er lernt Ernst Schweninger kennen, der ihn tief beeindruckt. Der Leibarzt des Reichskanzlers Bismarck propagiert wie Groddecks Vater eine abwartende Medizin. Nicht verborgene Ursachen einer Krankheit gilt es zu erforschen, sondern wie man einem Kranken Linderung verschaffen kann. „Heilen kann kein Arzt! (. . .) Es heilt“, schreibt Schweninger in „Der Arzt“ (1906). In seiner Doktorarbeit findet Groddeck heraus, dass Hydroxylamin gegen Hautkrankheiten wirkungslos ist. Dabei geht es ihm und seinem Doktorvater Schweninger nicht nur um diese Substanz, sondern um eine allgemeine Kritik an der Produktion und Verbreitung von Arzneimitteln. Denn, so Groddeck, der Grund zur Möglichkeit einer Erkrankung liegt „in den Lebensverhältnissen, in denen das Individuum existiert. (. . .) Diese Lebensverhältnisse (. . .) so ändern, dass sie nicht mehr schädigend auf den Organismus einwirken können, das heißt wirklich heilen“.

Groddecks „Kur“ ist eine Mischung aus Körper- und Suggestionstherapie. Der Breslauer Arzt Hermann Cohn beschreibt ihren Ablauf: Die Massage werde dreimal täglich auf „ganz eigenartige Weise“ von Groddeck persönlich ausgeführt. Zum Schluss „springt der Arzt in ganzer Person auf den Leib des Patienten, sodass seine beiden Knie tief in die Magengrube hineindrücken“. Einen großen Teil ihrer Wirkung erzielt die Kur durch Groddecks Persönlichkeit – Michael Balint verwendet später die Metapher von der „Droge Arzt“. Dabei unterscheidet sie nicht zwischen seelischen und körperlichen Erkrankungen; Seelisches kommt als eigenständiges Phänomen zunächst nicht vor. Jede Kur ist auf einen bestimmten Menschen zugeschnitten. Bereits Wilhelm Griesinger hatte betont, dass eine individuelle Therapie notwendig ist: „(. . .) dass nicht die Tobsucht, sondern ein tobsüchtig Gewordener das Objekt unserer Behandlung sei“ (1845). Dem entspricht, wenn Groddeck fordert, dass man nicht Krankheiten, sondern kranke Menschen behandeln solle.

Noch in seiner Schrift „Nasamecu“ (= Natura sanat, medicus curat, 1913) spricht Groddeck vom „gefährlichen Gift der Psychoanalyse“. 1917 schreibt er Freud zum ersten Mal und bereut seine frühere Ablehnung. Während Freud durch das Studium der Neurosen zu seiner Lehre gelangt, nähert Groddeck sich dem Unbewussten über die „Beobachtung von Leiden, die man körperlich zu nennen pflegt“. Ausgehend von seinen Studien zur Hysterie entwickelt Freud das Modell der Konversion: Seelische Konflikte wandeln sich in körperliche Symptome, die verdrängte Vorstellungen und Affekte symbolisch ausdrücken. Dieses Modell wendet Groddeck auf alle Krankheiten an. In seiner Schrift „Psychische Bedingtheit und psychoanalytische Behandlung organischer Leiden“ (1917) kommt er im Unterschied zu Freud zu dem Schluss, „dass es eine psychische Bedingtheit körperlicher Krankheiten nicht gibt. Das Ubw ist weder psychisch noch körperlich“. Freud stimmt einer Ausweitung der Psychoanalyse auf Organerkrankungen zwar grundsätzlich zu; doch darf man ihm zufolge die Grenze zwischen Psyche und Soma nicht verwischen, das Seelische sei nicht „alles am Menschen“. Während Freud dem Somatischen eine gewisse Unabhängigkeit zugesteht, ist für Groddeck die gemeinsame Quelle seelischer und körperlicher Erkrankungen das „Es“. Folgerichtig gibt es für ihn keine Konversion im freudschen Sinne. Bereits 1909 taucht der Begriff „Es“ bei Groddeck zum ersten Mal auf. Im Buch „Hin zur Gottnatur“ ist das „Es“ das „große Geheimnis der Welt“. 1917 nennt er es eine „religiöse Sache“: „Es existiert eine geheime Kraft, die dich gesund und krank macht, die dich leben und sterben lässt; ihr zu gehorchen, sich ihr nicht zu widersetzen, darauf kommt es an.“ Bei einem solchen allmächtigen „Es“ ist das Bewusstsein nur willenloses Anhängsel. Freuds therapeutisches und kulturphilosophisches Credo „Wo Es war, soll Ich werden“ ist mit Groddecks Auffassung kaum vereinbar. 1917 spielt Freud den Gegensatz noch herunter und sieht Groddeck gegenüber keine Notwendigkeit, den Begriff vom Unbewussten zu erweitern, um dessen Erfahrungen bei organischen Erkrankungen einzubeziehen. Er bescheinigt dem zweifelnden Groddeck, ein „prächtiger Analytiker“ zu sein, „der das Wesen der Sache unverlierbar erfasst hat. (. . .) Ob er das ,Ubw’ auch ,Es’ nennt, das macht keinen Unterschied“. Dabei ist ihm klar, dass Groddecks „Es“ und sein Unbewusstes nicht identisch sind: „Groddeck geht weiter (. . .) Sein ,Es’ ist mehr als unser Ubw, nicht klar von ihm abgegrenzt, aber es ist etwas Wirkliches dahinter“, schreibt er 1917 an Lou Andreas-Salomé. 1923 treten die Unterschiede deutlicher hervor. Im März erscheint im Internationalen Psychoanalytischen Verlag Groddecks „Buch vom Es“, 34 „psychoanalytische Briefe an eine Freundin“. Einen Monat später veröffentlicht Freud im selben Verlag „Das Ich und das Es“. Zwar übernimmt Freud von Groddeck den Begriff des „Es“, verweist aber gleichzeitig auf Nietzsche, der bereits von einem „Es“ sprach und damit die Summe aller Triebe und Leidenschaften bezeichnete, die als naturhafte Kräfte das menschliche Leben bestimmen. Bei näherer Betrachtung haben Groddecks und Freuds „Es“ wenig miteinander zu tun. Was bei Groddeck eine gottähnliche, schöpferische Urkraft ist, definiert Freud neben „Ich“ und „Über-Ich“ als eine von drei Instanzen. Der Praktiker Groddeck unternimmt in literarischer Form einen Streifzug durch die Theorien der Psychoanalyse, die er durch Fallbeispiele und Selbstanalysen veranschaulicht. Freud ersetzt in einer theoretischen Abhandlung sein topografisches Modell der Psyche durch ein Strukturmodell. Dabei wird deutlich, dass das „Ich“ nicht einfach mit dem System „Wahrnehmen – Bewusstsein“ identisch ist, denn auch das „Ich“ enthält unbewusste Anteile. Freud zufolge gleicht das „Ich“ „im Verhältnis zum Es dem Reiter, der die überlegene Kraft des Pferdes zügeln soll, mit dem Unterschied, dass der Reiter dies mit eigenen Kräften versucht, das Ich mit geborgten“. Groddecks Konzept des „Es“ verwischt die Konturen von Körper und Seele in einem „Panpsychismus“, der sich bereits in der romantischen Medizin, etwa bei Carl Gustav Carus, findet. „Körperliche Leiden existieren nicht, seelische Leiden wohl (. . .) Körper und Seele ist ein Ganzes; der Mensch hat nicht zwei Funktionen. Das hat Konsequenzen, indem der Makel, den unsere Zeit auf seelische Leiden wirft, abfällt. Seelisches Leiden heißt krank sein“, sagt Groddeck 1916 in einem Vortrag.

Groddeck sieht den Arzt im Dienst der Natur
Als einer der ersten bereitet er vor, was etwa der Psychoanalytiker Felix Deutsch 1922 als psychosomatisch im heutigen Sinn bezeichnen wird. Groddeck ist überzeugt von der Idee der Zweckmäßigkeit in allen Lebenserscheinungen. So verstanden ist Krankheit eine Leistung des Organismus, die lebensgeschichtlich, sexualpsychologisch und symbolisch verstanden werden will. Bereits 1907 sprach Alfred Adler in seiner „Studie über Minderwertigkeit von Organen“ von einem „Dialekt der Organe“, mit dem der Einzelne Stimmungen und Haltungen mitteilt, die er sprachlich nicht äußern kann, und die der deutenden Übersetzung bedürfen. Groddeck zufolge steht der Arzt im Dienst der Natur, die krank machen und heilen kann. Als Mediziner und Analytiker überblickt er den gesamten Menschen, zu dem eine moderne Medizin, die sich in Spezialdisziplinen verzweigt hat, keinen Zugang mehr findet.

Der Psychoanalyse bleibt er zeitlebens treu
Unter den Psychoanalytikern ist Groddeck umstritten. Manche begrüßen seine Originalität, anderen geht seine zum Teil abenteuerliche Deutungswut zu weit. 1920 trifft Groddeck Freud zum ersten Mal und wird Mitglied der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung. Ab 1922 gehört er mit Karl Landauer, Hans Prinzhorn, Frieda Fromm-Reichmann und Erich Fromm zum Kreis der südwestdeutschen Psychoanalytiker. Auf dem Psychoanalytischen Kongress 1925 in Homburg befürwortet er wie Freud die Laienanalyse und erntet heftige Kritik. Als selbsternannter „wilder Analytiker“ hält er keinen der führenden Psychoanalytiker in dem Sinn für ausgebildet, „dass er sich anders als wild analysierend vorkommen könnte“. Freud distanziert sich: „Persönlich mag ich ihn sehr, aber wissenschaftlich ist er wohl nicht brauchbar (. . .) und für die Ausarbeitung einer Idee ist er nicht der richtige Mann“, schreibt er an Sándor Ferenczi. Groddeck ist enttäuscht und macht Freud dafür verantwortlich, dass seine Position sich innerhalb der Psychoanalyse nicht durchsetzen kann. Trotz dieser Differenzen setzen Freud und Groddeck ihren Briefwechsel fort, Groddeck bleibt der Psychoanalyse zeitlebens treu.

Anfang Juni 1934 hält Georg Groddeck seinen letzten Vortrag vor der Schweizerischen Psychoanalytischen Gesellschaft. Am 11. Juni stirbt er im Sanatorium Schloss Knonau bei Zürich.
Christof Goddemeier
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1.
Jägersberg O (Hrsg.): Georg Groddeck – Dokumente und Schriften. Bühl-Moos 1984.
2.
Martynkewicz W: Georg Groddeck. Frankfurt 1997.
3.
Rattner J: Georg Groddeck. In: Klassiker der Tiefenpsychologie. München 1990.
1. Jägersberg O (Hrsg.): Georg Groddeck – Dokumente und Schriften. Bühl-Moos 1984.
2. Martynkewicz W: Georg Groddeck. Frankfurt 1997.
3. Rattner J: Georg Groddeck. In: Klassiker der Tiefenpsychologie. München 1990.

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